Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 81 die^elt das Recht habe, die gesetzliche Gleichberechtigung seiner Bürger von der Aenderung ihrer religiösen Satzungen abhängig zu machen. Der Ausschuß befolgte aber die ihm vorgeschriebene Marschroute nicht. Horn, das Haupt der Reformer, wurde von ihm kooptiert, „Der ungarische Israelit“ aber in einem Rundschreiben sämtlichen Gemeinden empfohlen. Die Reformgesellschaft machte sich inzwischen selbständig und sandte Horn, den sie zu ihrem Rabbiner erkoren, behufs Studium der Holdheimschen Reformgemeinde nach Berlin. Zurückgekehrt, weihte er am 27. September 1848 den Tempel der Reformgemeinde ein, welchen der Gemeindesekretär Barnay folgendermaßen charakterisiert: „Es ist in demselben durchaus nicht der Typus eines jüdischen Tempels zu erkennen. Man ist hier wohl in keiner christlichen, aber auch in keiner jüdischen Kirche.“ Sechs Wochen später erschienen seine „Grundprinzipien einer geläuterten Reform im Judentum“. Die Schlußfolgerungen sind: Tephillin, Mazzoth, Pidjon Haben, Beschneidung, der Sabbat, die Speisegesetze und fast alle anderen Gesetze und Gebräuche sind abzuschaffen, die Feiertage sind — Rosch Haschana ausgenommen — nur einen Tag zu feiern, sie haben nicht am vorhergehenden Abend zu beginnen, der Sabbat ist auf den Sonntag zu verlegen, die hebräische Sprache fast gänzlich auszuschalten, die Mischehe ist zu gestatten usw. Wie ersichtlich, war Horn konsequent und wandelte das Judentum in ein „geläutertes“ ungarisches Israelitentum. Es ist nicht zu ersehen, wie sich das Reformjudentum und die Theorien seines Oberhauptes entwickelt haben würden, da die Stürme der Revolutionsjahre Horn mit sich rissen. Er wurde Feldrabbiner mit dem Range eines Hauptmanns. Dieser Rang sicherte ihm bei der Kapitulation von Komom freien Abzug und Sicherheit. Da er trotzdem seiner Freiheit nicht sicher war, flüchtete er nach Prag, von da nach Leipzig, Brüssel und später nach Paris. Lieberall entfaltete er eine äußerst rege und fruchtbare publizistische und wissenschaftliche Tätigkeit, die ihn zu einer weltbekannten Persönlichkeit machte. Seine Arbeiten über finanzielle und nationalökonomische Fragen haben bleibenden Wert. Nach Wiederherstellung der Verfassung in Ungarn wurde er von den politischen Faktoren oft zur Rückkehr aufgefordert. Im Jahre 1869 kehrte er dann zurück, wurde ein Jahr später Abgeordneter und stellte als solcher und als Publizist sein umfassendes Wissen und seine Tüchtigkeit in den Dienst der Öffentlichkeit. Seine Autorität als theoretischer und praktischer Nationalökonom bahnten ihm den Weg zu dem wichtigen Posten des Staatssekretariats im Ministerium für Ackerbau, Gewerbe und Handel. Doch konnte er dieses wichtige Amt nur einige Monate bekleiden. Am 2. November 1875 verschied er nach kurzer Krankheit. Seine einzige größere Leistung war die Schaffung eines neuen Ausgleichs mit Oesterreich. Seine Beziehungen zum Judentume wurden mit seiner Flucht aus Ungarn fast gänzlich abgebrochen. Seine Reformgemeinde löste sich 1852 auf. Er selbst veröffentlichte noch ein kleines Werk über die Juden im ungarischen Freiheitskampfe. Seinen Theorien blieb er bis zu seinem Lebensende treu. Er ging eine Mischehe ein, und seine Kinder wurden, da sie doch in der Fremde nicht Magyaren israelitischer Konfession werden konnten, unter dem Einflüsse seiner in Belgien geborenen christlichen Ehefrau strenggläubige Katholiken unbestimmter Nationalität. An dem Geburtshause Horns wurde jetzt eine künstlerisch ausgeführte Gedenktafel enthüllt. Bei der Enthüllungsfeier waren zahlreiche Vertreter des ungarischen öffentlichen Lebens vertreten. Das Abgeordnetenhaus, die Ministerien, die Stadt Budapest, die journalistischen Körperschaften entsendeten Deputationen. Jüdische Körperschaften waren aber offiziell nicht vertreten. Was als Zeichen der Zeit betrachtet werden kann. — Gino Racah (Lebensbild eines italienischen Zionisten.) Von Helga Ohlsen, Florenz. Die italienischen Zionisten gedenken in diesen Tagen wehmutsvoll eines ihrer tapfersten und edelsten Mitstreiter, des am 31. Dezember 1911 verstorbenen Avvocato Gino Racah aus Mailand. Er gehörte zu jenen wenigen italienischen Gesinnungsgenossen, die bereits um das Jahr 1900 als erste den Ideen Theodor Herzls Eingang in Italien zu verschaffen suchten, und es ist wohl am Platz, ihm auch in den Spalten des Zentralorgans der zionistischen Bewegung und in deutscher Sprache einen Nachruf zu weihen, nachdem jüdische Zeitschriften italienischer und französischer Zunge dies schon früher getan haben. Sein vielgestaltiges und doch harmonisch abgeklärtes Wesen, sein Streben und Wirken auf den verschiedensten sozialen Gebieten, hatten einen festen Kern und Mittelpunkt: das jüdische Bewußtsein. In einem Lande wie Italien, wo die in vollstem Maße verwirklichte Gleichberechtigung dem Judentum den Weg der Assimilation nahelegt und in einer Stadt wie Mailand, wo die Beziehungen der jüdischen Bewohnerschaft zum bewußten Judentum die allerlosesten sind, fühlte e r den ganzen Stolz der Zugehörigkeit zu jener alten Adelsrasse und die volle Verantwortung, schlummernde Energien neu zu beleben. Darin sah er die Sondermission des Zionismus in Italien: Erneuerer jüdischen Bewußtseins zu werden. — In der Mailänder Gruppe, deren Gründer und zeitweiliger Vorsitzender er war, wie in den Zeitschriften und auf den Kongressen der italienischen zionistischen Föderation machte er in sachkundiger Weise eine ganze Reihe von Vorschlägen, die auf die Umgestaltung des italienischen Judentums abzielten. Vor allem betonte er die nationale Erziehung als Hauptträger jüdischer Kultur. Seiner Anregung sind zum großen Teil die jüdischen Jugendvereine zu verdanken, die in den meisten größeren Städten Italiens entstanden, sowie die Einführung jüdischer Kindergärten und staatlich anerkannter Elementarschulklassen, wofür das in Mailand Erreichte vorbildlich wurde. Aber auch auf die physische Ertüchtigung des jüdischen Volksstammes legte er großes Gewicht. So trug er zur Gründung jüdischer Ferienkolonien bei und bildete innerhalb des Mailänder zionistischen Vereins eine Wandergruppe, die mit dem praktischen Zweck den rein ideellen verband, im Angesichte der freien Natur Begeisterung für die hohen Ziele der zionistischen Bewegung anzufachen. Die idealste Pflanzstätte jüdischen Geistes sah er in der Familie und als Hüferin der ehrwürdigsten Heiligtümer der jüdischen Geschichte erschien ihm die Fra u. Um diese sich ihrer Aufgabe von neuem völlig bewußt werden zu lassen, strebte er besondere national jüdische Frauen- und Mädchenvereine an. Obgleich der Ausführung noch gewärtig, werden diese Pläne Gino Racahs gewiß nicht fruchtlos bleiben. Alle Aeußerungen jüdischen Lebens wollte er in den Dienst des Zionismus gestellt sehen. Um in dieser Sauerteigarbeit, die er im Kreise des italienischen Judentums auszuüben wünschte, systematisch vergehen zu können, wurde er der Begründer der Föderation aller jüdischen Gemeinden der Halbinsel, wodurch viele verlassene und kraftlose Gemeinden in den Schutz stärkerer gestellt und vernachlässigte alte Einrichtungen zeitgemäß umgestaltet werden konnten. Erst 46 Jahre alt, mußte Gino Racah den Schauplatz seiner reich gesegneten Tätigkeit verlassen. Von dem Samen, den er unter den italienischen Juden ausgestreut, durfte er nur einen ganz geringen Teil aufkeimen sehen. Auch seine persönliche Sehnsucht, das Land der Väter zu besuchen, blieb ungestillt. Aber sein Glaube an die Zukunft des jüdischen Volkes war so groß, daß er auch angesichts des Todes voll froher Zuversicht war, und seine glühende Liebe zu Palästina ließ ihn als erlebt empfinden, was er nur mit dem Auge der