Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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38 DIE3&ELT Nr. 2 Juden und das Wirtschaftsleben“4 veröffentlicht- Er korrigiert Sombart in einer Unzahl von Einzelheiten, er erklärt Sombarts Gesamtauffassung des Judentums und des jüdischen Wirtschaftsideals für grundverkehrt und rügt einzelne Taktlosigkeiten Sombarts mit tiefem sittlichem Emst. Er stellt im schroffsten Gegensatz zu Sombart fest, daß harte, ehrliche und anstrengende Arbeit auch im alten biblischen und talmudischen Judentum die ihr gebührende Würdigung fand, ja daß dessen Wirtschaftsideal ein theokratisch-agrarisch-mittelständisches gewesen sei. Hoffmann ist mit uns Zionisten „der festen Ueberzeugung, daß, wenn erst die türkische Regierung das rechte Entgegenkommen zeigen wird, eine großartige jüdische Landansiedlung in Palästina stattfinden und die unendliche Lebenskraft und der mächtige Idealismus des jüdischen Volkes alle Hemmnisse und Störungen überwinden wird." Aber „unter Verwerfung der in letzter Zeit beliebten gehässigen und ungerechten Sombarthetze glaube ich das Wertvolle und Bleibende in seinem Werke festgestellt, das Unrichtige und Verfehlte vor allem seiner Haupttheorie nachgewiesen zu haben." „Besonders bemerkenswert ist die seltene Unparteilichkeit, welche sich der Verfasser auf diesem seit Jahrhunderten vom Geschrei der kämpfenden Parteien widerhallenden Gebiet zu bewahren gewußt hat. Es wird das Standardwerk des ganzen Zeitalters über Juden und Judentum bleiben." „Die wunderbare Schilderung der jüdischen Familie, wie sie Sombart gibt, eine Schilderung, wie ich sie kaum je von einem Nichtjuden in so reiner und unverhohlener Anerkennung gehört oder gelesen habe, für die wir ihm von Herzen dankbar sein müssen." „Sombart ist gewiß kein Antisemit, und er verfolgt mit seinem Werke die besten Absichten." „Ich sehe den großen Wert seines Buches in der außerordentlichen Fülle von Anregungen zum Nachdenken und zur Weiterarbeit, die er uns in reichem Maße bietet. So kann ein wissenschaftliches Werk oft durch seine Fehler und Verstöße bedeutsam werden, indem es die öffentliche Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet lenkt, die Diskussion gewissermaßen eröffnet und so noch durch seine Irrtümer die Bahn für die Wahrheit frei macht." Ich denke das genügt. Jüdischer als Hoffmann brauchen wir auch nicht zu sein. Wir können dieses Urteil Wort für Wort unterschreiben, und die letztzitierten Sätze beleuchten, weit über die Judembücher Sombarts hinaus, das Wesen seiner gesamten wissenschaftlichen Lebensarbeit. Sombart ist immer ein Outsider gewesen; den Perücken vom Katheder war er stets ein Greuel — ein Los, das er übrigens mit unserem Freunde Oppenheimer, seinem intimsten wissenschaftlichen Gegner teilt. Auch wir, die volkswirtschaftliche Jugend, haben über manche seiner Worte und Taten erstaunt die Köpfe geschüttelt. Aber doch, als 1902 sein Hauptwerk „Der moderne Kapitalismus" erschien, da haben wir es, ohne Unterbrechung, Tag und Nacht hindurch verschlungen. Wie ist dieses Buch angefeindet worden, wie hat man sich über die „seidenen Kokottenstrümpfe" in dem wundervollen Kapitel über die Mode entrüstet. Stieda hat damals zweifelsfrei nachgewiesen, daß eine grundlegende Theorie Sombarts über die Vermögensbildung im Mittelalter falsch sei; aber auch er bekennt, ähnlich wie Hoffmann, sein „heftiges, aesthetisches Mißbehagen bei dem Gedanken, in saurer Kärrnerarbeit aus dem schönen Bauwerk eines Großen ein Stück reißen zu müssen, aus einem Bauwerk, das mir selbst teuer geworden ist". Seit jener Zeit hat Sombart seine Anschauungen über die Entstehung des modernen Kapitalismus vielfältig revidiert. Aber alle seine Arbeiten finden in diesem seinem Zentralproblem ihren Ausgangspunkt; sie alle sind in der gleichen elegant-malitiösen Art geschrieben, die ihre Lektüre zu einem hervorragenden geistigen Genuß macht, was man den wenigsten volkswirtschaftlichen Schriften nachsagen kann; sie alle beleuchten ein neues, bisher unbetretenes Gebiet der Forschung in origineller, interessanter und wissenschaftlich fruchtbringender Weise, indem sie die Teilprobleme isolieren und dadurch den Einfluß der Einzelfaktoren auf das Entstehen des Kapitalismus in scharf umrissener Weise hervorheben. Einen dieser Faktoren bilden, nach Sombarts Auffassung, die Juden; andere sind der Luxus und der Krieg, wie er dies in seinen neuesten Schriften „Luxus und Kapitalismus" und „Krieg und Kapitalismus" ausführt. Inwieweit er hierin recht hat, wage ich nicht zu beurteilen; ich bin sicher, daß die Detailforschung ihm auch hier wiederum alle erdenklichen Fehler nachweisen wird. Aber auch hier hat er wieder weite Horizonte geöffnet, auf neue, ungeahnte Zusammenhänge hingewiesen und das Ergebnis seiner Studien wird auch dieses Mal eine dauernde Bereicherung der Wissenschaft und der Kulturgeschichte sein, wenn ihm voraussichtlich auch Uebelwollende nachsagen werden, er habe um Kurtisanen und Kriegslieferanten, von denen beiden er aufs amüsanteste erzählt, einen neuen historischen Glorienschein gewoben. Unsere Freunde werden jetzt vielleicht einsehen, welcher Art die Sombartsche Methodik ist und daß wir allen Grund haben, ihm für seine Arbeiten über die Judenfrage dankbar zu sein. Unsere Gegner, die schon nervös werden, wenn ein Christ das Wort Jude in den Mund nimmt, und die in ihrer Vogelstraußpolitik das Alpha und Omega aller Weisheit erblicken, die werden wir doch nicht überzeugen. Dr. Hans Gideon Heymann. An unsere Leser! CT)!t Beginn des XVII. Jahrgangs erscheint „Die Welt“ in vergrößertem Umfang. Wir haben auf das Format zurückgegriffen, in dem unser Blatt in den ersten Jahren der Bewegung in Wien erschien und bereits nach dem Erscheinen der ersten Dummer dieses Jahrgangs konnten wir aus zahlreichen Zuschriften ersehen, dass diese äussere Verbesserung in unserem Leserkreise freudig begrüsst wird. Sie ist ein Beweis für die fortschreitende Entwicklung des zionistischen Zentralorgans und wird hoffentlich alle unsere Freunde veranlassen, nach Rräften für die Verbreitung der „Welt“ tätig zu sAn. 3e mehr Abonnenten und Leser der „Welt“ zugeführt werden, umso leichter wird es gelingen, unser Blatt sowohl bezüglich des Inhalts wie der Ausstattung zu vervollkommnen und wir hoffen, daß das rege Interesse unserer Gesinnungsgenossen uns in immer steigendem Maße dazu behilflich sein wird. Redaktion und Verlag „Die Welt“.