Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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42 DIE LT Nr. 2 nicht wegen seiner übermäßig reaktionären Gesinnung, sondern weil er während der Dumawahlen einerseits viel zu offenkundig die brutalen Wahlskandale zum Frommen der Regierung begünstigt, andererseits aber es trotzdem nicht verstanden hatte, eine unbedingt gefügige Dumamehrheit zustande zu bringen. Die Wahl fiel auf den jungen, energischen Gouverneur von Tschemigow, der sich, trotz seines Bruders, in Kreisen der schwarzen Hundert als getreuer Kämpe der extremen Reaktion einen klangvollen Namen erworben hat. Allgemein bekannt ist seine rücksichtslose Wahlmache im Gouvernement Tschemigow, die den schwärzesten unter den Schwarzen zum Siege verhalt. Ferner auch sein erbitterter Kampf gegen die bescheidenste gesellschaftliche Selbsttätigkeit, wie sie in der Institution der landschaftlichen Selbstverwaltung („Zemstwo“) gegeben ist. Noch vor kurzem hat die zemstwofeindliche Politik Maklakows seinen Chef, Minister M a k a r o w , veranlaßt, beim regierenden Senat dieserhalb vorstellig zu werden, und gerade gleichzeitig mit der Ernennung Maklakows zum Minister des Innern entschied der Senat, daß dessen Einschreiten gegen die Tschemigower Zemstwo gesetzwidrig gewesen sei. Maklakow hat sich auch durch seine rücksichtslos brutalen Judenausweisungen, in welcher Beziehung er nur noch in dem gewesenen Gouverneur von Nishny-Nowgorod Ch wo stow einen würdigen Konkurrenten hatte, „berühmt44 gemacht. Man sieht, Maklakow hat politisch nicht viel gemein mit seinem Bruder. Die einzige Folge der nahen Verwandtschaft zwischen dem Minister und dem Kadettenführer wird wohl d i e sein, daß Abgeordneter Maklakow aufhören wird, seine zermalmende Kritik an dem Ressort des Innern zu üben. Wie verlautet, soll sich K o k o w z e w offenherzig geäußert haben, daß die Ernennung Maklakows zum Minister den Zweck hätte, seinen Bruder, den gefürchteten Kritiker der herrschenden inneren Politik, unschädlich zu machen. Neue Massenausweisungen russischer Juden Der judenfeindliche Ausweisungsapparat der russischen Verwaltungsbeamten ist neuerdings wieder einmal in erhöhte Tätigkeit gesetzt worden. Viele Hunderte jüdischer Familien in den Gouvernements Jekaterinoslaw, Podolien und W o 1 - h y n i e n müssen mitten im Winter ihre bisherigen Wohnstätten verlassen. Im Kreise Dubno allein sind zweihundert Familien ausgewiesen worden, und wenn sie auch verzweifelte Anstrengungen unternehmen, die Aufhebung der administrativen Maßnahme noch in letzter Stunde durch den Senat zu erwirken, 90 bieten diese Versuche nur wenig Aussicht auf Erfolg, da der Senat seit Jahren antisemitischen Tendenzen huldigt und derartige Gesuche von Juden systematisch und rücksichtslos abweist. Dabei sind die Judenausweisungen in der Regel reine Willkürakte karrierelüsterner oder rachsüchtiger „echtrussischer“ Verwaltungsbeamter. So wird auch aus Kiew gemeldet, daß dort eine Gruppe aus den Dörfern ausgewiesener Familien gegen das Vorgehen des Generalgouvemeurs dem Senat und dem Minister des Innern eine Beschwerde überreicht hat. Darin berufen sich die Beschwerdeführer auf das Stolypinsche Zirkular vom Jahre 1907, das allen Juden, die sich irgendwo bis zum August 1906 „unrechtmäßig44 niedergelassen hatten, das Wohnrecht verlieh. Allein das ist ja jenes Zirkular, das, anstatt die Leiden der russischen Juden zu mildem, nur zu einer Quelle neuer Qualen und Schikanen geworden ist. Darum ist nur wenig Hoffnung vorhanden, daß die ungesetzlichen Massenausweisungen von Juden rückgängig gemacht werden. Zur Wahl des Chief-Rabbi (Von unserem Berichterstatter.) Lond o n. Die „Jewish World44, das offiziöse Organ des Präsidiums der United Synagogue, bestätigte vorige Woche meine Nachricht, daß Dr. B. Drachman für den Posten des Chief Rabbi ausersehen worden ist. Am 12. Januar wird die Auswahl unter den Kandidaten getroffen und dann von einer Konferenz bestätigt werden. In letzter Stunde traf aber eine Aufforderung der Ministers (rabbinischen Gemeindebeamten) ein, die Wahl aufzuschieben, da nach ihrer Meinung keiner der jetzigen Kandidaten für den verantwortungsvollen Posten befähigt ist. Das Gesuch, dem Präsidium der United Synagogue diese Ansicht persönlich unterbreiten zu dürfen, ist aber schroff abgewiesen worden, und die beleidigten Rabbiner wenden sich jetzt an die Oeffentlichkeit. Sie kommen aber viel zu spät, und ihr früherer Versuch, die Gemeindepolitik zu diktieren, ist so kläglich gescheitert, daß man von ihrem neuesten Auftreten nur eine weitere Einbuße an ihrem ohnedies nur recht geringen Ansehen erwarten kann. Die Londoner Friedensverhandlungen und die Juden Da die Friedensverhandlungen zwischen der Türkei und den Balkanstaaten in London stattfinden, so schien es angebracht, daß die englischen Juden für die jüdischen Interessen im nahen Osten eintreten. Ein Memorandum über die zukünftige politische Lage der Juden auf dem Balkan wurde vom Gonjoint Foreign Committee des Board of Deputies und der Anglo-Jewish Association den Friedensdelegierten überreicht. Es setzt die Lage der Juden unter den neuen Verhältnissen auseinander, und verlangt, daß in einem etwaigen Vertrage die Rechte der Juden ausdrücklich gesichert werden. Da die Beschlüsse der Balkanstaaten von den Großmächten unterzeichnet werden müssen, so ist vielleicht zu erwarten, daß diese Bemühungen gewisse Erfolge erzielen. Der Tod eines hervorragenden Rabbiners in London Der Tod des Rabbiners Abraham Werner hat eine Lücke in der Londoner Gemeinde hinterlassen, die nicht leicht auszufüllen ist. Als Rabbiner der Machsike Hadass-Synagoge war er vor Jahren der Mittelpunkt eines sehr heftigen Streites in der Londoner Gemeinde. Eine große Anzahl russischer Juden im East End Londons, die mit den offiziellen Gemeinde - Einrichtungen unzufrieden waren und von einer Anzahl wohlhabender deutscher Juden aus der Frankfurter Orthodoxie unterstützt wurden, erklärten dem verstorbenen Chief Rabbi Dr. H. Adler den Krieg, und begründeten eine eigene Gemeinde. Der Kampf wurde auf dem Boden der Schechitah ausgefochten. Im Jahre 1891 wurde Rabbiner Werner von Helsingfors, Finnland, von der „Machsike44 Hadass nach London berufen, aber vielleicht gerade seine Prinzipienfestigkeit führte dazu, daß er sich schließlich vom Kampfplatz zurückzog, als der Machsike Hadass die nötigen Zugeständnisse gemacht [wurden. Die finanziellen Schwierigkeiten der Machsike Hadass führten auch dazu, daß sie endlich um Einverleibung in die offizielle Gemeinde nachsuchte. Ist nun auch die Machsike Hadass-Synagoge ein mächtiges Zentrum der Orthodoxie und des jüdischen Lebens im East End Londons, so kann man sich doch nicht verhehlen, daß sie die Zukunft des englischen Judentums nur in ganz beschränktem Maße wird beeinflussen können. So war auch Rabbiner Werner nur der geistige Führer der alten Generation, und obwohl die Machsike Hadass eine große Talmud-Thora zur Heranbildung der Jugend unterhält, so kennzeichnet die Tatsache, daß dort, trotz aller Versuche von seiten englischer Juden, noch in jüdischer Sprache unterrichtet wird, die Stellung der Machsike Hadass und ihre eigene Zukunft im englischen Judentum. Es mag daran erinnert werden, daß Dr. Herzl in den ersten Jahren der zionistischen Bewegung Rabbiner Werner einen Besuch abstattete, und der greise Rabbi bei verschiedenen Gelegenheiten an zionistischen Versammlungen teilnahm. Es war sein Wunsch, die letzten Jahre im heiligen Lande" zu verbringen, aber nachdem er dort bereits einige Zeit zugebracht hatte, zwangen ihn seine Verhältnisse, nach London zurückzukehren.