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Die Welt · 1913-01-17 · 3 (17.1.1913) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3 79 DIEH^TELT konservativen Hauptgemeindemitglieder eine von 1200 Teilnehmern besuchte Versammlung ab, in der bei aller Ablehnung und Verurteilung der U.chtlinien dennoch die Treue zur Hauptgemeinde proklamiert wurde und alle Versuche zur Trennung aufs schärfste zurückgewiesen wurden. Es ist auch jetzt fast so gut wie sicher, daß diese Versuche keinerlei Erfolg haben werden. Der Zionismus, der sich an all diesen Kämpfen gottlob nicht aktiv zu beteiligen braucht, kann aus der ganzen Affäre nur Nutzen ziehen. Die Richtlinien haben nämlich auch den Blindesten gezeigt, daß religiös keinerlei Einheit im deutschen Judentum, wie überhaupt im Gesamtjudentum, mehr besteht; daß also die Einheit des Judentums, wenn sie bewahrt werden soll — was ja die überwiegende Majorität der deutschen Juden unbedingt will —, nur auf nationaler Grundlage noch aufrechtzuerhalten ist. Diese Erkenntnis beginnt infolge der Richtlinienaffäre in Kreisen aufzudämmern, die bisher nichts vom Nationaljudentum wissen wollten; und es ist in dieser Hinsicht sehr interessant, daß in der großen Versammlung der konservativen Gemeindemitglieder einer ihrer prominentesten Führer, ein ausgesprochener Gegner des Zionismus erklärte: religiös sei allerdings keine Einheit des deutschen Judentums mehr vorhanden; diese könne und müsse nur noch — organisatorisch beibehalten werden. Aus Angst vor dem Nationalen ist er auf diesen seltsamen Begriff verfallen, als ob die deutsche Judenheit eine „Organisation“ darstellte. Neben der Frage der Richtlinien war es die „Agudath Israel“, die das Interesse der Frankfurter Judenschaft in den letzten Wochen in Anspruch nahm. Seit dem ersten Tage ihrer Gründung hatte die „Agudath Israel“ damit zu kämpfen, ob sie sich wie Rabbiner Breuer und seine magyarischen Genossen zum Trennungsprinzip bekennen oder auf den Boden der Einheit stellen sollte. Dieser innere Kampf ist nun ausgetragen: Breuer ist kläglich unterlegen und hat bereits seinen Austritt aus dem provisorischen Komitee der „Agudath Israel“ erklärt. Was diese Niederlage noch bedeutsamer macht, ist die Tatsache, daß er in seinem Kampfe völlig isoliert dastand. Nicht nur seine bisherigen Anhänger in Frankfurt selbst, allen voran Jakob Rosenheim, auch seine rabbinischen Kollegen von der Trennungsorthodoxie, mit Rabbiner Dr. C ahn-Fulda an der Spitze, haben sich einstimmig im prov. Komitee gegen die Annahme seines auf die Anerkennung des Trennungsprinzipes hinauslaufenden Antrages ausgesprochen. Und wer die erbitterte Stimmung kennt, die in weiten Kreisen der Religionsgesellschaft gegen Rabbiner Breuer und seinen publizistischen Streiter, seinen Sohn Dr. lsaac Breuer, herrscht, wird erst ermessen können, welche Wandlung zum Einheitsgedanken hier vor sich gegangen ist. Diese Wandlung hat in einer imposanten Versammlung Ausdruck gefunden, die zur Gründung einer Jugendgruppe der „Agudath Israel“ führte; Gemeindekonservative und Trennungsorthodoxe saßen da freundschaftlich und einträchtig beisammen, und als Redner fungierten zum ersten Male seit Jahrzehnten eine prominente Persönlichkeit der Gemeindeorthodoxie neben einem hervorragenden Führer der Trennungsorthodoxie. Und vir haben hier in Frankfurt nun das seltsame Bild, daß sowohl Ortsgruppe wie Jugendgruppe der „Agudath Israel“ ohne, ja gegen die Zustimmung Rabbiner Breuers gegründet worden sind .... Auch der Ausgang dieses Kampfes ist vom zionistischen Standpunkt durchaus zu begrüßen. Denn abgesehen davon, daß der Zionismus an jeder Stärkung des Einheitsgedankens lebhaftes Interesse hat, wird diese Entwicklung innerhalb der „Agudath Israel“ auch von Bedeutung für ihre Stellung zum Zionismus sein; und jener rüde Ton, den Rabbiner Breuer auf der Kattowitzer Versammlung angestimmt hat, wird gewiß nach seinem Austritt keine Wiederholung finden. Daß die Stellung des Zionismus zur „Agudath Israel“ trotz alledem noch nach wie vor eine a b - wartende, neutrale bleiben muß, ist klar. Noch ist auch jetzt alles zu ungeklärt, und vor dem ersten Kongreß der Agudah ist keine endgültige Klärung über ihren Kurs zu erwarten. Immerhin aber ist das Resultat dieses ersten Kampfes innerhalb der „Agudath Israel“ etwas durchaus Erfreuliches, vorausgesetzt, daß sie diese Bahn beibehalten und in diesem friedfertigen Geiste ihre weitere Entwicklung fortsetzen wird. Eine erzwungene jüdisch-politische Aktion (Von unserem Berichterstatter.) W i e n. Ein Novum im deutschliberalen Mähren, das der Tragikomik nicht entbehrt: Die deutschfreisinnige Judenschaft der Industriestadt Mähr. Ost rau hielt anläßlich der üemeinderatswahlen eine gesonderte Wählerversammlung ab, um gesonderte Kandidaten zu nominieren. Beileibe nicht aus freien Stücken! Die Deutschradikalen, welche die Juden als Nationaldeutsche nicht anerkennen, diktierten nämlich im allgemeinen deutschen Wahlausschüsse diese Versammlung und erklärten, nur jene jüdische Kandidaten akzeptieren zu wollen, die als „Kandidaten der Judenschaft“ seitens einer großen und allgemeinen jüdischen Wähler Versammlung approbiert würden. Die deutschliberale Partei fügte sich dem Befehle der Radikalen und trug den israelitischen Konnationalen die gesonderte Versammlung auf. Die Herren nationaldeutschen Israeliten sind also auf Parteikommando „abgesondert“ worden. Auf fremdes Geheiß „unter sich sein“! Gibt es etwas Traurigeres und Entwürdigenderes? Ist der Weg des bewußten Judentums nicht besser, schöner und freier, als das Ghetto im deutschen Freisinn? Die jüdische Zwangsversammlung sah danach aus. Der Vorsitzende, Herr Dr. Hilf, gab seinem Unbehagen über diese „aufgedrängte, selbständige Aktion“ Ausdruck und riet der von 500 jüdischen Wählern besuchten Versammlung, ja keine „zwingenden Beschlüsse zu fassen, durch die sich unsere Partner irgendwie gebunden fühlen müßten“, sondern nur „Vorschläge und Wünsche auszusprechen“. Man kennt diese Melodie. Nur nicht den Anschein erwecken, als hätte man eigene jüdische Mandatare! Die „andern“ sagen es zwar und alle Welt weiß es: Aber die Juden dürfen nicht daran glauben. Denn alle Deutschen, ohne Unterschied der Konfession, müssen einig sein im Kampfe gegen die nationalen Erbfeinde . . . Die führenden Israeliten baten daher, um Gottes Willen keine der Steuerkraft, Intelligenz und Anzahl der Ostrauer Juden entsprechende Mandatenzahl zu verlangen. Nur nichts fordern, höchstens wünschen! Und man beschloß in diesem Sinne eine möglichst große Liste von Kandidaten und unterbreitete sie dem großen deutschen Wahlausschüsse zur geneigten Auswahl. Die „Ostrauer Zeitung“ berichtet über die Versammlung und bemerkt freimütig, nur insoweit zu referieren, als es für die nicht-jüdische Wählerschaft von Interesse ist. Die israelitischen „Volksgenossen“ sind also dem liberalen Organe Hekuba! Wir haben nicht Lust, satirisch zu werden. Denn das Los der assimilatorischen Juden ist nicht rosig, wie das Exempel zeigt: Mögen sie endlich den Weg ins Freie finden, der zu ihrem eigenen Volke führt. Zur galizischen Landtagswahlreform Die Verhandlungen zwischen Polen und Ruthenen sind so weit gediehen, daß man gegenwärtig bereits die Anzahl der jüdischen Mandate für den galizischen Landtag taxieren kann. Für die Städte mit starker jüdischer Bevölkerung sind für Polen und Juden Majoritäts - und Minoritätsmandate vorgesehen. Die Ruthenen haben einen gesonderter. Kataster.

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