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Die Welt · 1913-01-10 · 2 (10.1.1913) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
2 (10.1.1913)
Date
1913-01-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
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48 Nr. 2 DIE^gE LT Hauch durchzog nun die hoffnungsvollen Gemüter der Bilu, Lebhafter und freudiger denn je ertönten die Bauemlieder beim Sonnenuntergang, nach der mühevollen Arbeit auf dem „steinigen Boden". Der Schriftsteller M. Schallt, einer der wenigen, die der Leidensgeschichte der Bilu historisches Interesse widmeten, schildert in folgenden Worten das Leben der Bilu-Mitglieder in Rischon Lezion: „Das waren fleißige Arbeiter, die mit Gesang zur Arbeit gingen und singend vom Felde zurückkehrten. Allabendlich veranstalteten sie Lese- und Unterhaltungsstunden für hebräische Sprache, Literatur, Naturwissenschaft und Agronomie. Die Bilu wurden bald zum Mittelpunkt der Kolonie. In ihre Zelte, wo es stets lebhaft und fröhlich zuging, kamen alle, die Stärkung ihres trüben Mutes nötig hatten, um Freude und Lebenslust zu schöpfen. Die Bilu vereinigten sämtliche jungen Männer der Kolonie zu einer gefestigten Garde, um die oft vorkommenden räuberischen Ueberfälle kraftvoll abzuwehren. In kurzer Zeit gelang es der organisierten Koloniejugend, den kampfeslustigen Arabern einen solchen Respekt einzuflößen, daß die schlagfertigen Juden von ihnen nie anders als „Scheitane" (Teufel) genannt werden." Levontins Enthusiasmus sollte allerdings nicht ungestraft bleiben. Sein „seelisches Verhalten" zu den Bilu kostete ihm den Vorsitz in der konservativ gesinnten Kolonie, die die allzu eifrige Freundschaft ihres Vorstehers zu den neu angekommenen liberalen Arbeitern nicht dulden wollte. Die Geschichte aber darf jetzt, anläßlich der dreißigjährigen Jubelfeier der Pionierepoche, mit gutem Recht den Namen Levontins mit Dankbarkeit erwähnen, der rastlos und unermüdlich für die ersten Scharen der Bilu die Möglichkeit geschaffen hat, im Lande der Väter festen Fuß zu fassen. Die Wortführer der Bilu in Stambul setzten nun ihr Werk fort. In überaus warmen, begeisterten Sendschreiben und Aufrufen wandten sie sich wiederholt an ihre Freunde und Anhänger in Rußland, neue Mittel und frische Kräfte für die große nationale Sache zu sammeln. Es ist bezeichnend für die feste, unerschütterliche Haltung der Bilu-Vertreter, daß all die Mißerfolge und verhängnisvollen Fehler ihrer bisherigen Taktik, daß die scheinbare Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen keinen Augenblick vermochten, sie von dem angestrebten Ziele abzulenken. Neue Mittel und neue Wege mußten gesucht und gefunden werden. Die Schaffung einer selbständigen Bilu- Kolonie — das war der neueste Plan, die nächste Aufgabe des Konstantinopeler Zentralbureaus. Eine Bilu-Kolonie, die dem Volke als Vorbild dienen soll für „ein echt jüdisches freies Gemeinwesen und als Anziehungskraft für unsere Brüder in allen Ländern der Diaspora". Das war nun der Beginn der Realpolitik der neueren, nüchternen Auffassung der Dinge. An diesem Werke mußten aber sämtliche Bilu-Mitglieder einmütig teilnehmen, und eine Zerstreuung der Kräfte nach verschiedenen Arbeitsplätzen im Lande mußte vermieden werden. So heißt es in einem Aufrufe des Bilu- Vorstandes, der auch die Namensunterschrift des bekannten Zionsfreundes J. M. Pin es trägt: „In unserer Kolonisationsmethode wird das wahre Heil unseres Volkes liegen. Einzig und allein in der Gründung einer Bilu- Kolonie wird das Vorbild der jüdischen Selbständigkeit in Palästina geschaffen sein und nur diese Kolonie wird es in Zukunft vermögen, das Volk Israel aus allen Ländern Europas ins foeilige Land zu führen, um ihm unter Datteln- und Feigenbäumen ein ruhiges Leben zu gewähren." Mit dieser neuen Wendung erging zugleich an die in Rischon Lezion arbeitenden Bilu-Mitglieder, deren Zahl sich inzwischen bedeutend vergrößert hatte, der Mahnruf, die Arbeit niederzulegen und die Instruktionen des Vorstandes abzuwarten, was eine ganze Reihe von inneren Konflikten zur Folge hatte. Mit der größten Spannung verfolgten die zahlreichen Bilukreise und „Zionsfreunde" in Rußland die Vorgänge im heiligen Lande, in sehnsüchtiger Erwartung der neuzuschaffenden Kolonie, die auch für sie das Signal zur Heimkehr bedeuten sollte. Und der Tag kam. Ein Signal für die ersehnte Massenwanderung „aus allen Ländern Europas" war er allerdings nicht. Schwer und mühselig, wie er erkämpft wurde, konnte er seinen Schöpfern, den Biluführem, nur den kleinen Anfang bedeuten, den ersten Keim für eine schöne Zukunft. — „Gedera" — das ward der zaubervolle Name der ersten politisch - gesellschaftlichen Errungenschaft der Söhne Bilu aus Charkow, der ersten verheißungsvollen Bilu-Kolonie. J. M. Pines, diesem feurigen Idealisten und nachmaligen Präsidenten der Bilu, ist es gelungen, in der Nähe des Dorfes Katra ein passendes Stück Land für die in Aussicht genommene Kolonie ausfindig zu machen. Der Kauf wurde rasch abgeschlossen, und -zwar auf den Namen des bereits erwähnten verewigten Berliner Rabbiners Hildesheimer, welchem Umstande übrigens zu verdanken ist, daßdie Erledigung der erforderlichen Bodenkauf-Formalitäten nicht mehr als zehn Monate in Anspruch nahm. Neun Bilumitglieder waren es, die sich an einem frühen Novembermorgen an der angeblich biblischen Stelle Gedera versammelt hatten, um im Schweiße ihres Angesichts den hartnäckigen Boden zu bearbeiten. So schildert uns ein authentischer Bericht die Entstehung der Kolonie (Woskhod, Wöchentliche Chronik 17 v. J. 1886): „Die Kolonie Gedera wurde am ersten Tage des Makkabäerfestes eingeweiht. Die Kolonie bestand eigentlich aus einem kleinen Häuschen, das weder vor Regen noch vor Kälte schützen konnte. Die neun Bilu-Mitglieder fühlten sich aber sämtlich sehr wohl in diesem Häuschen. Während sie zwecks Beschleunigung der Kolonisation die Bearbeitung eines Teiles des Bodens den Fellachen übergaben, machten sie sich selber daran, einen Hügel für den Weinbau zu kultivieren. Da sie weder Pferde noch Ochsen noch Werkzeuge besaßen, so mußten sie mit eigenen Händen den felsenfesten Hügel bearbeiten, was für sie eine ungeheuerliche Mühe war. Dazu besaßen sie kein gutes Trinkwasser, was bei der unerträglichen Hitze besonders empfindlich war. Aus Raummangel mußten sie ihre Esel und Hühner in ihrem Wohnhäuschen halten. Außerdem durften sie sich auch des Nachts, nach schwerer Tagesarbeit, keine Ruhe gönnen, da sie sich vor den Arabern hüten mußten. Obwohl die Araber es nicht mehr wagen, einen Juden oder dessen Gut in der Kolonie anzugreifen, nachdem die Söhne Bilu sie durch tätliche Belehrungen dazu erzogen haben, ist sicherheitshalber die Nachtwache auf das strengste eingeführt. Dank der Unterstützung von seiten der Chowewe-Zion sind nun einige Erleichterungen eingetreten: die Anschaffung von lebendem und totem Inventar. Die Kolonisten von Gedera ertragen jedoch alles mit leichtem Herzen, froh, daß ihnen das Los zugefallen ist, den heiligen Boden unserer Väter zu beleben, in der Erwartung einer schönen, lichten Zukunft. Bis jetzt ist es ihnen bereits gelungen, ca. 450 Dunam zu bearbeiten, 800 Olivenbäume zu pflanzen und eine ganze Reihe von Feldzäunen zu errichten. Der Gott Israels möge ihnen hilfreich beistehen." Man darf wohl sagen, daß diese Schilderungen eines kleinen Teiles der Leidensgeschichte der Söhne Bilu einen unvergänglichen Denkstein jener Tage der Wiedergeburt des jüdischen Volkes bilden. Es war ein Leidensweg, den die „Söhne Bilu" eingeschlagen haben. Sie sind als Fremde, ungekannt, zu ihrem Volke gekommen, um ihm die Tragödie seines Lebens in ihrer ganzen Tiefe aufzurollen. Sie wußten,

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