Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 107 die^elt den. Was zu erreichen ist und erreicht werden soll, steht immer im direkten Verhältnis zu dem, was wir als Organisation und als kolonisatorischer Faktor bedeuten. Deshalb ist unsere Palästina-Arbeit die eigentliche Basis aller politischen Bemühungen, ihre Ausdehnung die Vorbedingung aller größeren politischen Erfolge. Nur was ein Volk leistet, wird anerkannt, nicht, was es verspricht. Das ist die Lehre der Geschichte, das ist die Lehre des Balkankrieges. Wir müssen Politik treiben! Kluge, zähe Realpolitik, die sich in weiser Beschränkung den Erfordernissen des Tages anpaßt, in schwierigen Momenten nicht versagt, angesichts überraschender Ereignisse nicht in Ekstase umschlägt und jeden Schritt nur daran mißt, ob er einen ehrlichen Erfolg herbeiführen kann. Es gibt auch für uns Gelegenheiten wahrzunehmen, rasch zuzugreifen, wenn die Stunde günstig ist. Aber es gibt nicht jenen „großen Moment", von dem die unpolitischen Romantiker träumen, jenen Moment, in dem sich plötzlich „alles, alles wenden" soll. Unser Werk ist nicht gestern begonnen und wird morgen nicht beendigt sein. Es gilt, auszuharren, zu arbeiten, nicht zu verzagen. Es gilt, den Augenblick voll auszunutzen und ihn dennoch, im Hinblick auf das weitere Ziel, gering zu achten. So denkt die Leitung unserer Organisation, so hat sie gehandelt. Sie wußte, daß der Donner der Kanonen keineswegs den „großen Moment" unserer Bewegung ankündigte, daß aber jede Situation genutzt sein will. Sie bemühte sich auf politischem Gebiet nach jenen Richtungen, die hier angedeutet wurden, sie erkannte aber, daß es vor allem nottue, unsere Position in Palästina zu stärken. Und weil die Leitung in diesem Sinne arbeitete, gelang es ihr, einen Erfolg zu erzielen, der wiederum nicht überschätzt werden soll, der aber ein wirklicher, ehrlicher Erfolg ist, dessen wir uns freuen dürfen. Durch gewisse Landkäufe, die in diesen Wochen vorgenommen wurden, hat sich der jüdische Besitz in Palästina stattlich vermehrt. Diese Landkäufe wurden zum größeren Teil von unserer Landerwerbsgesellschaft, der Palestine Land Development Company, vorgenommen, deren Mittel jedoch zur Durchführung dieser Käufe nicht ausreichten. Daher wurde ein Abkommen mit der Verwaltung der J. C. A. in Paris geschlossen, durch welches der P. L. D. C. ein erhebliches Darlehen gewährt wurde, wie aus dem Geschäftsbericht der Gesellschaft hervorgeht. Dieser Erfolg sollte unsere Freunde anspornen, weit mehr, als es bisher der Fall war, für die Stärkung der P. L. D. C. tätig zu sein. Die Aussichten der Gesellschaft, die nun endlich in großzügiger Weise ihrer Bestimmung gemäß arbeiten kann, sind, trotz des bisherigen Defizits, als günstig zu betrachten. Eine starke Parzellierungsgesellschaft für Palästina — das ist vom politischen wie vom kolonisatorischen Standpunkt von höchster Wichtigkeit. Verkaufen wir Aktien der P. L. D. C., sammeln wir für Jemenitenhäuser, kaufen wir Land, gründen wir Schulen — das ist unsere erste politische Pflicht, das ist die stärkste Bürgschaft aller politischen Erfolge. Keine Rede, keine Schrift, keine Geste kann unsere Ansprüche begründen. Nur die Arbeit unseres Volkes vermag dies, nur der Hinweis auf die Leistung. Lernen wir, uns im Strom der Weltgeschichte zu behaupten! Beherzigen wir die Lehre, die der blutige Krieg auf dem Balkan allen Völkern der Erde zudonnert: Am Anfang war die Tat! R. L. O II □□□□□□ WELTCHRONIK □□□□□□ Die Alliance in Deutschland Nach langen Verhandlungen - ist zwischen der Pariser Alliance-Leitung und der Mehrzahl der deutschen Lokaikonritees ein Abkommen erzielt worden, das den heftigen Kämpfen zwischen der Leitung der Alliance und der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance ein Ende macht. Die Einzelheiten des Abkommens haben für uns keine Bedeutung, denn die Forderungen, welche wir seinerzeit im Interesse einer gesunden Weiterentwicklung der Alliance aufgestellt haben, sind nicht erfüllt worden. Der geradezu unglaubliche Wahlmodus, nach dem der Pariser Vorstand überhaupt nicht' mehr von den Mitgliedern der Alliance gewählt wird, sondern sich ständig beim Ausscheiden .eines Mitgliedes durch Kooptation ergänzt, ist bestehen geblieben. Noch immer beharrt auch die Alliance auf der heute völlig unhaltbaren Forderung, als alleinige Repräsentanz des Gesamtjudentums betrachtet zu werden, ohne der inneren Umgestaltung der Judenheit, wie sie durch den Zionismus bewirkt wurde, irgendwelche Konzessionen zu machen. , Diese Tatsachen sowie der Wesensunterschied, der zwischen der Alliance als einer rein philanthropischen Gesellschaft und dem Zionismus als dem politischen Organ des jüdischen Volkes besteht, trennen die zionistische Organisation und die Alliance nach wie vor. Wenn jedoch neuerdings in verschiedenen deutschen Zeitungen (Welt am Montag, Kölnische Zeitung, Münchener Neueste Nachrichten) überaus heftige Artikel von jüdischer Seite gegen die Alliance gerichtet wurden, so müssen wir das auf das Entschiedenste verurteilen. Es ist unter allen Umständen verwerflich, nichtjüdische Zeitungen, deren Leserkreis sich doch kein objektives Urteil bilden kann, in polemischer Weise gegen eine jüdische Institution aufzureizen. Besonders unjüdisch und höchst unzionistisch ist es, wenn dabei auf den deutsch-patriotischen Chauvinismus der Leser spekuliert wird. Wir verwerfen diese Taktik gegenüber der Alliance ebenso, wie wir die infamen Denunzierungsversuche der Antizionisten, die sich uns gegenüber mit ihrem Patriotismus zu brüsten pflegen, stets gebrandmarkt haben. Diese Art des Kampfes gegen die Alliance kann nur verbitternd, nicht aber bessernd wirken. Wenn behauptet wird, die Alliance benutze das Geld deutscher Juden, um französische Politik zu machen, so ist das eine Uebertreibung, die in einer deutschen Zeitung noch ein ganz anderes Gesicht erhält. In Wahrheit hat leider die Alliance der französischen Sprache einen allzugroßen Raum im Unterricht gewährt und durch ihre entjudaisierende Erziehungstendenz dem Franzosentum Vorschub geleistet. Aber wenn man hiergegen kämpft, so lasse man alle deutsch-patriotischen Argumente beiseite. Auch die Verunglimpfung einzelner Personen, wie sie in der „Welt am Montag" geübt wurde, ist wenig würdig. Durch solche Torheiten wird die berechtigte Kritik, die wir an der Alliance geübt haben und weiter üben werden, nur erschwert. Ein Brief Leopofd Hilsners Berlin. Die „Oesterreichische Wochenschrift" veröffentlicht folgenden Brief, den der unglückliche Leopold Hilsner, der seit 14 Jahren als Opfer des Ritualmordwahns eingekerkert ist, kürz-