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Die Welt · 1913-01-10 · 2 (10.1.1913) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
2 (10.1.1913)
Date
1913-01-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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46 Nr. 2 DIE^ELT sagen: der Name bedeutet ein Programm. Wie unser Gg. Eh\ Marmorek in der öffentlichen Propagandaversammlung rühmend hervorhob, ist es ein Beweis von Mut und von Stolz, die landesübliche Bezeichnung „israelitisch“ fallen zu lassen und dafür den viel geschmähten Namen „Jude“ aus dem Staube zu heben und zum Ehrennamen zu machen. Diese Schar von über 300 Jünglingen und Mädchen, die sich fast spontan zusammengefunden haben, um dem jüdischen Gedanken unter der Jugend eine Stätte zu schaffen, ist vom größten Enthusiasmus beseelt, und es ist ein erhebendes Schauspiel zu sehen, mit welchem Eifer und welchem Ernste sie sich an ihre Aufgabe heranmacht. Mit instinktiver Sicherheit haben die Gründer dieser Bewegung, mit dem Vorsitzenden Herrn L. Horovitz an der Spitze, begriffen, daß ihre Bestrebungen sich nur entwickeln können, wenn sie ein positives Ziel besitzen und in der Richtung des geschichtlich gegebenen Judentums laufen. Infolgedessen debütierte der Verein in seinem Programm und mehr noch in seinen Veranstaltungen mit einer Absage an die Assimilation, wie wir diese mit einer solchen Schroffheit außerhalb des Zionismus hier noch nicht angetroffen haben. Diese neue Regung innerhalb der jüdischen Jugend scheint bei gewissen jüdischen Kreisen nicht allzu viel Behagen hervorgerufen zu haben. Während die Gründung sich nämlich in der ersten Zeit der Gunst der Offiziellen erfreute, denen das Abnehmen des Interesses für jüdische Dinge unter der Jugend ernste Sorge bereitet und die daher den Segen eines Zusammenschlusses zur Stärkung des jüdischen Sinnes wohl erkennen, ist in der letzten Zeit eine gewisse Erkältung eingetreten. Man kann sich eben noch nicht von gewissen tief eingewurzelten Ideen lossagen und hält es z. B. schon für eine jüdische Tat, wenn sich in der „Jeunesse Republicaine“ eine Anzahl Juden zu Politikasterei und Strebertum zusammenfindet, oder bestenfalls in der aus der Dreyfuszeit stammenden „Union Scolaire“ einige Personen schöne Reden über Antisemitismus und Weltreligion anhören. Diesen pseudo-jüdischen Manifestationen gegenüber ist die Tendenz der „J. J.“ anscheinend zu radikal jüdisch. So kam es, daß auf der ersten großen Propagandaversammlung, die dieser Tage stattfand, von den „Offiziellen“ niemand erschien, und als Hauptredner unsere Gesinnungsgenossen Dr. Marmorek und Andre S p i r e figurierten. Dies hinderte aber nicht, daß die Räume der „Universite Populaire“ bis auf den letzten Platz gefüllt waren und über 100 Personen keinen Einlaß fanden. Unsere beiden Freunde überbrachten dem Vereine die Glückwünsche der Zionisten, da er es endlich gewagt habe, unbeschadet der dem Lande der Revolution und der Menschenrechte geschuldeten Treue sich des Judentum« zu erinnern und die Bande zwischen dem Judentum von heute und dem der Geschichte, die zu zerreißen schienen, wieder zu festigen. Herr Spire betonte besonders den Wert der in das Programm aufgenommenen sportlichen und gymnastischen Betätigung, während Dr. Marmorek auf die Gemeinsamkeit der Ziele der „J. J.“ und des Zionismus hinwies, die beide für die Emanzipation des Judentums kämpfen. Der Beifall, den die temperamentvollen Ausführungen unseres Gesinnungsgenossen hervorriefen, ist unbeschreiblich. Es war vor der Versammlung das Gerücht verbreitet worden, daß der Verein eine Gründung der Zionisten sei, mit dem Zwecke, die Jugend in unser Fahrwasser zu lenken. Diese Behauptung ist nicht richtig. Dagegen begrüßen wir den jungen Verein mit der größten Sympathie, wie dies Dr. Marmorek in beredter Weise zum Ausdruck brachte, weil er es zum ersten Male unternimmt, die Jugend in Frankreich vor der Assimilation zu bewahren und mit den hohen Kulturwerten des Judentums vertraut zu machen. Daß hierbei allerdings diejenigen, welche sich den Aufgaben des Vereines mit Liebe widmen, nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern zum Nationaljudentum geführt werden, ist unsere feste Ueberzeugung. BILU (Zum 30 jährigen Jubiläum der „Bilu“ in Rußland.) Von Dr. 8. Bernstein, Berlin II. Es ist eine in weiten Kreisen verbreitete irrige Ansicht. als habe der größte Teil der jugendlichen Bilu- Scharen die Fahne der opferfreudigen Palästina-Pioniere zuguterletzt verlassen. Den Anlaß zu dieser Behauptung gab der Umstand, daß von den Hunderten von Anhängern dieses Pionierkreises sich schließlich nur eine kleine Zahl entschloß, Kraft und Leben für die Arbeit auf dem ersehnten Boden Palästinas tatsächlich einzusetzen. Es soll hier nicht die Frage behandelt werden, ob diese Erscheinung die historische Bedeutung jener denkwürdigen Epoche und deren Schöpfer irgendwie beeinträchtigen kann. Bedeutung und Größe von historisch gewordenen Volksidealen bestehen eben darin, daß nur „einsame Menschen“, die Auserwählten und die Starken, dazu berufen sind, diesen Idealen Leben und Inhalt zu verleihen. Es muß aber mit allem Nachdruck hervorgehoben werden, daß die Annahme, viele der alten Bilu- Anhänger seien abgefallen, durchaus falsch ist. Ein oberflächlicher Blick in die damalige hebräische Presse — speziell in die Abteilung der „Provinzialnachrichten“ — dürfte die absolute Grundlosigkeit dieser Annahme beweisen. Sämtliche Anhänger der Bilu-Ideale innerhalb des russischen Judentums sind nicht nur ihren nationalen Bestrebungen unerschütterlich treu geblieben, sondern auch die Zahl derer, die das ersehnte Zeichen zum Aufbruch erwarteten, stieg von Tag zu Tag. Es gab fast keine einzige größere jüdische Stadt von der Weichsel bis zur Wolga, die nicht eine Anzahl solcher „Wartender“ aufzuweisen hatte. Der akademischen Bilu-Jugend schlossen sich bald darauf neue jugendliche nichtakademische Elemente an, namentlich aus den Kreisen der sogenannten „Jeschiwah-Bachurim“, die einen neuen Zug von Sehnsucht und frischer Begeisterung in die Reihen der Pioniere hineinbrachten. Nun hatte aber das „Zentralbureau“ die strikte Ordre erteilt, keine „Schritte“ zu unternehmen, ohne ausdrückliche Instruktion des Konstantinopeler Hauptbureaus. So begeistert und schwärmerisch die jüdisch-nationale Jugend in Rußland auch war, herrschte dennoch in ihren Reihen eine eiserne Parteidisziplin. Alle harrten, wenn auch unzufrieden, geduldig aus, stets zum Gehen bereit, und es war nicht die Schuld der Masse, daß das „Zeichen“ nicht mit der gewünschten Schnelligkeit kam. Es ist keine dankbare Arbeit, Mängel und Fehler bei den Bilu ausfindig zu machen. Indes ist der Name Bilu groß genug, um auch eine kritische Beurteilung ertragen zu können: es war ein historischer Fehler der Bilu-Führer, daß sie bei ihrer ersten Aktion den „Weg ins Volk“, wenn auch nur für eine kurze Weile, verlassen und sich in verhängnisvolle „politische“ Händel eingelassen haben. In dem Moment, wo sie, als politischer Faktor ganz machtlos, unbekannt und unerfahren, in „diplomatische Verhandlungen“ eintraten, mußte notgedrungen ein gut Teil ihres selbständigen Willens und ihrer Schaffenskraft unterdrückt, ja geopfert werden. Die in-

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