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Die Welt · 1913-01-24 · 4 (24.1.1913) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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106 LT Nr. 4 dig begrüßen, wenn den Türken solch neuer nationaler Aufstieg gelänge. Uns blendet nicht das christlich-europäische Vorurteil von der Minderwertigkeit der asiatischen Rassen, wir fühlen eine gewisse Schicksalsgemeinschaft mit jenen Völkern, die sich vor der überlegenen Militärorganisation Europas beugen müssen. Fast will es scheinen, als sei wahre Kultur, nämlich Erziehung des Individuums zu ethischem und sozialem Empfinden, in Asien tiefer eingewurzelt, als in Europa. Niemals haben Türken oder Araber so bestialisch gewütet, wie gegenwärtig die christlichen Balkan Völker. Niemals haben die Juden der Türkei — obwohl sie über manche Ungerechtigkeit klagten — die Herrschaft eines christlicheuropäischen Staates herbei wünschen müssen. Der Orient ist kultivierter als der Okzident, der sich mit seiner Zivilisation brüstet und zugleich der Abschlachtung der Mohammedaner auf dem Balkan anit derselben Ruhe zusieht, wie den Judenpogromen in Rußland. Wir müssen als Politiker den nationalen Kampf der Balkanstaaten begreifen und würdigen, doch bleibt unsere Sympathie auf Seiten der Türkei, die auf Europas Wort baute und von Europa verraten wurde. Für unsere jüdische Politik ist aus dem Krieg, der nun endgültig beendigt ist, viel zu lernen. Wir waren es lange Zeit nicht mehr gewöhnt, eigene nationale Politik zu treiben und so erstarb in uns das politische Bewußtsein. Erst der Zionismus hat es wieder zum Leben erweckt, und nun suchen wir, tastend und wägend', Grundsätze jüdischer Politik aufzustellen, um auch unsere Nation aus dem Dunkel ans Licht zu führen. Dies Beginnen ist schwierig — weit schwieriger, als viele unserer Freunde vermuten. Es ist erstaunlich, wie naiv unser Volk durch die jahrhundertelange Entwöhnung von aller selbständigen Politik geworden ist. Für viele Juden ist Politik noch immer jene ghettohafte Sehnsucht nach einem gnädigen Wink von oben, nach einem aufmuntemden Wort eines großen Herrn, während wahre Politik, Politik eines Volkes, doch etwas ganz anderes bedeutet: Klare Erkenntnis der erstrebten Ziele, klare Erkenntnis der Mittel, die zu diesen Zielen führen, und tatkräftige Anwendung dieser Mittel. Unsere Ziele sind bekannt. Wir wollen Palästina wiederum zur Heimat unseres Volkes machen. Unbekannt — uns selbst noch unbekannt — ist das Tempo, das Maß, in dem sich unser Wunsch erfüllen wird. Wie viele Juden werden in fünfzig Jahren in Palästina wohnen? Wir wissen es nicht. Wie viele Schulen werden sie haben, wie wird das Wirtschaftsleben sich gestalten? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, daß die Situation des jüdischen Volkes diese nationale Neuschöpfung erfordert und daß die Verhältnisse des Landes diese Lösung als möglich und nützlich erscheinen lassen. Wir wissen ferner, daß jeder Fußbreit palästinensischer Erde, den wir erwerben, daß jede Schule, die wir gründen, daß jeder Ansiedler, der ins Land kommt, ein Schritt vorwärts, ein Baustein ist, der dem ganzen Werke dient. Es gab immer Zionisten, die sich mit dieser Auffassung nicht begnügten. Sie wünschten das Dach zu errichten, bevor noch das Fundament gelegt ist. Sie wollten das Ende der Entwicklung vorwegnehmen und vergaßen darüber, die Arbeit überhaupt zu beginnen. Denn das ist der große Irrtum, aus dem vor 30 Jahren die politischen Versuche der „Bilu", aus dem später die Charterpolitik erwuchs: der Glaube, es sei das Wesentliche getan, wenn die offizielle Anerkennung, der Freibrief, das heilige Pergament, vorhanden sei. Welch ein Irrtum! Aus dem Balkankriege sollten alle diejenigen lernen, die in dem gefälligen Spiel ihrer politischen Träume sich der Arbeit des Tages überhoben glauben. Was sind Verträge? Was feierliche Versprechungen? Fetzen Papier, Schall und Rauch, sobald das Interesse des Stärkeren es so verlangt! Sollen wir also keine Politik treiben? Nur in Palästina still vor uns hin arbeiten? Die alte Frage, die in unseren Reihen nicht verstummen will, weil noch immer, noch immer jene merkwürdig unpolitische Denkungsart bei uns herrscht, die zwischen blinder Ignorierung aller außerjüdischen Einflüsse und aufgeregter Verehrung für alle fremden Machtfaktoren hin und her pendelt. Palästina als türkische Provinz, als Teil Vorderasiens, ist ein „politisches Objekt" ersten Ranges. Wir müßten blind und taub sein, wenn wir in unserer Tätigkeit die gegenwärtigen Machtverhältnisse und die Wünsche, die sich auf Palästina richten, nicht beachten wollten. Wir sind aber der felsenfesten Ueberzeugung, daß alle Ansprüche, die wir erheben, seitens der Türkei wie überhaupt seitens jeder Macht, die irgendwelches Interesse an Palästina nimmt, nur soweit Berücksichtigung finden können, wie die tatsächlichen Verhältnisse in Palästina für uns sprechen. Unsere Politik muß also darauf gerichtet sein, die Schwierigkeiten aus der Welt zu schaffen, die sich unserer Arbeit entgegenstemmen. Aber nicht die Schwierigkeiten von übermorgen, sondern die Schwierigkeiten von heute. Wir können nicht festlegen, welche Rechte die Juden Palästinas in fünfzig Jahren genießen sollen. Wir wären Narren, wenn wir eine solche Festlegung erstrebten, die uns kein Staatsmann Zusagen dürfte und die, wenn sie zugesagt würde, uns nichts nützen, ja sogar schaden könnte. In der Politik gilt nur das erworbene Recht. Deshalb sollen wir in jedem Zeitpunkt nur das fordern, was auf Grund der tatsächlichen Verhältnisse gerechtfertigt und im Hinblick auf den nächsten Schritt praktisch durchführbar ist. Politik heißt demnach für uns im gegenwärtigen Zeitpunkt: Aufklärung der Oeffentlichkeit über den Kulturwert unserer kolonisatorischen Bestrebungen; diese Aufklärung ist nötig, weil einer Bewegung, wie der unseligen, aus Unkenntnis oder Mißverstand große Schwierigkeiten erwachsen können. Ferner gilt es, bei allen politisch maßgebenden Stellen diejenigen Beziehungen zu unterhalten, welche nötig sind, um für unsere Bestrebungen in solchen Momenten Sympathie und Unterstützung zu finden, in denen dies — aus irgendwelchen Gründen — geboten erscheint. Vor allem müssen solche Beziehungen zur türkischen Regierung bestehen, damit diese auf Grund genauer Kenntnis unserer Absichten unser Werk mit Wohlwollen betrachtet und allmählich, durch Gewährung derjenigen Erleichterungen, welche dem jeweiligen Fortschritt unserer Arbeit dienen, uns ihre positive Hilfe angedeihen läßt. Was über dieses politische Programm hinausgeht, ist vom Uebel. Grundsätzlich muß der Wahn ausgerottet werden, als sei jeder politische Schritt, jede Audienz, jeder Appell an gewisse Machtfaktoren politisch wertvoll. Ganz im Gegenteil! Wir haben uns bei jeder Aktion zu fragen, ob sie auch wirklich zur Förderung unserer Arbeit beiträgt oder ob sie nur sozusagen eine diplomatische Geste darstellt, die unter Umständen: schaden könnte. Wir müssen mit allen möglichen Eventualitäten rechnen, müssen informiert sein, müssen Fühlung halten. Das ist — in dieser unruhigen Zeit — eine politische Aufgabe von höchster Wichtigkeit, und wir wissen, daß unsere Leitung sich dieser Arbeit mit großem Eifer unterzieht. Was im einzelnen geschieht, um auf Grund der gewonnenen Einsicht unsere Arbeit zu fördern, kann öffentlich nicht erörtert werden. Doch ist es unbedingt erforderlich, daß unsere Freunde sich über den Charakter unserer politischen Bestrebungen grundsätzlich klar wer-

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