Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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78 Nr. 3 unparteiischen Organisation zu verleihen. Ton- und maßgebend blieben im Komitee nur die Herren um Winawer. Es mehrten sich die Fälle, in denen das Komitee bei seinem öffentlichen Hervortreten die ungenügende Vertretung der nationalen und demokratischen Elemente des Judentums sehr schmerzlich empfinden ließ, ja es kam vielfach sogar zu großer Entrüstung und zu scharfen Angriffen in der jüdischen Presse verschiedenster Richtung. Es kam auch zu Konflikten mit den jüdischen Abgeordneten, die, zu ihrer Ehre sei es gesagt, sich ehrlich Mühe gaben, mit der großen jüdischen Öffentlichkeit in Fühlung zu bleiben. Nisselow itsch überwarf sich mit der „Gruppe“ — was er übrigens mit dem Verlust des Mandats bei den Wahlen zur vierten Duma büßen mußte —, aber auch der sanfte und gefügige Friedmann wurde schließlich ungeduldig. Bekanntlich verlangte Friedmann vor kurzem von der Kadettenpartei, daß in ihrem Gesetzentwürfe betreffs der Gleichberechtigung aller Bürger das Los der Juden, als des am meisten bedrängten und unterdrückten Volksstammes, besondere Erwähnung fände. Dieser Wunsch wurde aber durch die Intervention des „Kownoer Komitees“, das die Taktik des Verschweigens und Verschleiems vorzog, vereitelt, und der Gesetzentwurf der Kadetten ist ohne Erwähnung der Judenfrage in der Duma eingebracht worden. Dieses wenig würdige Verhalten des Komitees rief in weiten Kreisen der russischen Judenheit um so tiefere Unzufriedenheit hervor, als für ein solches Verhalten nicht einmal Opportunitätsgründe anzuführen sind: bei der ganzen Aktion der Kadetten handelt es sich nur um eine politisch-prinzipielle Demonstration. Die jüdische Presse verurteilte scharf dieses Verhalten, die sog. jüdisch - demokratische Gruppe hat einen geharnischten Protest gegen das Komitee veröffentlicht. Das Verhalten des Komitees in dieser Angelegenheit veranlaßte auch zwei seiner Mitglieder, aus dem Komitee auszutreten. Darauf legte auch der Vorsitzende desselben sein Amt nieder, und so wurde das Komitee gesprengt. Es hat jedoch den Anschein, daß an Stelle des unglückseligen Kownoer Komitees ein neues Organ treten soll. Wie verlautet, wird demnächst eine Konferenz sämtlicher jüdischer Wahlmänner aus allen bisherigen Duma wählen stattfinden, die sich mit verschiedenen Fragen der jüdischen Politik und speziell mit der Schaffung eines politischen Organs befassen wird. Da die jüdischen Wahlmänner, deren Zahl mehrere Hunderte beträgt, sich aus den verschiedensten Parteien und Richtungen rekrutieren, so steht zu erwarten, daß wir es diesmal mit einer viel besseren Vertretung der jüdischen Öffentlichkeit zu tun haben werden. Die Konferenz der „Bildungsgesellschaft“ Dieser Tage fand in Petersburg die Konferenz der Vertreter der „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden Rußlands“ statt. Bekanntlich kämpfen seit einigen Jahren zwei Strömungen um den Vorrang: die traditionellassimilatorische und die modem-nationale. In den letzten Jahren trugen überall die Nationalen verschiedener Färbung den Sieg davon. Eine Ausnahme bildete nur Odessa, wo die „Aufklärung“ ihre letzte Zitadelle aufrichtete. Die diesjährige Konferenz hatte als wichtigsten Punkt der Tagesordnung die vom Standpunkte der assimilatorischen Aufklärung geradezu unerhört reaktionäre Frage des „Cheders“ zu behandeln. Schon dieser Umstand allein bestimmte den Charakter und den Ausgang der Verhandlungen, ja selbst im unzugänglichen Odessa verspürte man den Hauch der neuen Strömung. Die bisherigen Herren der Situation verstanden sich nun dazu, der nationalen Opposition das Recht auf Vertretung auf der Konferenz einzuräumen. Unter fünf Delegierten wurden zwei Vertreter der entschiedenen Opposition, darunter der Dichter Bialik und ein Halboppositioneller, gewählt. In Petersburg standen sich drei verschiedene Richtungen gegenüber: die entschieden Nationalen, die in dem nach modernen Gesichtspunkten reorganisierten „Cheder“ die jüdische Volksschule sehen wollen, die unversöhnlich Radikalen, die das „Cheder“ schon wegen seines religiös - traditionellen Charakters ablehnen, und eine gemäßigte Richtung, die eine vermittelnde Stellung einnahm. Schließlich siegte die von B i a 1 i k geführte nationale Richtung, und die Konferenz beschloß, daß die Sorge für das „Cheder“ eine Hauptaufgabe der Bildungsgesellschaft sein müsse. Zum Beilis- Prozeß Kiew. In gutinformierten Gerichtskreisen wird versichert, daß die Verhandlung gegen den des Mordes an dem Knaben Justschinsky beschuldigten Mendel Beilis Ende Januar oder Anfang Februar d. J. stattfinden wird. Damit stimmt auch überein, daß der Untersuchungsrichter Maschkewitsch das Gesuch der Verwandten Beilis’, ihn im Gefängnis besuchen zu dürfen, mit dem Hinweis darauf abgelehnt hat, die Gerichtsverhandlung gegen den Angeklagten stehe nahe bevor. Die Richtlinien für das liberale Judentum und die Agudath Israel (Von unserem Berichterstatter.) Frankfurt a. M. Die Frankfurter Judenheit, besonders der konservative Teil derselben, der das eigentlich jüdische Leben hier bestimmt, hat wieder einige Wochen heftiger Erregung verlebt. Zwei Fragen, die beide von weitgehender Bedeutung für das konservative Judentum sind, haben die Gemüter sehr beschäftigt: die Richtlinien für das liberale Judentum und die „Agudath Israe 1“. Man darf wohl ruhig behaupten, daß in keiner Stadt Deutschlands die Veröffentlichung der Richtlinien eine derartige Erregung ausgelöst hat wie hier. Denn nirgends ist die Frage des Verhältnisses zwischen konservativem und liberalem Judentum von solcher Bedeutung wie in Frankfurt, der Stadt, wo Samson Raphael Hirsch gewirkt hat, und wo eine blühende Separatgemeinde von seinem Wirken zeugt. Bedeuteten die Richtlinien für die gesamte deutsche Judenheit eine arge Bedrohung ihrer Einheit und brachten die Gefahr eines Schisma nahe, so war diese Gefahr in Frankfurt naturgemäß doppelt und dreifach groß. Der konservative Flügel der Hauptgemeinde geriet in eine äußerst schwierige Situation. So war es naturgemäß, daß von hier aus zuerst Verhandlungen mit den Liberalen einsetzten, die sie zu einer Zurücknahme der Richtlinien bewegen wollten. Der Erfolg war eine Erklärung der liberalen Rabbiner, in denen sie sich verpflichteten, keine Aenderung in praxi vorzunehmen, ohne sich vorher darüber mit den Konservativen geeinigt zu haben. Dies war der erste Schritt zur Verständigung. Er blieb aber der einzige infolge der heftigen Angriffe, die von seiten gewisser Kreise der Trennungsorthodoxie unter der Führung des „Israelit“ gegen die liberalen Rabbiner gerichtet wurden, denen man Feigheit und Wankelmut vorwarf. Diese provozierende Haltung rief eine radikalere Trotz- und Kampfstimmung bei den Liberalen wach, und die angebahnte Verständigung scheiterte. Inzwischen suchte der „Israelit“ mit aller Macht die Situation auszunutzen und für die Trennung Kapital zu schlagen. Diese Bestrebungen erhielten eine wirksame Unterstützung durch die Erklärung der Großgemeinden, die in den konservativen Kreisen allgemein als indirekte Verteidigung und Stellungnahme für die Richtlinien angesehen wurden. Der für die Gedanken der Separation wirkende „Nachlaß-Z wi“-Verein berief eine außerordentlich stark besuchte Versammlung ein, in der eine sehr scharfe Sprache geführt und die liberalen Juden als außerhalb des Judentums stehend erklärt wurden. Eine Woche später hielt die Organisation der