Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 LT 39 □□□□□□ WELTCHRONIK o Noch einmal der Brief Rabbi Jacob Meirs (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. In die mysteriöse Affäre des Briefes, durch den der Saloniker Großrabbiner die Nachrichten über die griechischen Untaten zu dementieren schien und durch den er die zum Besten der Juden der Stadt unternommenen Bemühungen gefährdete, beginnt jetzt einiges aufklärendes Licht zu fallen. Es stellt sich nämlich heraus, daß die griechischen Behörden in ihrem Eifer, sich von ihrer Schande reinzuwaschen, nicht nur dem Dokument, das der Großrabbiner ihnen unvorsichtigerweise in die Hände gegeben hatte, eine höchst geschickte Verbreitung gegeben haben, sondern daß sie mehr getan haben als das: nämlich eine kleine Fälschung. In der Tat ergibt eine Vergleichung zweier Texte desselben Schriftstückes, dessen im Saloniker jüdischen „Independant“ und dessen im hellenophilen „Journal des Debats“, eine merkwürdige Divergenz an wichtigster Stelle. Der Gewährsmann des „Independant“ ist Rabbi Jacob M e i r selber, der der „Debats“ der griechische Gesandte in Paris, Herr Romanos, und das erklärt zur Genüge die Differenz und gibt ihr eine eigentümliche Bedeutung: Im Texte des „Independant“ heißt es: „Was die Klagen anbetrifft, die in den ersten Tagen der Besetzung an mich gerichtet worden sind, und unter denen sich solche über Zerstörung und Plünderung von Synagogen von militärischer öder ziviler Seite nicht befanden, so erkläre ich formell, daß ich diese Klagen ausschließlich und direkt bei den hellenischen Behörden vorgebracht habe“ usw. In den „Debats“ dagegen: „Seit dem Einzuge der hellenischen Truppen in Saloniki ist mir in den ersten Tagen der Besetzung keinerlei Klage wegen Zerstörung oder Plünderung von Synagogen, sei es gegen Militär¬ oder gegen Zivilpersonen, zugekomme n.“ Diese Abweichung, auf die die Konstantinopeler „Aurore“ aufmerksam macht, scheint auf den ersten Augenblick geringfügig, aber sie ist von großer Tragweite. Nach den „Debats“ hat es den Anschein, als ob dem Großrabbiner überhaupt keine Klagen zugegangen seien, auch andere nicht, als die wegen Zerstörung und Plünderung von Synagogen, da von solchen anderen Klagen nicht mit einer Silbe die Rede ist, während der Text des „Independant“ ganz brüsk heraussagt, daß Klagen an Rabbi Jacob Meir gerichtet worden sind. Die griechische Diplomatie hat also mit Hilfe eines kleinen Manöverchens der öffentlichen Meinung Sand in die Augen zu streuen verstanden, um ihre Chancen zu verbessern. Das wird ihren Ruhm nicht heller leuchten machen. Der Trick verdient weithin bekannt gemacht zu werden; er beweist, wieviel die hellenischen Behörden Salonikis zu verbergen und zu vertuschen haben. Die jüdischen Schulen von Saloniki Inmitten all des Elendes, das sich über unsere unglücklichen Volksgenossen in Saloniki ergossen hat, ist das Schulelend eines der trübseligsten Kapitel. Nicht umsonst hat der Großrabbiner der Stadt in seiner Unterredung mit dem Kronprinzen Konstantin besonders eindringlich darauf hingewiesen. Der Krieg überraschte Saloniki gegen Ende der großen Schulferien. Bevor noch der Unterricht wieder einsetzen konnte, überfluteten die Massen der einstürmenden Flüchtlinge die Stadt und füllten die öffentlichen Gebäude. So wurde die ganze große Talmud-Thora, die 1500 Kindern eine echt jüdische Erziehung gab, in ein einziges Riesenasyl umgewandelt, in dem seit damals nahezu 600 jüdische Emigrantenfamilien hausen. Die gemischte Kommission des jüdischen Klubs ernährt sie seitdem notdürftig. Hinter den Emigranten her brachen dann die feindlichen Truppen ein und machten die Jugenderziehungsstätten zu Kriegslagen!, Kasernen und Spitälern. So ist denn keine einzige jüdische Schule in der Lage, Unterricht zu erteilen und an 20 000 Kinder bleiben ohne Unterricht. Dieser Zustand dauert jetzt, die Ferien miteingerechnet, bereits über vier Monate, und noch ist ein Ende nicht abzusehen. Größer vielleicht noch als das Elend der Kinder ist das der Lehrer. Nur die des Hilfsvereins, der ja bekanntlich Hilfsgelder durch das Deutsche Konsulat nach Saloniki gelangen ließ, bilden vielleicht eine tröstliche Ausnahme. Aber den von der Gemeinde Angestellten dürfte es traurig gehen, da kein Para in der Gemeindekasse vorhanden ist. Dabei ist die Teuerung furchtbar. Ein kleines Weißbrot, das früher mit 20 Para (10 Centimes) bezahlt wurde, stieg bis auf 6 Piaster und ist erst jetzt wieder auf 3 Piaster (60 Centimes!) herunteigegangen. Kurze Nachrichten aus Konstantinopel Das Hilfswerk für die jüdischen Flüchtlinge gestaltet sich immer schwieriger und kostspieliger. Die Stadtbehörden haben aufgehört, in Balat und Pascha Bagtsche, d. h. an die Hälfte der Flüchtlinge, Brot zu verteilen. Da der Hilfskommission die Gelder ausgingen, hat sie telegraphisch die jüdischen Hilfsorganisationen Europas um neue Fonds ge- Neue Hilfsgelder für Adrianopel im Betrage von wiederum 12 000 Francs konnten von den Vertretern des Hilfsvereins, der Alliance und der „Bne' Berith“ wiederum dahin übermittelt werden. Die „Deutsche Orientbank“ übernahm diesmal die Auszahlung, das Kriegsministerium wieder, wie das erstemal, die Zustellung von drahtlosen Depeschen. Spanien macht weiter den Juden den Hof. Auf Einladung des spanischen Gesandten und des Kommandanten des spanischen Kreuzers „Reyna Regente“, der hier vor Anker liegt, wurde vergangenen Montag eine größere Gesellschaft jüdisch - spaniolischer Familien an Bord dieses Schiffes empfangen und unter großen Ehren und Aufmerksamkeiten als „Brüder“ gefeiert. Der hebräische Kindergarten in Balat, der dort von der Großloge „Bne’ Berith“ und dem Hilfsverein gemeinsam errichtet wird, ist bereits im Bau begriffen und wird im Frühjahr eröffnet werden. Die Anstalt wird 200 Kinder aufnehmen und drei geräumige Klassen, einen großen Spiel- und Turnsaal sowie einen weiten luftigen Hof besitzen. Leutnant Eisenberg aus Palästina ist vorgestern Nacht zur Freude aller seiner Bekannten1 wohlbehalten aus Tschataldscha auf Urlaub hier eingetroffen. Er hat in Wisa zuerst vor dem Feinde gestanden und dann vor Tschataldscha fünf Tage lang an der Schlacht teilgenommen. Die furchtbaren Kriegsleiden hat er gut überstanden. Der Turnverein „Makkabi“, Sektion Balat, hat eine Lotterie zugunsten der jüdischen Flüchtlinge, die in diesem Vororte untergebracht sind, veranstaltet. Zwei Mitglieder seiner Damenabteilung, die Frau des Präsidenten der Organisation, Rosa Abramowitz, sowie Frau Ronja Abraham,, sind seit Ausbruch des Krieges in heroischer Aufopferung als Halbmond- Schwestern in einem türkischen Spital zu Halidschoglu am Goldenen Horn tätig.