Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 2 43 Eine neue gesetzliche Beschränkung der Einwanderung nach Nordamerika (Von unserem Berichterstatter.) New York. Nachdem die Regierung der Vereinigten Staaten jüngst durch das Kompromiß bezüglich des Handelsvertrages mit Rußland eine Maßregel ergriffen hat, unter der die amerikanischen Juden zu leiden haben, hat der Kongreß durch die Annahme der Burnett-Bill einen weiteren Schritt getan, der für die jüdischen Volksmassen nachteilige Folgen haben wird. Die Bumett-Vorlage war an die Stelle der W i 11 i n g h a mi - Bill gesetzt worden, welche nicht allein Analphabeten, sondern auch Personen, die in ihrem Herkunftslande in politischer Hinsicht verdächtig erschienen, von der Landung ausschloß. Die nunmehr angenommene Burnett-Bill enthält u. a. die Bestimmung, daß der über 16 Jahre alte Einwanderer vor der Zulassung seine Fähigkeit, zu lesen, nachweisen muß. Wenn man sich die Einwanderungsstatistik des vorigen Jahres ansieht, so ergibt sich, daß unter den 182 273 zu gelassenen Analphabeten 16 757 Juden waren, eine Zahl, die noch viel größer wird, wenn man die (in der Statistik nicht mitgerechneten) Frauen und Kinder dieser Einwanderer hinzuzählt. Auf Einwanderer, die ihrer Religion wegen in ihrer Heimat verfolgt wurden, findet die Vorschrift zwar keine Anwendung, doch ist diese Klausel außerordentlich dehnbar und für die Praxis fast bedeutungslos. Eine Möglichkeit ist allerdings noch vorhanden, daß Präsident Taft von seinem Vetorecht gegenüber der Bill Gebrauch macht. Es herrscht hier vielfach die Ansicht, daß das ganze Gesetz überhaupt nur gegen die Einwanderung von Juden (und Italienern) gerichtet und demnach geradezu als Ausdruck einer judenfeindlichen Stimmung des Repräsentantenhauses anzusehen ist. Da eine Zusammenarbeit jüdischer Organisationen zur Verhütung der Bestätigung des Bumett-Einwanderungsgesetzes dringend nötig scheint, beschloß das Exekutivkomitee der amerikanischen Zionisten, bei dem American Jewish Committee eine entsprechende Aktion anzuregen und sich in diesem Sinne mit dem Präsidenten der genannten Körperschaft in Verbindung zu setzen. Eine weitere Kooperation mit dem American Jewish Committee wird in Sachen der Unterstützungsarbeiten für die bedrängten Balkanjuden vorbereitet, indem auf Ersuchen des American Jewish Committee ein Aufruf zur Sammlung von Geldmitteln im „Maccabaean" und „Dos Jiddishe Folk" erscheinen soll. Einwanderungsstatistik Aus der soeben veröffentlichten Einwanderungsstatistik der Regierung der Vereinigten Staaten geht hervor, daß die jüdische Einwanderung in den vier Monaten Juli, August, September und Oktober 34 526 betrug, somit die Anzahl der eingewanderten Juden — nächst den Italienern und Polen — an dritter Stelle Die Ausländerfrage an den deutseken Universitäten Berlin. Das „Berliner Tageblatt" berichtet: In Halle a. 8. wurde dieser Tage eine geheime Verhandlung zwischen den Professoren der medizinischen Fakultät der Universität Halle und einigen Professoren der medizinischen. Fakultät der Universität Berlin, unter ihnen Geheimrat Orth und Professor Kraus, gepflogen. Die Verhandlung befaßte sich mit der Frage, ob und welche Ausländer in Zukunft an den deutschen Universitäten zu den klinischen Semestern zugelassen werden sollten. Die Verhandlungen wurden geheim geführt. Wie die „Saale-Zeitung" erfährt, wurde in der Verhandlung vor allem davon gesprochen, daß die Ausländerfrage an den deutschen Universitäten nur durch die vielen Russen akut geworden sei, die in Deutschland studierten, und zwar handelt es sich in der Hauptsache um die Russen jüdischen Glaubens, welche die deutschen Universitäten besuchen, weil ihnen der Besuch der russischen Hochschulen erschwert respektive unmöglich gemacht ist. Sie werden in Rußland nur in einem ganz geringen Prozentsatz zum medizinischen Studium zugelassen. Die Ablegung der Prüfung an den russischen Universitäten ist ihnen fast gänzlich unmöglich gemacht. Dagegen ist das Praktizieren der russischen Juden in Rußland ohne weiteres gestattet, wenn sie in Deutschland ihre Staatsprüfung abgelegt haben. In der Versammlung wurde es daher als das Angezeigteste erachtet, wenn man mit den russischen Behörden in Verhandlungen trete zwecks Herstellung der Gleichberechtigung der jüdischen Studenten mit den Andersgläubigen beim Universitätsstudium. Man will, darin waren sich die Herren einig, den russischen Behörden vorstellen, daß es bei der geringen Anzahl der Aerzte in Rußland dringend zu empfehlen wäre, die antisemitische Universitätspolitik fallen zu lassen, um so mehr, als in Deutschland in Zukunft voraussichtlich strengere Maßregeln für die russischen Studierenden Platz greifen würden, da die Zulassung der russischen Studenten zu den klinischen Uebungen in Deutschland in Zukunft von der Ablegung einer dem deutschen Physikum gleichstehenden Prüfung an einer russischen Hochschule abhängig sein werde. Wer auch nur die geringste Kenntnis von der russischen Judenpolitik besitzt, muß sein Erstaunen über die Weltfremdheit der Herren Professoren bekunden, falls diese sich wirklich einbilden, durch ihre Vorstellungen bei der russischen Regierung auch nur das geringste erreichen zu können. Wir nehmen natürlich nicht an, daß die Herren Professoren nur zur heuchlerischen Bemäntelung der von ihnen offenbar vorbereiteten Verdrängung der russisch-jüdischen Studenten von den deutschen Universitäten solche Schritte ins Auge gefaßt haben. In der Tat aber wird es dazu kommen, daß den jüdischen Studenten das Studium im Lande der Dichter und Denker immer mehr verschlossen wird, während andererseits in Rußland an eine Aenderung gar nicht zu denken ist. Es würde den deutschen Professoren besser anstehen, im Namen der Wissenschaft der antisemitischen Menschenjagd der chauvinistischen deutschen Studentenschaft entgegenzutreten, als daß sie Vorstellungen in Rußland erheben, deren Wertlosigkeit auf der Hand liegt. Die Stimmung in Russisch-Polen (Von unserem Berichterstatter.) Die Spannung, mit der die jüdische Bevölkerung Polens die Ergebnisse der Boykottbewegung verfolgt, hat nicht nachgelassen; noch steht dieser Konflikt im Vordergründe jüdischer Lebensfragen und bringt alle Gemüter in Wallung. Die Anstifter der Bewegung, die sich aus den Kreisen der Schlachta und der Plutokratie rekrutieren, arbeiten unausgesetzt an der Judenhetze. Erfreulicherweise haben die Anführer des Boykotts auf vielen Punkten des Kampfplatzes ein Fiasko erlitten; erfolglos z. B. waren ihre Bemühungen, die durch Vermittlung jüdischer Agenten mit Warschau arbeitenden auswärtigen Exporteure durch Kollektivforderungen polnischer Firmen zur Uebergabe der Vertretungen an Christen zu bewegen. Es sind ferner Anzeichen dafür vorhanden, daß die polnische Masse, die Arbeiterschaft, zu verstehen beginnt, daß sie von der polnischen Bourgeoisie zum Werkzeug ihrer egoistischen Gelüste gemacht wird. Hier müßte die jüdische Aufklärungsarbeit ersetzen: durch Propaganda, populäre Broschüren und Tageblätter sollten die Gegensätze dieser Bewegung zu den Interessen der polnischen Masse, die Lügen und Heucheleien der Agitatoren vor Augen geführt werden. Wenn man die jetzigen Vorgänge in Polen: das Getöse der antisemitischen Hetze und die so mutige Wehr der Juden,