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Die Welt · 1913-01-10 · 2 (10.1.1913) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
2 (10.1.1913)
Date
1913-01-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die Judenmorde in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Die jüdische Gemeinde von Saloniki ist, wie bereits kurz mitgeteilt wurde, in schwere Trauer versetzt worden. Die griechischen Missetäter haben, ermutigt durch die Gleichgültigkeit und Untätigkeit der griechischen Behörden gegenüber allen von ihnen verrichteten Schandtaten, zwei friedliche jüdische Bürger von Saloniki ermordet, um sie zu berauben. Der Vorfall spielte sich folgendermaßen ab: Zwei Juden, die Herren David Arnir und Jacob F r a n s e s , ihrem Stande nach Wechsler, kehrten eines Abends um 1/26 Uhr in ihre Wohnung zurück. Plötzlich stürzten aus einer Nebenstraße fünf Personen hervor. Zwei der Angreifer warfen sich auf Herrn Franses, der einen Beutel mit 4500 Frcs. bei sich führte. Herr Arnir versuchte sich gegen die Angreifer zu wehren, und rief um Hilfe. Darauf wurden auf ihn und seinen Begleiter Revolverschüsse abgegeben, die beide töteten. Die Schüsse erregten Alarm, worauf die Angreifer, nachdem sie sich des Geldes bemächtigt hatten, entflohen. David Arnir war 34 Jahre alt und hinterläßt eine Frau und zwei Kinder, von denen das jüngste erst elf Tage alt war. Jacob Franses war 40 Jahre alt und hinterläßt vier Dieser schreckliche Doppelmord erregte unter der jüdischen Bevölkerung ungeheure Bewegung. Auf allen Gesichtern lag Unruhe und Bestürzung. Ein Schrei der Entrüstung und unterdrückter Empörung entrang sich der Brust der Juden. Man fragt sich mit Angst, wie lange diese Zustände noch andauern sollen. Das Leben und das Eigentum der Juden ist dem ersten besten griechischen Räuber ausgeliefert, und das Bewußtsein, daß uns niemand beschützt und daß wir diesen Untaten hilflos preisgegeben sind, bedrückt uns aufs schwerste. Das Begräbnis der Opfer war höchst eindrucksvoll. Die jüdische Gemeinde gab ihm einen besonderen Charakter, um gegen die Ausschreitungen zu protestieren, denen die Juden seit Monaten ausgesetzt sind, um den Griechen ihre Entrüstung zu zeigen und der Behörde begreiflich zu machen, daß sie es mit einem Bevölkerungselemente zu tun hat, das sich seiner Rechte bewußt ist und energische Maßregeln fordert. Alle jüdischen Läden waren geschlossen. Mehr als 10000 Personen nahmen an dem Begräbnis teil. Man bemerkte den Großrabbiner, die Mitglieder des Verwaltungsrats der jüdischen Gemeinde, Mitglieder der Vereine, Mitglieder der Fremdenkolonie usw. Als der Trauerzug am belgischen Konsulat vorbeizog, wurde die belgische Fahne einige Augenblicke zum Zeichen der Trauer gesenkt. Nach dem Begräbnis begab sich der Großrabbiner zu dem Prinzen Nicolaus, dem Militärgouverneur von Saloniki, mit dem er die Mordtat besprach. Er bat ihn, die Polizeiposten in dem betreffenden Stadtviertel zu vermehren, und der Prinz erklärte, daß er die Trauer der Gemeinde teile und dafür sorgen wolle, daß dergleichen sich nicht wiederhole. Bisher sind die Mörder noch nicht eigriffen, doch wollen wir hoffen, daß die griechischen Behörden diesmal energisch vorgehen und die Schuldigen, falls sie entdeckt werden, sofort ihrer Strafe überliefern werden. Der Generalprokurator von Saloniki Mr. Achil Lambros hat folgende Proklamation erlassen, die als eine Wirkung der großen jüdischen Manifestation anläßlich der Beerdigung zu betrachten ist: „Am 24. Dezember wurde in dem Stadtviertel Carghi- Meidan in Saloniki ein Verbrechen gegen zwei Männer, David Arnir und Jacob Franses, begangen. Ich habe Herrn Constantinos Kiriacopoulos, Instrukteur der ersten Gendarmerie-Abteilung, mit der Untersuchung beauftragt. Obwohl die Untersuchung bis jetzt befriedigend verlaufen ist, erklären wir, um die Untersuchung zu beschleunigen, mit Bezugnahme auf Artikel 151 des Strafgesetzbuches und nach erfolgter Genehmigung des Justizministers, daß eine Belohnung von 2000 Drachmen demjenigen zugebilligtwird, der uns als erster die Schuldigen bezeichnet, und ein Preis von 3000 Drachmen für den Fall, daß die Bezeichnung zur sofortigen Verhaftung der Mörder führt.“ Der Generalprokurator Achil Lambros. Juden und Griechen in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Die griechischen Behörden sind unermüdlich an der Arbeit, um die jüdische Bevölkerung von Saloniki für sich zu gewinnen. So wurde in allen Kirchen eine Aufforderung des griechischen Metropoliten verlesen, die alle Gläubigen verpflichtete, ihre jüdischen Mitbürger als Brüder zu betrachten. Ein Wohltätigkeitskomitee, an dessen Spitze die Königin von Griechenland steht, stellte der Gemeinde täglich tausend Rationen Brot zur Verteilung unter die arme jüdische Bevölkerung zur Verfügung. Aus Griechenland traf eine Delegation von Vertretern der größten jüdischen Gemeinden Griechenlands ein, die aus folgenden Herren bestand: Mr. A. Constantinis, Präsident der Gemeinde von Athen, Mr. Ab. Cohen, Präsident der Gemeinde von Larissa, Mr. N. Gani, spanischer Vizekonsul in Volo und Vertreter der Gemeinde dieser Stadt, sowie Mr. Albert Levy. Die Herren besuchten den Großrabbiner, die verschiedenen Gemeindevorstände, den griechischen Metropoliten Monsignore Guenadios, die jüdischen Klubs, die Redaktionen der griechischen und jüdischen Zeitungen, und suchten überall vermittelnd zwischen beiden Elementen zu wirken. Der griechische Metropolit stattete Herrn Gani einen Besuch ab. Die griechischen Zeitungen widmen den Bemühungen dieser Delegation anerkennende Artikel. Aus guter Quelle verlautete, daß Herr Constantinis seine Friedensmission auf ausdrücklichen Wunsch der griechischen Behörden ausübt. Herr Haimaki Cohen, ein hervorragender Glaubensgenosse aus Trikala ist ebenfalls hier eingetroffen und wurde von dem König und den griechischen Prinzen empfangen. In einer Audienz, die Herr Constantinis bei dem König hatte, erhob dieser über die Unfreundlichkeit europäischer Zeitungen Klage, welche, wie er meinte, ungenaue Berichte über die Ereignisse in Saloniki gebracht hätten, und ließ durchblicken, daß diese Publikationen für die Juden nicht vorteilhaft seien. Im übrigen versicherte er, daß den Juden jede Art von Schutz zuteil werden solle. Als Herr Constantinis die Hoffnung aussprach, daß die Stadtverwaltung von Saloniki bald einen jüdischen Präsidenten haben werde, antwortete der König, daß er nichts anderes wünsche, und daß dies von der Zahl der Stimmen abhänge. Er setze große Hoffnungen für die Entwicklung Salonikis auf die Regsamkeit der jüdischen Bevöl- Unter den türkischen Gefangenen, die in Saloniki eintrafen, befanden sich auch eine Anzahl Juden, die aus Saloniki stammten. Auf Veranlassung des Großrabbiners wurden diese Gefangenen gegen eine Kaution in Freiheit gesetzt und konnten in ihre Wohnungen zurückkehren. Auch teilte die griechische Verwaltung dem Großrabbiner mit, daß sie die Absicht habe, Juden in die griechische Gendarmerie einzustellen, die zum Schutze der jüdischen Stadtviertel verwendet werden solle. All diese Kundgebungen haben es jedoch nicht vermocht, der jüdischen Bevölkerung Salonikis wirkliches Vertrauen einzuflößen. Alle Untaten, die die Griechen hier verübten und noch täglich verüben, sind straflos geblieben, und das beweist am besten, was von den griechischen Versicherungen zu halten ist. Die Juden Salonikis wollen Taten sehen und nicht schöne Worte hören. Das deutsche Konsulat hat Anweisung erhalten, die hiesigen türkischen Untertanen und insbesondere die Juden zu schützen. Die Meldung des Pariser „Temps“, daß dieser Schutz durch direkte Schritte der Judenschaft von Saloniki erfolgt sein soll, ist jedoch falsch. Auch

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