Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 109 DIE3^ELT und ihrer Durchbringung beauftragt. Und tatsächlich ist es nun endlich durch seine Bemühungen gelungen, die Genehmigung neuer Statuten durchzusetzen und das Kaiserliche Irade zur Eröffnung der Leihkasse zu erlangen. Die Ica ist nun, in richtiger Würdigung der hohen Bedeutung des Unternehmens, weit über den finanziellen Rahmen des alten Projektes hinausgegangen und hat 200 000 Francs für das Grundkapital gestiftet. Und es steht zu erwarten, daß auch andere Organisationen sich nun in stärkerem Maße, als früher vorgesehen, an dieser Volksbank beteiligen werden, die ein außerordentlicher Segen für die Konstantinopeler Judenheit zu werden verspricht. Die Errichtung einer größeren Anzahl von Einfamilienhäusern für die Brandgeschädigten in Balat war ebenfalls ein Vorschlag von Dr. Markus. Aber auch hier hatte die zur Verwirklichung der Idee eingesetzte, aus Delegierten des Hilfsvereins, des Ordens Bene Berith und der Alliance bestehende Kommission, schier unübersteigliche Hemmnisse vor sich. Die Raumfläche der alten Brandstätten konnte nicht bebaut werden, weil der allgemeine Bauplan der Stadtverwaltung noch nicht zustande gekommen ist (dieses Zustandekommen kann gut noch seine zehn Jahre dauern), ohne den kein einziger Bau errichtet werden darf, und weil andere geeignete Terrains in gesunder Lage nicht zu finden waren. Endlich ist doch ein solcher Platz ins Gesichtsfeld der Kommission getreten, konnte aber lange nicht erworben werden, weil ein Prozeß über ihn zwischen dem vorigen und dem gegenwärtigen Besitzer geführt wurde. Vor kurzem hat nun der störende Prozeß seine Entscheidung gefunden, und das Terrain konnte endlich angekauft werden. Vergangenen Mittwoch ist der1 Kaufkontrakt von Dr. Markus als dem Präsidenten der Kommission unterzeichnet worden. Der Bauplatz liegt in H a s k ö j auf einem Hügelabhang an der Südseite mit schöner Aussicht über das Goldene Horn und Stambul, gesund und luftig. Es soll mit der Errichtung von zehn Häusern in kürzester Frist begonnen werden. Dem Projekte zufolge werden die Einwohner durch Zahlung ihrer Miete nach und nach Eigenbesitzer der Häuschen werden. Die der Kommission aus diesen Amortisierungen zurückfließenden Gelder sollen zu immer weiteren Neubauten verwendet werden. < Die Hilfsaktion für die jüdischen Kriegsgeschädigten in Konstantinopel Die Zahl der von der Konstantinopeler Hilfskommission zu versorgenden Kriegsgeschädigten beläuft sich bereits auf 3050. Die Behörden haben mit der Lieferung von Brot an die jüdischen Flüchtlinge vollkommen aufgehört; die eingeleiteten Protestschritte blieben erfolglos. Alles liegt also nun zu Lasten der Kommission. Die starke Kälte erfordert massenhafte Neuanschaffungen von Bettgarnituren, Schuhwerk und Kohlen. Die Kasse der Kommission ist bereits leer; ihr Defizit beträgt 10000 Francs. Im letzten Momente half ihr vergangene Woche der Hilfsverein der Deutschen Juden über ihre Not hinweg durch neue Ueberweisung von 12 000 Francs an ihren Vertreter Dr. Markus. Dieser Betrag reicht genau für eine Woche. . Die weiteren Fonds werden von den Delegierten de(s Brüsseler Hilfskomitees erwartet, die ihre Reise hierher bereits angetreten haben und in einigen Tagen Eintreffen sollen. Jüdische Namen in England als Waffen im politischen Kampfe (Von unserem Berichterstatter.) London. Wir Juden haben eine Leidensgeschichte von solcher Tragik, daß wir uns wahrlich nicht mit Beschwerden von untergeordneter Bedeutung abgeben sollten. Gerade im freien, vorurteilslosen England aber wird es von den Juden besonders schmerzlich empfunden, wenn Haß und Neid die jüdische Ehre begeifern. Zum erstenmal befinden sich Juden, zwei Juden, im englischen Ministerium, und dazu noch ein Unterstaatssekretär für Indien, der gleichfalls Jude ist. Von den Ministern heißt der eine I s a a c s und der andere Samuel; der Unterstaatssekretär, ein Verwandter des letzteren, sollte eigentlich auch Samuel heißen, aber schon sein Vater (bekannt als Sir Samuel Montagu) änderte seinen ursprünglichen Familiennamen Samuel in Montagu um. Als der führende liberale Politiker Mr. David Lloyd George während der heftigen Agitation für und gegen sein Budget den unbequemen Lord Rothschild ein für allemal abfertigen wollte, fand er kein besseres Argument als den Hinweis, daß das Land schon zuviel von „N a t h a - nie 1" Rothschild habe. Indem er, ganz gegen englischen Brauch, den jüdischen Vornamen dieses Pairs erwähnte und wiederholte, glaubte Mr. Lloyd George, der ja selbst den jüdisch klingenden Vornamen David trägt, seinen Gegner genügend gekennzeichnet zu haben. Daß er sich später gegen den Vorwurf des Antisemitismus verwahrte, ändert nichts an der Sache. Die Hauptsache ist, daß man — in England! — einen Juden durch die bloße Erwähnung seines jüdischen Namens herabsetzen kann. Ein anderes Beispiel. Im Laufe der großen Homerule- Debatte im Hause der Gemeinen wird plötzlich entdeckt, daß die schlagendsten statistisch-finanziellen Einwendungen gegen die Selbstverwaltung Irlands von einem Mr. S. Rose n b a u m stammen. Dieser Umstand wird im Parlament von einem irischen Abgeordneten, Mc. V e a g h, der sich des nicht allzu irischen Vornamens Jeremiah erfreut, durch „witzige" Bemerkungen gegen „den irischen Patrioten Rosenbaum“ weidlich ausgebeutet. Zwar hat der jüdische Postminister Mt. Samuel eine führende Rolle in dem Kampfe für Home Rule gespielt, aber einen Namen wie Rosenbaum kann man doch nicht ganz ohne weiteres links liegen lassen. Auch der SolicitoT-General, Sir John Simon, konnte sich trotz seines eigenen alttestamentlichen Namens nicht enthalten, als er das offizielle Handbuch gegen Home Rule zitierte, mit dramatischem Schlußeffekt zu erklären, daß dieses Werk mit Beiträgen aller Führer der unionistisch-konservativen Partei von keinem anderen redigiert sei als von Mr. Rosenbaum. Darauf schallendes Gelächter bei den Liberalen und Irländern, während die armen Anti-Home Ruler in ihrer Verlegenheit zunächst sprachlos waren. Erst später fragte Mr. F. E. Smith, ein führender Anti-Home Ruler, in seiner Rede, ob denn die Tatsache, daß einer Jude ist, genüge, um ihn anzugreifen. — Ein weiterer Fall: Für das Postministerium ergab sich die Notwendigkeit, einen Vertrag mit der Marconi-Gesellschaft abzuschließen, und als es bekannt wurde, daß der Managing Director dieser Gesellschaft, Mr. Godfrey I s a a c s , ein Bruder des Ministers Sir Rufus Isaacs ist, da fing man zu munkeln an, daß es bei diesem Vertrag nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Mr. Herbert Samuel, Sir Rufus Isaacs, Mr. Godfrey Isaacs — das ist doch gar zu bunt. Die Sache wurde von Sir Rufus Isaacs und Mr. Herbert Samuel vor das Forum des Parlaments gebracht, und niemand wagte eine Silbe gegen diese Ehrenmänner vorzubringen. Es wurde aber doch eine Kommission eingesetzt, die das ganze Unternehmen untersuchen soll. Eines Tages wurde wieder bekannt, daß die Firma Samuel Montagu & Co. eine Menge Silber für die indische Regierung zum anerkannten Vorteil der letzteren geliefert hatte. Nun ist ein Mitglied der Familie Samuel Montagu Unterstaatssekretär für Indien. Wohl ist erwiesen, daß dieser Minister von den Verhandlungen ganz ausgeschlossen war und auf dieselben keinerlei Einfluß ausgeübt hatte, aber der jüdische Name des Unterstaatssekretärs genügte, um eine förmliche Agitation gegen die Samuels hervorzurufen. Gegenwärtig ist in England eine Bewegung gegen die Einfuhr von Opium aus Indien nach China im Gange. Der