Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT 1EDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRG. BERLIN, 17. Januar 1913 unto T'önn 'X 03V 'tö IK] U A I T. H. LOEWE: Zum fünfzehnten Schebat — Weltchronik — Palästina-Rundschau — Revue der Presse — UNI Ir\LI . Aus der Bewegung — Sprechsaal — Geschäft!. Nachrichten— Mitteilungen des Hauptbureaus des J.N.-F. Zum fünfzehnten Schebat Einen nach modernen Begriffen scheinbar ganz merkwürdigen Anfang hat der talmudische Traktat, der über das Neujahrsfest handelt. Da heißt es, daß es vier Arten und vier verschiedene Anfänge des neuen Jahres gebe. Am ersten im Monat Nissan ist der Jahresbeginn für die Könige und die Feiertage, also das staatliche und bürgerliche Neujahr. Am ersten Ellul, nach andern am ersten TisChri, beginnt man das Jahr zu zählen im Hinblick auf den Zehnten vom Vieh, am ersten Tischri ist das eigentliche Neujahr, das im besondern für die Sabbat- und Erlaßjahre, für Pflanzungen und Gemüsegärten gilt, während nach der Lehre des Hauses Schammai der erste Schebat das Neujahrfürdie Bäume ist. Das Haus Hillel, dessen Lehre für das spätere Judentum für verbindlich erachtet wurde, setzt dagegen diesen Tag als den fünfzehnten im Monat Schebat fest. Und so gilt es noch heute. Der erste Blick auf diese Feststellungen der Mischnah läßt klar erkennen, daß das ganze Leben des jüdischen Volkes zur Zeit der Entstehung und der praktischen Gültigkeit dieser Satzungen und Einrichtungen auf den Ackerbau und noch weit mehr auf den Garten- und Pflanzenbau gerichtet gewesen sein muß. Und wirklich vermochte nur ein so intensiv gärtnerisch ausgenutztes Land die überaus große Zahl der Bevölkerung zu ernähren, die nach dem hier ganz einwandfreien Zeugnis des Josephus im letzten Jahrhundert der jüdischen Selbständigkeit im Lande Israel ihre Nahrung reichlich fand. Es war tatsächlich ein Land, das jeden seiner Bewohner unter dem eigenen Feigenbaum und dem eigenen Weinstock sicher wohnen und satt werden ließ, ein Land, das nicht bloß reich an Getreide, Most und Oel war, sondern daß eine so hohe Stufe gärtnerischer und landwirtschaftlicher Vollkommenheit erreicht hätte, wie sie nur irgendwo und irgendwann im Altertum erklommen worden ist. Wo man heute in Palästina reist, sei es in den breit gedehnten Bergen des Landes Jehuda oder auf den weithin ragenden Gipfeln des galiläischen Hochlandes, überall sind bis auf die höchsten Gipfel der Berge hinauf Terrassen angelegt, die uns beweisen, daß diese heute so kahlen Berge einst in alter und urältester Zeit überall mit Gärten und Pflanzungen bedeckt waren, die die Fruchtbarkeit des herrlichen Landes in sorgsamster Weise ausnutzten. Da ist es denn kein Wunder, daß die Bewohner dieses Landes und ihre Gesetzeskundigen ihre Neujahre nach den verschiedenen Phasen in dem Leben der Natur zählten, wie sie sich in der Landwirtschaft, vor allem aber in dem intensiven Gartenbau dieses Landes kundgaben. Alles im Leben des Volkes stand in inniger Beziehung zu dem Landleben, und diese Tatsache lehrt uns immer wieder, daß der kräftige Stamm, der in der Väter Tagen von dem Lande Besitz ergriffen hatte, in allen Zeiten seines historischen Lebens im Heimatlande ein echtes Ackerbauervolk war. Das unglückliche Geschick eines Volkes, dem man das Heiligste, das Vaterland, entrissen, hat dieses Volk dem Boden entfremdet, auf dem es erwachsen ist. Wie der Riese Antäus hatte es doppelte Kraft verspürt, so lange es auf dem mütterlichen Boden saß und war eine leichte Beute des übermächtigen Gegners geworden, als es nicht mehr die heimische Erde unter sich fühlte. Das jüdische Volk, das in seiner Heimat das klassische Volk des Gartenbaues gewesen war, das die Natur liebte und eine Landpoesie schuf, wie wir sie bei keiner der antiken Nationen kennen, vermochte es nicht, im fremden Lande mit jener Liebe den Garten zu bebauen und die Bäume zu pflegen, die es in seinen alten heiligen Liedern besungen hatte, die Bäume des Ewigen, des Libanons Zedern, die Er gepflanzt und die Zypressen. Das entwurzelte Volk hatte kein Interesse, Bäume der Ewigkeit wurzeln zu lassen in den Ländern, von denen es nicht wußte, wie lange sein Aufenthalt in ihnen sein könnte. Da begann plötzlich ein neues Jahr in der jüdischen Geschichte. Eine neue Zeit brach an, eine Zeit, in der die uralte Sehnsucht der überallhin versprengten Juden sich bei Hunderttausenden zu geistiger Regsamkeit und zu dem ernstesten Willen verdichtete, die alte Heimat wieder zu gewinnen. Durch Waffen des Krieges war sie verloren gegangen, durch die Waffen des Friedens sollte sie neu gewonnen werden. Diese neue Zeit begann mit einem Neujahr der politischen Ideen. Nationale Gedanken erwachten, und