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Die Welt · 1913-01-17 · 3 (17.1.1913) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 77 DIE^ELT die geschädigten Juden usw. Seit jenen Tagen haben sich die reichen Juden gewöhnt, in Zeiten der Not und auch sonst Hilfe von den ausländischen großen Organisationen zu erwarten, selbst aber keinerlei Opfer zu bringen. Ja sogar ihrer Steuerverpflichtung gegenüber der jüdischen Gemeinde entziehen sich viele begüterte Juden unter den nichtigsten Vorwänden — z. B. mit dem Hinweis darauf, daß der Gemeindevorstand zionistisch gesinnt sei —, während der Mittelstand und die ärmere Bevölkerungsklasse die Lasten der jüdischen Gemeinde willig trägt. Mehr als 7000 Frs. schulden die Reichen der Gemeinde an Schulsteuern vom vorigen Jahre, während die jüdischen Lehrer buchstäblich hungern. Seit dem Ausbruch des Krieges erhalten die jüdischen Lehrer nur 20 " ihres Gehaltes. Man mag sich vorstellen, wie sie in diesen teuren Zeiten, wo überdies alles bar bezahlt werden muß, ihr Leben fristen. Von seiten des Konsistoriums und des Großrabbinats ist bisher zur Besserung dieser Zustände nichts weiter geschehen, als daß der Großrabbiner mit einer Abordnung des Konsistoriums nach einigen europäischen Hauptstädten gereist ist, um die großen jüdischen Hilfsorganisationen zur Gewährung von Unterstützungen an die notleidenden Juden zu veranlassen. In Bulgarien selbst ist keinerlei Hilfsaktion eingeleitet worden, wohl aber veranstaltete das Konsistorium eine größere Sammlung zugunsten des Roten Kreuzes, um sich bei den Behörden und der christlichen Bevölkerung patriotische Lorbeeren zu holen. Ganz besonders kritisch ist in diesen Kriegszeiten die materielle Lage der jüdischen Schulen des Landes. Es gibt hierzulande in bezug auf das jüdische Schulwesen zwei gegensätzliche Richtungen. Die Juden bulgarischer Staatsangehörigkeit wünschen, daß in den jüdischen Schulanstalten bulgarisch unterrichtet wird und die Kinder sich daneben ein gründliches Wissen in der hebräischen Sprache und Literatur aneignen. Demgegenüber möchten die Juden fremder — meist türkischer — Staatsangehörigkeit in den jüdischen Schulen hauptsächlich die französische Sprache und Literatur gepflegt sehen und den hebräischen Unterricht auf ein Mindestmaß beschränken. In die Schulkomitees können nun nach dem bulgarischen Gesetz nur bulgarische Staatsbürger gewählt werden, während das aktive und passive Wahlrecht in den Gemeinden auch den ausländischen Juden zusteht, und da diese meist sehr reich sind, haben sie entscheidenden Einfluß auf die Wahl der Gemeindevorstände. Daher kommt es, daß die Gemeindevorstände in ihrer Mehrzahl im Gegensatz zu den nationaljüdischen Schulkomitees der „französischen" Richtung im Erziehungswesen huldigen. Dies hat fortwährende Reibungen zwischen den Gemeindevorständen und den Schulkomitees zur Folge, worunter die jüdischen Schulen auch in normalen Zeitläuften stark leiden. Den Schuletat setzt der Gemeindevorstand fest und stellt den Schulkomitees die darin vorgesehenen Mittel zur Verfügung. Diese Befugnis machen sich viele Gemeindevorstände zu nutze, um den jüdischnationalen Schulkomitees das Leben möglichst schwer zu machen, indem sie die Höhe des Schuletats in ganz unzureichender Weise bestimmen, die Auszahlung hinausschieben und die Schulkomitees auf diese Weise „aushungern". Glücklicherweise räumt das bulgarische Gesetz den Schulkomitees das Recht ein, im Falle der Zuschuß der Gemeinde nicht ausreicht, eine besondere Steuerumlage für Schutzwecke von den Gemeindemitgliedern zu erheben. Infolge der Schikanen der Gemeindevorstände mußten die Schulkomitees von diesem Recht häufig Gebrauch machen. Gerade jetzt aber, wo die finanzielle Lage der Schulen infolge des Krieges so kritisch ist und die Lehrer seit Monaten nur 1/5 ihres Gehaltes beziehen, ist es den Schulkomitees nicht möglich, der ganz verarmten jüdischen Bevölkerung neue Lasten für das Schulwesen aufzubürden. Der Fortbestand der jüdischen Schulen in Bulgarien ist daher aufs höchste bedroht. Der Zusammenbruch des ganzen jüdischen Schulwerks kann nur dann vermieden werden, wenn die ausländischen jüdischen Organisationen den bulgarischen Schulkomitees tatkräftig zu Hilfe eilen. Meiner Meinung nach müßte diese Hilfe die Form eines größeren Darlehns an die Gesamtheit der Schulkomitees, rückzahlbar in 10 Jahren, haben. Eine Anleihe von 100 000 Francs würde ausreichen, um die Existenz sämtlicher jüdischen Schulen in Bulgarien dauernd sicherzustellen. Der Hilfsverein der Deutschen Juden würde sich ein großes Verdienst erwerben, wenn er dieser Angelegenheit seine besondere Aufmerksamkeit schenken und im Sinne des obigen Vorschlages eine Aktion zur Rettung der jüdischen Schulen in Bulgarien unternehmen wollte. Die Zahl der bulgarischen Juden, die bisher im Kriege gefallen sind, beträgt ungefähr 200. Sie haben zahlreiche Waisen hinterlassen, für die im Lande selbst nicht gesorgt werden kann. Ein jüdisches Waisenhaus gibt es in Bulgarien nicht. Vielleicht wäre es dem Frankfurter Verein, der in Pethach- Tikwah ein Waisenhaus unter der Leitung des Herrn Dr. ü r ü n h u t unterhält, möglich, eine Anzahl bulgarischer Waisenknaben in der genannten Anstalt unterzubringen, während der Hilfsverein der Deutschen Juden ein gutes Werk täte, wenn er die Aufnahme von Waisenmädchen in die Waisenanstalt in der Kolonie Rechoboth bewilligen wollte. Einen kleinen jährlichen Erziehungsbeitrag würden die jüdischen Gemeinden Bulgariens für diese Waisenkinder gern leisten. Das Ende des „Kownoer Komitees“ (Von unserem Berichterstatter.) Petersburg. Vor zwei Jahren wurde das sog. „Kownoer Komitee" gewissermaßen als politisches Organ der russischen Judenheit ins Leben gerufen. Es herrschte dazumal Einhelligkeit darüber, daß ein derartiges Organ, das den wenigen jüdischen Dumaabgeordneten in ihrer schwierigen und verantwortungsvollen Aufgabe zur Seite stehen und mit allen in Betracht kommenden oppositionellen Fraktionen beständig Fühlung halten solle, dringend notwendig sei. Diese Notwendigkeit wurde um so schärfer empfunden, als unsere Vertretung in der Duma nicht nur numerisch geringfügig war, sondern auch den Stempel der Zufälligkeit trug: nicht die berufenen Führer des russischen Judentums in seinen verschiedenen Richtungen und Parteien waren als Vertreter der jüdischen Interessen und öffentlichen Meinungen gewählt worden, sondern es waren aus den Wahlen diejenigen Personen hervorgegangen, die in den wenigen Städten mit günstiger Wahlkonjunktur hatten gewählt werden dürfen. Diesem Uebel sollte ein besonderes politisches Organ, bestehend aus den Vertretern der verschiedenen Richtungen und Strömungen, abhelfen. Nun bemächtigte sich aber der kluge und tatkräftige Winawer dieser Idee und machte sie seinen und seiner engeren Gesinnungsgenossen politischen Zwecken dienstbar. Die Herren um Winawer, ein kleiner Kreis kadettenfreundlicher Juden, die ihre Wurzellosigkeit und numerische Schwäche unter der nichtssagenden Bezeichnung „Gruppe“ zu verbergen suchten — sie lassen sich offiziell „Jüdische Volksgruppe“ nennen —, nahmen die Sache in ihre Hände. Es gelang ihnen, die Genehmigung für eine ad hoc einzuberufende Konferenz zu erhalten, und so kam die bekannte „Kownoer Konferenz“ zustande, auf der sie die Herren der Situation waren. Da eine regelrechte Vertretung der verschiedenen Parteien und Strömungen auf breiter demokratischen Basis unerreichbar war, so fanden sich die paar eingeladenen Vertreter der anderen Richtungen im Judentum, von der Notwendigkeit der geplanten Organisation durchdrungen, mit der ungenügenden Kompetenz der Konferenz und den daraus resultierenden Mängeln der zu schaffenden Organisation ab, und so kam denn das bekannte „Kownoer Komitee“ zustande, an dem auch ein paar Zionisten mitarbeiteten. Bald stellte es sich aber heraus, daß die Friedfertigkeit und Nachgiebigkeit der wenigen Herren, die nicht zur „Gruppe“ gehörten, nicht hinreichten, um dem Komitee den Charakter einer

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