Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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108 DIE2§gELT lieh an seinen Bruder gerichtet hat. Bekanntlich waren alle Anstrengungen, eine Wiederaufnahme des Verfahrens durchzusetzen, bisher vergeblich. Ehe in einigen Zeitungen verbreitete Nachricht, Hilsner habe sich in der Strafanstalt taufen lassen, ist unwahr. Der Brief hat folgenden Wortlaut: Stein a. d. Donau, am 6. Jänner 1913. Lieber Bruder Moritz! Ich grüße Dich vielmals und teile Dir mit, daß ich bei allen meinen Leiden und allem Kummer gesund bin. Ich habe mit Herrn Rabbiner von meiner Angelegenheit gesprochen und ihn gefragt, ob ich je die Sonne wieder sehen werde? Er wollte mich trösten, aber was kann er sagen? Und so möchte ich Dich bitten, an Herrn Dr. Bloch nach Wien zu schreiben, er soll sich meiner annehmen und für mich das Erbarmen anrufen. Erbarmen über einen Unglücklichen, Unschuldigen, den man ohne Grund in den Kerker geworfen. Sind denn alle guten Menschen in der Welt ausgestorben, daß sich keiner für ein armes Wesen annimmt? Ist denn der allmächtige Gott nicht mehr, daß er so ein Unrecht duldet? Lieber Bruder Moritz! Schreibe an Herrn Dr. Bloch, er soll die Güte haben, mit Herrn Dr. Schneeberger wegen der Wiederaufnahme des Verfahrens zu sprechen, um eine neue Verhandlung zu erwirken. Es ist doch schon die höchste Zeit, einen unschuldigen Menschen in Freiheit zu bringen und das Licht des Tages sehen zu lassen. Groß ist mein Jammer und meine Kränkung, daß ich nun unschuldig bereits 14 Jahre im schweren Kerker schmachte; ich bete jeden Tag zum lieben Gott, er soll meine Bitte erhören, meine Unschuld ans Tageslicht bringen. Ich bitte alle edlen Menschen mit aufgehobenen Händen, sich meiner anzunehmen und Schritte zu tun, um mich Unschuldigen zu retten. Ich bitte Herrn Dr. Bloch, er soll mein Schreiben in der „Wochenschrift" abdrucken, damit jeder meiner traurigen Lage sich erinnere und mit einem Unglücklichen Mitleid hat. Lieber Bruder! Im Monate August habe ich von Herrn Dr. Bloch einen Brief erhalten, wo er mir eine Vollmacht für Herrn Dr. Wilhelm Schneeberger beigelegt hat, ich habe die Vollmacht mit meinem Namen bestätigt. Sei so gut, wende Dich an Herrn Dr. Bloch und lege mein heutiges Schrei- Lieber Bruder! Sei so gut und schreibe sofort an Herrn Dr. Bloch, man solle die Sache rascher in Angriff nehmen und auch mir nach Stein eine Antwort schreiben. Alle guten Menschen möchten Erbarmen empfinden mit einem Unglücklichen, der schon bereits 14 Jahre unschuldig im Kerker schmachten muß. Dein treuer unglücklicher Bruder Leopold Hilsner in der k. k. Strafanstalt Stein a. d. D. Dies der Wortlaut des Briefes. Europa schweigt. Es kann sich mit so geringfügigen Angelegenheiten nicht beschäftigen. Es muß neue diplomatische Formeln ausfindig machen. Es muß den Heiden das Christentum bringen. Kurzum, es ist zu beschäftigt. Die arabische Frage (Von unserem Berichterstatter.) Kon stan ti nop e 1. In der Pressediskussion, die über die verlangten Reformen in Syrien zwischen Arabern und Türken geführt wird, sind von J. S. Naggiar folgende Punkte als die Desiderata der arabischen Nation in Syrien aufgestellt worden: 1. Ausdehnung der Vollmachten der Generalräte (Provinzialversammlulngen) der syrischen Wilajeis; 2. Anerkennung der arabischen Sprache als offizieller Sprache in den Verwaltungsstellen dieser Provinzen; Nr. 4 3. Ernennung ausländischer Inspektoren an die Spitze aller Administrationszweige; 4. Regionaler Militärdienst; 5. Zusammenarbeit des Walis mit einem vom Generalrat der Provinz gewählten Ausschüsse, dem ein ausländischer Inspektor zugeteilt wäre; 6. Ernennung von Einheimischen zu den Aemtern der Lokalverwaltungen. i; Derselbe Publizist versichert, daß den Arabern jeglicher Separatismus oder die Begünstigung eines arabischen Khalifates absolut fernlägen und erklärt, daß die aufgezählten Reformen für die Ruhe, den Fortschritt und die Sicherung gegen Begehrlichkeiten des Auslandes unumgänglich wären. Von türkischer Seite wird demgegenüber Mißtrauen gegen die Reinheit der arabischen Absichten geäußert. Man fürchtet dahinter ausländische Intrigen und wirft den Syrern vor, daß sie sich blindlings als Werkzeuge derselben mißbrauchen lassen. Die arabische Sprache s e i bereits in den Landesgerichten zugelassen, die Einheimischen bilden jetzt schon die überwiegende Zahl der Lokalbeamten, die Forderung der Ausdehnung der Provinzialratsvollmachten sei unklar; ganz unzulässig aber, selbst für eine Diskussion, sei das Verlangen nach regionalem Militärdienst. Der ernsteste Vorwurf aber, der gegen die arabischen Reformisten erhoben wird, ist der, daß sie just diesen Moment höchster Reichsgefahr zur Aufrollung der Frage gewählt haben. Gemeinnützige Unternehmungen für die Konstantinopeler Juden In der Türkei geht immer alles langsam. So sind auch verschiedene Unternehmungen, die seit einigen Jahren das ausländische Judentum zum Besten der Juden unserer Hauptstadt einleitete, lange Zeit hindurch unvollendet, ja vielfach nur im Stadium der Projekte geblieben. Man würde draußen irren, wenn man glaubte, daß die Schuld an der Verzögerung die Lokalkommissionen treffe. Nichts anderes als die Landesverhältnisse, die mangelhafte Gesetzgebung und elende Verwaltungspraxis sind dafür verantwortlich. Erfreulicherweise ist es gerade jetzt, in dieser Epoche neuer Leiden und Krisen der hiesigen Judenheit und neuer Hilfsaktionen zu ihren Gunsten, endlich gelungen, zwei wichtige Unternehmungen der endlichen Realisierung entgegenzuführen. Es sind das die Gründung einer jüdischen Leihkasse oder Volksbank und die Errichtung eines jüdischen Stadtviertels für die Geschädigten des vorjährigen Balater Riesenbrandes. Die Leihkasse geht auf einen Vorschlag unseres Gesinnungsgenossen Oberrabbiner Dr. Markus zurück, der ihn als Vertreter des Hilfsvereins der Deutschen Juden unmittelbar nach dem Brande von H a s k ö j vor fünf Jahren machte. Der Plan, damlals in allen Einzelheiten vom Initiator ausgearbeitet, fand die Zustimmung auch der anderen am Hilfswerke beteiligten Organisationen, der Alliance Israelite und besonders der Ica. Nach jenem Plane sollten die zur Brandhilfe gesammelten 60000 Francs als Grundkapital der zu errichtenden Volksbank dienen, deren Zweck sein sollte, unter der armen jüdischen Bevölkerung Konstantinopels das Kleingewerbe zu unterstützen und Hausindustrien zu schaffen. Die Ica sollte dann ebenfalls zu dem Unternehmen beisteuern. Das Projekt wurde mit einer gewissen Reduzierung des Kapitals einstimmig angenommen und einer Kommission zur Durchführung übergeben. Die Kommission, der Vertreter der jüdischen Organisationen und tüchtige Juristen und Finanzmänner angehörten, arbeitete die Statuten aus und reichte sie den Behörden zur Genehmigung ein. Jahrelang dauerte es, bis endlich die Prüfung dieses Statutenentwurfes durch den Staatsrat zu einem — negativen Resultate führte. Damit schien das Projekt fast begraben. Aber die Ica besonders ließ es nicht aus dem Auge. Der Deputierte F a - raggi Effendi wurde mit der Ausarbeitung neuer Statuten