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Die Welt · 1913-01-10 · 2 (10.1.1913) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
2 (10.1.1913)
Date
1913-01-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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das Wiedererwachen des Nationalgefühls bei der jüdischen Assimilation, von der Höhe unserer Geschichte betrachtet, so kann man nicht umhin, an die optimistische jüdische Auffassung: „Gam su letowa“ zu denken. Ein kaiserlicher Gnadenakt (Von unserem Berichterstatter.) Wien. In der Antrittsaudienz des neugewählten Bürgermeisters Dt. Weiskirchner am 6. Januar teilte ihm der Kaiser mit, daß er den Bau des K in derhospitals der Wiener israelitischen Kultusgemeinde auf der „Wasserwiese", einem dem Hofärar gehörigen, an den k. k. Augarten grenzenden Grundkomplex genehmigt habe. Es handelt sich um jenen Spitalsbau unserer Kultusgemeinde, für welchen bekanntlich Stiftungen im Gesamtbeträge von rund fünf Millionen Kronen vorhanden! sind. Das neue Spital, das allen Kindern ohne Unterschied der Nationalität und Konfession stiftungsgemäß zugute kommen soll, wird somit im Judenbezirk, der Leopoldstadt, erbaut werden und voraussichtlich in eineinhalb Jahren fertiggestellt sein. Es bleibt unter Oberaufsicht der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Die Christlichsozialen hatten gegen die Errichtung des Spitals auf dem erwähnten Platze lebhaft agitiert. Sie spiegelten vor, daß die Juden zu Zwecken dieses Baues eine Parzellierung des Augartens anstrebten und protestierten dagegen, daß auch, nur durch Errichtung des Spitals auf einem Teile des Augartens der Charakter desselben als eines öffentlichen Erholungsortes tangiert werde. Da die „Wasserwiese" durch eine Mauer vom Augarten geschieden ist, war diese Behauptung natürlich ganz unbegründet und das Intrigenspiel der Antisemiten, das die Bewilligung des Hofärars vereiteln wollte, nur allzu durchsichtig. Man wollte eben die Errichtung eines so großartigen jüdischen Instituts in der Leopoldstadt verhindern. Nun hat aber der Kaiser just in der Antrittsaudienz des christlichsozialen Stadtoberhauptes erklärt, daß durch den beabsichtigten Spitalsbau die Gartenanlage des Augartens und deren Bestimmung unangetastet bleibe und daß erihn daher bewillige. Durch die kaiserliche Munifizenz und Einsicht wurden also die unwürdigen und auch gegen die christlichen Armen rücksichtslosen Quertreibereien der Antisemiten zunichte gemacht. Das Kinderspital wird sich an der Grenze zwischen Leopoldstadt und Brigittenau erheben, der kinderreichen Armut dieser Bezirke ohne Unterschied der Abstammung zum Segen. Vom Wiener Kultusvorstand Die konstituierende Plenarversammlung. — Programmrede Dr. Sterns. — Der „jüdische Volks rat". — Ein Rechtsbruch gegenüber der zionistischen Oppositio n". (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Der Wiener israelitische Kultusvorstand, dem nunmehr zwei zionistische Führer angehören, hielt Sonntag, den 5. Januar, seine konstituierende, öffentliche. Plenarversammlung ab. Die Programmrede des wiedergewählten Präsidenten Herrn Dr. Stern war deshalb bemerkenswert, weil sie nicht nur Gemeindefragen behandelte. Dr. Stern betonte diesmal die weitgehenden Pflichten, welche die jüdische Großgemeinde Wien infolge ihrer Bedeutung und Lage gegenüber dem Gesamtjudentum habe. Das Bibelwort: „Ich will hinausgehen und will sehen, was meine Brüder in Mizraim tun", sei seine „Richtlinie". Diese alljüdische Note in der feierlichen Programmrede eines Wiener israelitischen Kultusgemeindepräsidenten, der früher ein führender deutschliberaler Politiker war, begrüßen wir — so wenig prägnant sie auch zum Ausdruck kam — mit Genugtuung. Um so befremdender ist es, daß Herr Dr. Stern der so nötigen Statutenrevision keine Erwähnung tat, die Reform der Gemeindeverfassung also nicht als Programmpunkt seiner künftigen Amtswirksamkeit proklamierte. Ja, haben nicht während der verflossenen Amtsperiode des Präsidenten wichtige Statutenberatungen im Schoße des Vorstandes stattgefunden? Besagt doch der gedruckte Tätigkeitsbericht, daß in den letzten zwei Jahren „eine ganze Reihe zum Teil tiefeingreifender Abänderungsanträge eingehend beraten wurde"! Hätte nicht der durch das Vertrauen der großen Majorität wiedergewählte Präsident die Fortführung dieser — wie wir wissen — von fast allen Vorständen geforderte Reformarbeit als seinen vornehmsten Programmstandpunkt aufnehmen müssen? Wie soll dieses wichtige jüdische Gemeinwesen seinen Pflichten gegen die jüdische Volksgesamtheit nachkommen, wenn es seine eigenen Mitglieder durch die Tagung der Repräsentanz hinter verschlossenen Türen zur Interesselosigkeit in jüdischen Fragen geradezu erzieht, wenn durch eine unerhört reaktionäre Wahlordnung die breiten Schichten brüskiert und durch ein beispiellos hohes Steuerminimum von der Mitarbeit ausgeschlossen werden? Die beiden zionistischen Vorstandsmitglieder beteiligten sich an der Wahl des Präsidiums nicht, bei der des achtgliedrigen Vertreterkollegiums nominierten sie als einzigen Kandidaten Gg. Dr. Jakob Ehrlich. Zu diesem Verhalten hatte sie die Beschlußfassung des Wiener „Jüdischen Volksrates" verpflichtet. Die zionistischen Kultusräte Dr. Ehrlich und Ingenieur Stricker schritten nämlich sofort nach Abschluß der Wahlen an die Gründung einer zionistischen Körperschaft für Kultusgemeindeangelegenheiten, der nebst den Genannten die gewählten zionistischen Mitglieder der Bezirkskommissionen, der jeweilige Obmann des zionistischen Distriktkomitees und als kooptierte Mitglieder die Herren G e w i t s c h , Ing. Kramer und Dr. Weisengrün angehören. Zum Obmann wurde Herr Dr. Zweig designiert. Leider zeigte gleich die erste Plenarversammlung der Gemeinderepräsentanz, welche Haltung das Präsidium und der von ihm beherrschte Vorstand gegenüber der zionistischen Opposition einnimmt. Der erwähnte jüdische Volksrat hatte an den Kultusvorstand eine Eingabe gerichtet, in welcher er um Berücksichtigung einer von ihm vorgelegten Liste bei der statutenmäßig vom Kultusvorstand in der konstituierenden Plenarversammlung vorzunehmenden Nominierung von 142 Vertrauensmännern für die Bezirkskommissionen ersuchte. Als Dr. Ehrlich zur Begründung und Unterstützung dieser Eingabe das Wort erbat, verweigerte es ihm Dr. Stern mit der famosen Begründung, in öffentlicher Sitzung eine Diskussion über „Personenfragen" nicht zu gestatten. Er duldete also einfach nicht, daß ein legitimiertes Vorstandsmitglied einen Abänderungsvorschlag zu der von der Gemeindekanzlei verfaßten Vertrauensmännerliste einbrachte! Es kam noch ärger. Als sich nunmehr Ing. Stricker zur Geschäftsordnung meldete, erklärte Dr. Stern, er lasse in öffentlicher Sitzung auch zur Geschäftsordnung nicht sprechen. Kein einziges Mitglied der Majorität nahm gegen diesen Rechtsbruch Stellung, alle Herren billigten stillschweigend den beschämenden Vorgang, der unsere Repräsentanz vor der Oeffentlichkeit tief kompromittiert. Dr. Ehrlich forderte sofortige Geheimerklärung der Sitzung, was natürlich bewilligt werden mußte, und unsere beiden Vertreter hielten dem Plenum vor, daß es seine eigene Würde verletzte, indem es die Außerachtlassung der primitivsten parlamentarischen Pflichten seitens des Präsidenten gegenüber der zionistischen Opposition zuließ.

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