Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 2 47 DIES^ELT dividuelle „kleine Volksarbeit“ trat zurück und äußere, fremde Machtfaktoren traten mit entscheidender Kraft in den Vordergrund. So kam es, daß die „Bilu-Delegierten" in Konstantinopel das Odessaer Bureau täglich mit telegraphischen Warnungen überhäuften, alles daranzusetzen, um die „Stürmer und Dränger“ von jedem „autonomen“ Schritt abzuhalten, bis dieser oder jener „diplomatische Sieg“ errungen sein würde. Daß diese fremden Machtfaktoren sich gar oft zu ungunsten der nationalen Bilu-Bestrebungen geltend machten, versteht sich von selbst. Es ist leicht begreiflich, daß die Folgen dieser „Politik“ auf die jugendlichen, ganz unnötig und zwecklos enttäuschten Elemente nicht ausbleiben konnten. Da war Os man Pascha, den sie noch von Charkow her kannten, wo er als Kriegsgefangener der russischen Armee längere Zeit wohnen mußte. Osman gab ihnen Empfehlungsschreiben an verschiedene türkische Würdenträger, darunter auch an den Großvesir. Böse Zungen behaupteten schon damals, daß diese Empfehlungsschreiben überaus zweifelhafter Natur gewesen sein sollen. Dann waren es wieder andere Paschas, zu denen sie Beziehungen suchten und mit Leichtigkeit fanden, und von denen sie alle möglichen Versprechungen erhielten. Sogar „auswärtige“ politische Beziehungen suchten die Konstantinopeler Bilu-Delegierten anzuknüpfen. Kein Geringerer als der eiserne Kanzler Bismarck sollte zu ihren Gunsten bei der Hohen Pforte intervenieren. Der verewigte Berliner orthodoxe Rabbiner Israel Hildesheimer unternahm später die undankbare Aufgabe, Bismarck bei einem Gratulationsbesuch anläßlich seines 70. Geburtstages für diesen Zweck zu gewinnen. Im „Hameliz“ (Nr. 24 vom Jahre 1885) machte Hildesheimer, der der Sache der Bilu das wärmste Interesse entgegenbrachte, den mißlungenen Versuch, diese Episode „um des lieben Friedens willen“ in Abrede zu stellen, sie wurde aber in den damaligen „Wochenchroniken“ des Woskhod in allen Einzelheiten aufrechterhalten. Dann kam die „tolle Zeit“ des höchst abenteuerlichen Politikers Lord Laurence Oliphant, des bekannten Verfassers des Buches „Das Land Gilead“, der den Vorstehern der Bilu in Konstantinopel goldene Berge versprach. Er habe genügend Mittel und nötige Beziehungen, um für die russischen Juden in Palästina am Goldenen Horn die weitgehendsten Privilegien zu erreichen. Ein F i r m a n des Sultans, in dem für dreihundert jüdische Familien staatliche Latifundien in Palästina und Syrien als Geschenk bestimmt würden, sei bereits vollzogene Tatsache, die nächstens veröffentlicht werden solle. Ein jeder übereilte Schritt von seiten der wanderbegierigen jüdischen Jugend aus Rußland könne die schönsten Erfolge vereiteln. Was Wunder, daß die schwärmerischen Bilu-Führer sich ganz in politische Phantastereien verloren? Die krasse Wirklichkeit aber brachte sie rasch zum Bewußtsein. Ihre „politischen Freunde“ machten sich eilig aus dem Staube. Bald darauf erschien das bekannte Irade, das den Verkauf von Boden an russische und rumänische Juden mit aller Strenge verbot und deren Einlaß in Palästina äußerst erschwerte. Das waren die Erfolge der „Bilu-Pölitik“. Es galt nun, wieder „zum Pfluge“ zu greifen, zur langsamen, aber sicheren „Volksarbeit“. Die Lage der Komiteemitglieder war indes eine sehr traurige. Das Vertrauen der Massen konnten sie nach den Mißerfolgen ihrer abenteuerlichen Politik nur mit äußerster Kraftanstrengung erhalten. Ihre Geldmittel waren erschöpft und sie befanden sich in größter materieller Notlage. Hunger und Elend kehrten bei den jüdisch-nationalen Führern in Konstantinopel ein. Stundenlang wurde darüber debattiert, ob man für die mit Mühe und Not aufgetriebene karge Summe Brot oder Tabak kaufen solle. Die Volksarbeit stand indessen nicht still. Eine aus 14 Mann bestehende Bilu-Gruppe irrte bereits im Lande, in der Umgegend von Jaffa, in größter Not umher, eine zweite, aus 9 Personen bestehend, wurde erwartet. Trübe Aussichten eröffneten sich den seelisch gedrückten, wenn auch noch lange nicht verzweifelten „ersten Vorstehern der Bilu in Stambul“, wie ihre offizielle Bezeichnung lautete. In Palästina ging inzwischen ein großes Werk vor sich. Während die einen in ihrer Naivetät völlig aussichtslose Politik trieben und die besten Kräfte für Luftschlösser vergeudeten, zog ein anderer ins Land, um in aller Ruhe und Geräuschlosigkeit einen wichtigen Baustein für die jüdische Zukunft in Palästina zu legen. Er hatte seinerzeit (1881) im „Hameliz“, dem damaligen angesehensten Organ der „Chowewe-Zion“, den Vorschlag gemacht, alle Kräfte daran zu setzen, um in Palästina eine Musterkolonie zu gründen. Als er sah, daß er ein Prediger in der Wüste blieb, machte er sich allen Ernstes daran, selber mit eigenen Kräften an die Verwirklichung des Planes heranzutreten. Tollkühn wie er war, verließ er blühende Geschäfte, Wohlstand, Weib und Kind, bereiste größere Städte im Süden Rußlands, ließ sich von angesehenen Zionsfreunden in Krementschug und Charkow die nötigen Vollmachten geben und begab sich zur Arbeit „auf die Berge Zions im Lande unserer Väter“. Zwar wisse er nicht, wie die Arbeit gemacht werden solle, „daß dies aber geschehen müsse, sei ihm zur Wahrheit des Herzens und der Vernunft geworden“. Er läßt eine endlose Reihe von Leiden und Kämpfen, von mühseligen und schweren Tagen über sich ergehen und erreicht das heißersehnte Ziel: die Kolonie ist im Werden begriffen. Allerdings schien ihm das Schicksal im letzten Augenblick einen Streich spielen zu wollen. Noch war der Kauf nicht abgeschlossen, als gerade das oben erwähnte Verbot des Bodenerwerbs für russische Juden erschien. Mit Mühe gelingt es ihm, die bereits im Rückzug begriffenen verzagten Mitglieder zusammenzuhalten, und so schreitet er unbeirrt, alle Hindernisse überwindend, zu seiner „wüsten, vertrockneten, angeblich ein Feld sein sollenden Bodenfläche“, um die neue „Kolonie“ feierlich . einzuweihen. Es war dies der aus Orscha, Gouvernement Mohilew, stammende Salman David Levontin, der Begründer von Rischon Lezion und nunmehrige verdienstvolle Leiter der Anglo-Palestine Company in Palästina. Rischon Lezion war bereits zu einer ansehnlichen Siedlung geworden, als eine Bilu-Gruppe von 12 Personen mit Israel Beikind an der Spitze eines schönen Juli-Morgens (1882) bei Levontin, dem Vorsitzenden des Waad (Vorstandes) der Kolonie, an die Tür pochte. Mit Freude und Begeisterung empfing Levontin die neuen Gäste, die sämtlich Akademiker waren. Rischon durfte damals schon einer sicheren Entwicklung entgegensehen, der „bekannte Wohltäter“, wie Baron Edmund Rothschild in der damaligen hebräischen Presse ohne Namensnennung bezeichnet wurde, schenkte ihr kurz vorher seine Gunst in Form eines Darlehns von 30 000 Frcs. In dieser neuen Erscheinung, daß gerade „junge Leute von höherer Intelligenz und Energie endlich dazu kommen, sich dem geweihten Boden unserer Vergangenheit und unserer Zukunft zu widmen“, erblickte Levontin „eine vielverheißende Epoche“ und freudig nahm er sie in seiner Kolonie als Feldarbeiter auf. Er hatte seine redliche Mühe mit Dr. Hirsch, dem Direktor der Mikweh-Israel-Schule der Alliance. Hirsch hatte nämlich „kein allzu großes Vertrauen zu den russischen Revolutionären“ und Levontin lag daran, ihn zugunsten der Bilu umzustimmen, was ihm auch gelang. Dieser Umstand war um so wichtiger, als die in der Folge anlangenden Bilu-Gruppen in Mikweh-Israel ohne weiteres Arbeit erhielten und Hirsch von Carl Netter die Genehmigung erwirkte, für die Bilu einige Wohnhäuser zu errichten. Ein neuer