Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. 'W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRQ. BERLIN, 24. Januar 1913 unta? T'önn 'X r J—I Al T« R L.: Friedensschluss — WELTCHRONIK — Palestine Land Development Company — PALÄSTINAr . RUNDSCHAU — AUS DER BEWEGUNG — Feuilleton: SCH. GORELIK: Schnitzlers „Professor; Bernhard!« — Geschäftliche Nachrichten — Mitteilungen des Hauptbureans des Jüdischen National-Fonds — Inserate FRIEDENSSCHLUSS Die Note, welche die Botschafter der Großmächte dem türkischen Minister des Aeußeren überreicht hatten, war sehr scharf. Sie forderte von der Türkei die Abtretung Adrianopels, sie forderte, daß das Schicksal der ägäischen Inseln durch die Großmächte bestimmt werde, sie drohte, daß die Türkei, wenn sie sich unnachgiebig zeige, auf die moralische und materielle Hilfe der Mächte nicht zu rechnen habe, und sie drohte sogar mit der Aufteilung auch der asiatischen Türkei. Viele bedeutende Zeitungen äußerten ihr Befremden über diese Note, die doch, wie behauptet wurde, auf Wunsch der Dreibundmächte eine wesentliche Milderung erfahren sollte. Vielleicht bestand die Milderung in der Fortlassung einer weiteren Drohung, der Drohung mit einer Flottendemonstration oder gar mit gewaltsamem Einschreiten Europas. Jedenfalls ist angesichts der Entrüstung eines großen Teiles der Presse zu bedenken, daß Zeitungen, wie überhaupt alle Unternehmungen, in denen gewöhnliche Bürgersleute tätig sind, geschäftliche Prinzipien befolgen müssen, die im internationalen politischen Geschäft nicht gelten, wie z. B. den Grundsatz von Treu und Glauben. Dieser Grundsatz wird auch im täglichen Handel und Wandel nicht aus reiner Nächstenliebe angewendet. Er hat sich vielmehr als praktisch erwiesen und die zivilisierten Nationen haben ihn daher durch gesetzliche Bestimmungen geschützt, die jeden Bürger mit Strafe bedrohen, der sich an seine geschäftlichen Abmachungen nicht hält oder seinem Konkurrenten durch „unlautere Mittel" Schaden zufügt. Vielleicht würde sich der Grundsatz von Treu und Glauben auch im wechselseitigen Verkehr der Nationen gut bewähren. Vielleicht wäre es für alle Beteiligten vorteilhaft, an Stelle mörderischen Wettrüstens klare Verträge zu setzen. Vielleicht wäre es praktisch, auch im internationalen Verkehr sein Wort zu halten und am diplomatischen Ultimo nicht faule Differenzeinwände zu erheben. Aber wenn diese Einsicht bereits durchgedrungen wäre, so fehlt bisher doch das internationale Gesetzbuch, der internationale Strafvollzug und das internationale Gefängnis. Bisher haben wir nur das Völkerrecht, eine Institution, die leider nicht in Kraft treten kann, weil sie gar nicht existiert, obwohl viele Universitätsprofessoren darüber Vorlesungen halten. Es würde also der Türkei nichts nützen, wenn sie unter Berufung auf den feierlich verkündeten Status quo (ein Ausdruck, den man heute nur mit Ueberwindung niederschreiben kann) von den Lenkern der europäischen Politik die Rückgabe der vom Balkanbund besetzten türkischen Gebietsteile fordern würde. Die europäischen Diplomaten würden antworten, daß die Erfüllung eines solchen Versprechens unter Voraussetzungen gedacht war, die gegenwärtig nicht mehr bestehen, daß sie daher leider nicht in der Lage seien . . . usw. Ja, es sind sogar Umstände eingetreten, welche es den Großmächten nötig erscheinen ließen, die Türkei zu einem raschen Friedensschluß unter Verzicht auf fast ihren gesamten europäischen Besitz einschließlich des noch nicht eroberten Adrianopels zu bewegen. Diese Umstände bestehen in der gefahrdrohenden Vermehrung der Streitobjekte zwischen den einzelnen Mächten. Wenn Bulgarien Adrianopel nicht erhält, kann es Rumänien keine Zugeständnisse machen. Oesterreich und Rußland drängen zu rascherem Abschluß der Verhandlungen, weil die drohende Ungewißheit ihnen täglich neue Rüstungsopfer auferlegt. Oesterreich sehnt sich auch nach endgültiger Regelung der serbischen und der albanischen Frage, Deutschland muß die Balkanpolitik seines Bundesgenossen in jeder Phase unterstützen und konnte daher den Druck der Mächte auf die Türkei nicht v erhindern. Die europäische Diplomatie arbeitet nach dem Rezept: je mehr die Türkei in Europa verliert, desto leichter ist der Weltfriede zu wahren. Die Türkei ist vereinsamt. Sie mußte den Frieden schließen, der ihr in Europa nur noch Konstantinopel läßt, und muß in Zukunft alle ihre Kräfte nach Osten lenken, um sie dort, in Türkisch-Asien, zu sammeln und allmählich wieder erstarken zu lassen. Noch ist das tapfere und sympathische Türkenvolk nicht verloren. Es kann die weiten Gebiete Asiens, die ihm verbleiben, wirtschaftlich und kulturell entwickeln, kann sich ein nationales Kraftzentrum schaffen, das dem europäischen Eroberungsdrang widersteht. Wir Juden würden es freu-