Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-01-03 · 1 (3.1.1913) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316570--56920-3375388
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

14 Nr. 1 Es war in Charkow, wo sich im Anfang des Jahres 1883 ein enger Kreis von 25 Studenten der dortigen Universität bildete, um dem jüdischen Volk, namentlich aber seiner Jugend, einen neuen Weg zu zeigen. „Beth Jakob Lechu Venel’chah“, „Haus Jakobs, kommet, wir wollen gehen!“ (Jesaias 2, 5.) Eine prophetische Parole wurde zu ihrem Leitstern. Die Judenfrage, sagten die Mitglieder dieser „Bilu“ genannten studentischen Vereinigung, muß dem jüdischen Volke in einem neuen Lichte gezeigt werden. Nicht in der aussichtslosen Abwehr des Antisemitismus und dergleichen Hilfsmitteln liegt unser Heil. Die Judenfrage kann und muß nur „vom Standpunkte der Ewigkeit“ beurteilt und gelöst werden — und zwar durch das jüdische Volk selbst. Das Bewußtsein des Volkes muß vom Grunde aus revolutioniert werden. Der alte lebendige Volkswille muß geweckt, die Liebe zu Zion und Jeruschalajim in ihrer alten, nie versiegten Kraft ans Licht gebracht werden. Die autonome Lösung der Judenfrage ist nicht die Aufgabe einer bestimmten Epoche. Es müssen neue Bedingungen geschaffen werden, die das Volk mit historischer Notwendigkeit einer sicheren Zukunft entgegenführen. Zum Volke sollte man gehen, es zu neuem Leben wachzurufen und ihm als Beispiel persönlicher und nationaler Wiedergeburt im Lande der Väter voranzugehen. Alles im Golus sollte geopfert und verlassen werden, um dem Boden Palästinas die besten Kräfte zu weihen. Freilich, der Ruf „ins Volk zu gehen“ war diesem Kreise nicht neu. Kamen doch diese studentischen Elemente erst vor kurzem aus den entlegensten russischen Dörfern und Bauemgehöften, wo sie als freiwillige Tagelöhner oder maskierte „Landstreicher“ Fühlung mit dem Volke suchten und fanden. Nun sollte von neuem der Ruf „ins Volk“ an sie ergehen, diesmal von einer ganz anderen Seite. Und sie „Fingen“ ins Volk. Und doch war es ein ganz anderer, neuer „Gang“, den die begeisterten Charkower Studenten antraten. War das „Gehen“ von gestern, der Gang in die dunkelsten Schichten der russischen Bauernschaft, von dem idealen Streben geleitet, mit dem Leben der geknechteten Massen zu verwachsen, darin aufzugehen, um nach dem sittlichen Gebot der slawischen Volkssache jede intellektuelle „Ueberlegenheit über das Volk“ aus der Welt zu schaffen, — so hatte dieser „Gang“ in das eigene, verlassene Volk einen ganz anderen seelischen Ursprung. Hier galt es, die verfolgten, niedergedrückten Volksmassen aus ihrer Tiefe emporzuheben, sie einem höheren Leben in Selbstachtung und Würde zuzuführen. Es war nun ihr Lebensideal geworden, dem Volke eine neue Bahn zu weisen, damit „das Haus Jakob hinausgehe“. So taten sich denn die paar Charkower Sonderlinge zusammen, um eine straff organisierte Körperschaft zu bilden. Zwanzig Mitglieder, also fast sämtliche Anhänger des Bilu-Kreises, machten sich auf den Weg, „ins Volk“ zu gehen. Fast sämtliche Gouvernements Rußlands durchzogen die neuen seltsamen Sendboten der jüdischnationalen Propaganda, die überall mit ihrem Erscheinen großes Aufsehen erregten. War man doch bisher gewöhnt, nur religiöse Wanderredner, langbärtige Rabbiner und Volksprediger über die heilige Mizwah der Förderung des Heiligen Landes sprechen zu hören. Nun erschienen in den Synagogen und Lehrhäusern ganz andere Prediger für Zion: glattrasierte Studenten, die kein Wort jüdisch sprechen konnten. Heller Jubel und Begeisterung begleiteten das Erscheinen eines jeden dieser eigenartigen Zionsfreunde. Scharenweise strömte ihnen die Jugend zu, hingebungsvoll zum „Gehen“ bereit. 525 junge Juden, größtenteils Studenten und Gymnasiasten, folgten dem Rufe der Charkower Pioniere. Sie alle warteten nur auf das erste Signal, um dem neuen Leben im Lande der Väter entgegenzugehen. Die wunderliche Schwärmerei der Träumer von Charkow wurde zu einer großen Volksbewegung. Die Charkower Leiter der Bewegung hatten einen schweren Stand. Einerseits nahmen ihnen die damaligen politischen Verhältnisse jede Möglichkeit, eine großzügige Massenagitation ins Werk zu setzen. Die gesamte Propaganda mußte durch mühselige, langwierige „Einzelagitation“ betrieben werden. Es war die Zeit, wo die dunkelste russische Reaktion auch die leisesten Regungen des damaligen Liberalismus schonungslos unterdrückte. Die große, mächtige Volkspartei der sozial-revolutionären „Narodniki“ war vollständig aufgerieben und von irgendwelcher öffentlichen Agitationstätigkeit konnte absolut nicht die Rede sein. Gar oft wurden die Beratungen der Charkower Bilu durch polizeiliche „Sturzrevisionen“ unterbrochen, um in den Gefängnissen in aller Ruhe zu Ende geführt zu werden. Auch befanden sich in den Reihen der Bilu selbst manche Rückfällige, die von den alten revolutionären Idealen, von den „Klassenkämpfen“ usw. nicht lassen Das neue hebräische Lehrerinnenseminar in Jaffa

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.