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Die Welt · 1913-01-17 · 3 (17.1.1913) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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74 Nr. 3 von Männern wie Noah, Salvador, Montefiore, Kalischer, vor allem aber dem phantasiebegabten Moses Heß gingen die neuen nationalen und palästinensischen Ideen aus und verdichteten sich zu ersten tastenden Versuchen. Dabei blieb es nicht, und bald folgte ein weiteres Neujahr jüdischer Geschichte, das den Sabbat- und Erlaßjahren in Beziehung auf die Pflanzungen und Gemüsegärten wieder zu ihrer Geltung verhalt. Denn den nationalen Idealisten und Ideologen folgten in kurzer Frist die ersten Kolonisten auf dem Fuße. Erst dreißig Jahre sind vergangen, seitdem jene jungen Männer die russischen Hochschulen verließen, die das Losungswort: „Ins Haus Jakobs wollen wir gehen und eilen" (Bilu) auf ihre glorreiche Fahne geschrieben hatten. Unter unsäglichen Leiden und Mühsalen ist diese Kolonisation entstanden, und wer sie heute sieht, kann es nicht begreifen, daß die studentischen Kolonisten buchstäblich mit den Händen den Boden aufgraben mußten, weil ihnen die Mittel zum Ackergerät fehlten. Und doch wollten sie lieber Hungers sterben, als den Boden der Väter wieder verlassen. Zwar fehlte ihnen noch die eigentliche Landwirtschaft, die erst allmählich’ entsteht, besonders die Viehzucht, und auf ein Neujahr im Sinne des von der Mischnah festgesetzten Neujahrs am ersten Ellul werden wir noch warten müssen. Aber jenes Neujahr, das am fünfzehnten Schebat als eine fröhliche Feier des jüdischen Bauern- und Gärtnervolkes gefeiert wurde, wenn die Freudenfeuer auf den Höhen von Gilboa und den Gipfeln Galiläas aufflammten, hat von neuem seinen Einzug in das alte jugendfrische Land gehalten. Es ist ganz natürlich, daß der jüdische Nationalismus, der ja doch die echte jüdische Romantik darstellt, bewußt und noch öfter unbewußt zu den alten Formen zurückkehrt, in denen das Leben im alten Heimatlande sich abgespielt hat Das Volk lebt ja nicht vom Brot allein, es bedarf ja auch der Poesie, die sein Leben der Eintönigkeit entreißt, in die die Arbeit des Alltags das Volksleben versetzen würde, wenn sie allein es beherrschen würde. Auch ist ja die jüdischnationale Richtung keineswegs den nüchternen Erwägungen praktischer Rechner entsprungen, sondern den glühenden Herzen jener Schwärmer, die mit dem Spottnamen der Romantiker bedacht werden, und deren Schwärmerei es doch allein gelungen ist, das Eis zu schmelzen, das in Jahrhunderten das frostige Gatuth um das Herz der jüdischen Nation gelegt hatte. Diese Romantik des weichen und glühenden jüdischen Herzens hat die nationale Idee geschaffen und den Weg gebahnt, auf dem reale Arbeiter Triumphe feiern. Die ersten Vorkämpfer waren Schwärmer, wenn auch klare Köpfe, denen nur das Herz heißer schlug, als das unter der kalten Sonne des Nordens zumeist der Fall ist. Und diese Romantik ist und bleibt das treibende Moment in dieser großartigen und einzigartigen Bewegung, die zum erstenmal in der Weltgeschichte es zustande gebracht hat, daß ein städtisches Bürgerelement sich in Bauern verwandelte, freiwillig, nur kraft des idealen Schwunges, der das als materialistisch und opportunistisch verschriene Volk beseelt. Diese Romantik hat es ja auch zum erstenmal in der Weltgeschichte zuwege gebracht, eine zu Tode erstarrte Sprache zu neuem Leben zu erwecken. Diese Romantik ist die Seele der jüdischnationalen Bewegung, und sie gibt ihr den Hauch morgenländischer Poesie, der jeden umfängt, der einmal eine jüdische Siedlung im alten Heimatlande zu betreten das Glück hatte. Da sind alte Formen zu neuem Leben erwacht, die wie das Volk selbst in der Verbannung versteinert zu sein schienen. Was man Jahrhunderte und Jahrtausende lang nur aus alten vergilbten Folianten gelernt hatte, das erstand hier plötzlich zu neuem Leben, nicht aus einer Ueberlegung heraus, sondern aus der lebendigen Seele des neuerwachenden Volkes, das von selbst die alten Formen wiederbelebte. So ist es kein besonderes Ereignis, wenn alte Feste, die wir kaum mehr als dem Namen nach kannten, zu neuem Leben gelangen. Auch das Neujahr der Bäume, das vierte in der Reihe, aber nicht das unwichtigste, hat sich im Lande Israels zu neuem Leben an das Licht der Sonne gewagt. Mit Jubel und Jauchzen wurde es empfangen und auf dem Lenzesbühl (hebräisch: Tel Abib) in feierlichem Umzuge in die Kolonie geführt. Wenn der fünfzehnte Schebat erscheint, dann schallt Freude und Jauchzen aus jeder Brust und Jubel erfüllt die festlichen Straßen, die sich an die Herzlstraße in Jaffas jüdischer Vorstadt anschließen. Das Neujahr der Bäume, der Tag, wo nach der Meinung unserer Altvordern die Säfte von neuem in den Bäumen emporzusteigen beginnen, ist ein Fest der wiedererwachenden Lebenskraft geworden, ein Fest, in dem das jüdische Volk Palästinas erkennt, daß es selbst ein Baum ist, gepflanzt von der Hand des Ewigen, ein Baum der Ewigkeit 1 Gleichzeitig aber ist das Fest auch cm Wichtiger Tag für das Land in praktischem Sinne. Denn so schön das Land auch ist, so herrlich die Konturen der Berge und des Landes tiefe Einschnitte am Jordan, wie die weiß umstrandeten Klippen am Karmel oder die milde und oft wilde See am weiten Levanteufer, so fehlt doch dem Lande das schönste, was sein Schmuck in den alten Tagen gewesen ist. Wenn wir aus den alten Büchern unseres heiligen nationalen Schrifttums ersehen, daß das Land unserer Väter herrliche Wälder hatte und daß allerorten Gärten und Straßen von Palmen und Zedern, von Feigen und Sykomoren, Johannisbrotbäumen und Oliven umsäumt waren, wenn die Berge bedeckt waren mit diesem schönsten Schmucke eines subtropischen Berglandes, so ist diese Schönheit längst geschwunden. Kahl sind die Berge und baumlos die Ebenen. Einige Wälder in Galiläa mit spärlichem Bestände, einige bessere Waldungen im Karmelgebiet vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, daß die hohen Berge der Eichen und Terebinthen, der Zedern und Pappeln vollständig entbehren, und daß selbst Nutzbäume, wie Oliven und Johannisbrotbäume selten geworden sind. Der Palmenhain von Haifa ist eine Sehenswürdigkeit, nicht bloß weil er schön ist, sondern weil es wohl der einzige Palmenhain im ganzen Lande sein dürfte, und sonst Palmen nur in der Jordanniederung bei Jericho etwas zahlreicher sind. Auch für die Bäume begann ein Neujahr mit der jüdischen Kolonisation, wenn auch erst später als am Anfang der eigentlichen Siedlung. Denn erst die Not zwang die Kolonisten, zur Abwehr von Malaria und Schwarzwasser - Fieber jene großen Waldungen von Pethach-Tikwah und später von El-Chudeira zu pflanzen, die den fiebersdiwangeren Boden saniert haben. Aber als wir vor mehr als achtzehn Jahren in Jaffa und den Kolonien den Gedanken aussprachen, man solle Preise aussetzen für die Kolonisten, die jedes Jahr eine Mindestzahl von Zier- und Nutzholzbäumen anpflanzten, da fanden wir weder bei den Kolonisten selbst noch bei den berufenen Vertretern in den Exekutivkomitees Verständnis. Erst der Kongreß-Zionismus, der der Bewegung neue Schwungkraft verlieh, brachte auch das Neujahr der Bäume. Die Gelbaumspende entstand, die auf dem besten Wege ist, sich in eine allgemeine Baumspende zu verwandeln. Die Aufholzung des Landes erst im Sinne des Nutzens, dann zugunsten von Schulen, Bibliotheken und anderen Kulturinstitutionen, endlich für die Schönheit und damit auch für die Hygiene des Landes sollte beginnen. Das Land soll wieder Bäume bekommen,

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