Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316574--56970-3375440- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
76 DIE2§KELT zu schlagen. Die Armenier sind sicherlich kaum von Väterchen Zars sorglicher Völkerliebe so begeistert und angefeuert, daß sie die türkische Herrschaft mit dem russischen Joche vertauschen möchten. Aber Rußland ist hinter ihrem Rücken. Und die Türken wissen es und sehen ein Verhängnis nahen. Angesichts dieser kritischen Situation kann wahre Freundschaft der Türkei nur raten, radikale Maßnahmen zu ergreifen, um das Gespenst zu bannen. Diese können nur Maßnahmen der Milde sein, die Strenge wäre Verderben. Reformen für die Armenier, freiwillige, weitgehende, schnell gegeben, sind die einzig heilwirkende Lösung. Selbst wenn sie sehr weit gehen, hat die Türkei nichts zu verlieren. Denn die Armenier haben alles Interesse daran, zwischen Rußland und der Türkei Jür die letztere zu optieren, unter allen Umständen ihre Freunde zu bleiben. Die Pforte zögert, die von ihr zugestandenen Reformen wollen den Armeniern wenig ausreichend, wenig vertrauenerweckend erscheinen; je weniger sie es sind, desto weitgehender und radikaler werden die Ansprüche, desto verzweifelter die Mittel, mit denen man sie der Erfüllung näherzubringen sucht. In der türkischen Presse führt man theoretische Debatten darüber, ob die Staatsrettung den Reformen oder die Reformen der Staatsrettung vorherzugehen haben. Indessen verstreicht die Zeit und der moskowitische Koloß rührt sich. Die Türkei hat alles Interesse daran, die Frage allein zu lösen und der Lösung rasch Taten folgen zu lassen, — bevor die Mächte in London sich an die Lösung machen, die dann etwas vom Gerüche der Auflösung an sich tragen könnte. Reformen für Syrien Ein ganz anderes ist das Problem der syrischen Reformen, das jetzt zum ersten Male auftaucht. Man kann nicht behaupten, daß die Araber in Syrien an gleicher Unsicherheit ihres Lebens und Eigentumes gelitten hätten oder leiden, wie etwa die Armenier. Im Gegenteil : sie sind in ihrem Lande die Herren; die türkischen Beamten und Gendarmen kamen wohl in das Land, gewöhnlich aber machten die arabischen Großherren mit ihnen, was ihnen beliebte; und der arabische Bauer hat vom Scheikh und von den Clans der arabischen Großgrundbesitzer immer viel mehr gelitten, als durch die Organe der Zentralregierung. Wenn jetzt also plötzlich die syrischen Araber das Verlangen nach Reformen erheben, so ist das nicht in dem Sinne wie bei den Armeniern eine allgemeine Volksbewegung. Es spielen hier vielmehr Macht- und Herrschgelüste hinein, die sich die Beschwerden des kleinen arabischen Fellachen zunutze machen möchten, um sich selber durchzusetzen. Das schließt nicht aus, daß gewisse Forderungen an sich höchst gerechte und zivilisatorische sind, wie die der Einführung von Beamten, die Kenntnis der Landessprache besitzen, die Zulassung der arabischen Sprache zu den Gerichten und Aehnliches. Merkwürdig ist nur, daß nicht auch beispielsweise die Reform des Zehnten auf der Tafel der Wünsche steht; das charakterisiert die undemokratische Quelle der Strömung. Aber der Araber ist stark, er wird um so stärker, je schwächer die Türkei wird. Darum müssen auch die Wünsche von dieser Seite ernste Berücksichtigung finden, was auch geschieht. Die syrischen Reformen sind bereits an der Tagesordnung. Nedschib Pascha Melhame hat der Regierung ein Memorandum eingereicht, der syrische Wilajetsrat hat sich schon offiziell mit der Frage eingehend beschäftigt, in der Presse begegnen uns Auseinandersetzungen aus der Feder Nedschib Asfars, des bekannten Initiators des großen Charterprojektes von vor zwei Jahren, und anderen. Das Kabinett hat eine Kommission eingesetzt, um das Problem zu studieren. Die Schwierigkeit liegt in dem offenbaren Zusammenhänge dieser Bestrebungen mit den analogen im Libanonfreistaate, die starke Förderung von Frankreich erfahren, und die Gefahr liegt darin, daß sie nicht mit diesen und den vom Süden her aus Arabien und Aegypten andringenden großarabischen Nr. 3 Ideen zu einem mächtigen Problem an wachsen, das der Türkei mehr zu denken geben kann, als selbst Mazedonien. Es scheint, daß die türkische Intelligenz, die jüngere in erster Reihe, von diesem Problem bereits gepackt und bewegt ist. Es gibt heute junge Türken, die sich schon fast mit einem Reichsdualismus abgefunden haben und für die Zukunft eher mit einem osmanisch-arabischen Imperium (türkisch im Norden und Nordwesten, arabisch im Süden und Südosten) rechnen, als mit dem bisherigen einheitlichen osmanischen Reiche. So schnell wie sich das ausspricht, entwickeln sich freilich die Dinge wohl nicht, und gewisse europäische Mächte werden sicherlich Interesse daran finden, sich mit ihnen zu beschäftigten und bei ihrer etwaigen Gestaltung mitzusprechen. Vorläufig sieht sich alles höchst bescheiden an. Was verlangt wird, klingt gemäßigt und vernünftig, und es ist kein Schaden für die türkische Zentralregierung ersichtlich, diesen unschuldigen Reformvorschlägen nachzugeben. Für alles, was jüdisch ist und Interesse an Palästina hat, sind diese Vorgänge natürlich von hervorragender Bedeutung. Auch die Juden sind ein wichtiges Volkselement in Syrien, das auf alle Rechte Anspruch hat, die andere Elemente daselbst erlangen und empfangen können. Ritualmordhetze in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Das Schreckbild der Mordtat an zwei hiesigen jüdischen Bürgern ist noch nicht verblaßt und schon wieder wird die jüdische Bevölkerung in große Besorgnis versetzt, da die Griechen hier blutrünstige Ritualmordmärchen verbreiten. Vier griechische Kinder hatten sich verirrt, und sofort beschuldigte man die Juden, sie zu rituellen Zwecken verschleppt zu haben. Der Vater eines verirrten Kindes wandte sich sogar an den Großrabbiner und verlangte sein Kind von diesem zurück! Der Großrabbiner ließ ihm antworten, daß er sich in der Adresse geirrt habe. Glücklicherweise wurden die verirrten Kinder bald wieder aufgefunden. Die schimpflichen Verleumdungen seitens der Griechen erregten die jüdische Bevölkerung sehr, die sich ängstlich fragt, ob nicht diese Gerüchte, wenn das jüdische Osterfest herannaht, sich vermehren und größeres Unheil anrichten werden. Die jüdische Bevölkerung verlangt energische Maßregeln seitens der griechischen Behörden, um die Ritualmordhetze zu unterdrücken. Der Großrabbiner hatte darüber eine Unterredung mit dem Präfekten. Dieser sprach sein Bedauern aus und erklärte dem Großrabbiner, daß derartige alberne Verleumdungen keinen Einfluß hätten. Eine hiesige griechische Zeitung ermahnt in einem Artikel die griechische Bevölkerung, derartigen Gerüchten keinen Glauben zu schenken und mit den Juden in Frieden zu leben. Die Juden in Bulgarien und der Krieg (Von unserem Berichterstatter.) Philippopel. Mehr als die Juden der anderen Balkanländer hat die jüdische Bevölkerung Bulgariens unter dem Krieg zu leiden. Die wohlhabenden bulgarischen Juden — und es gibt in den verschiedenen Städten Bulgariens eine nicht unerhebliche Anzahl reicher Juden — stellen einen ganz eigenartigen Typus dar. Mit ganz geringen Ausnahmen fehlt ihnen jeder jüdische Gemeinsinn und jedes soziale Verantwortungsgefühl. Dies rührt zum Teil auch daher, daß in früheren Jahren die Alliance den hiesigen reichen Juden die Hilfstätigkeit für die notleidende jüdische Bevölkerung abnahm. Sie bekleidete, als sie in Bulgarien noch Schulen unterhielt, bedürftige jüdische Schulkinder, verteilte Brennholz an die armen jüdischen Familien, unterstützte in Fällen von Brand oder Ueberschwemmung