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Die Welt · 1913-01-03 · 1 (3.1.1913) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1 13 DIE^gELT- BILU (Zum 30jährigen Jubiläum der „Bilu" in Rußland.) Von Dr. S. Bernstein, Berlin Die Achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts werden mit Recht als eine der traurigsten Epochen in der neuesten Geschichte des jüdischen Volkes angesehen. Mitten in der unaufhörlichen Kulturarbeit der europäischen Völkerschar, mitten im Kampfe für Freiheit und Menschenrecht entstand „die Schmach des Jahrhunderts". Und sie brach mit der Kraft einer vulkanischen Eruption hervor, so daß das „europäische Gewissen" sich mit dieser „völkischen Erscheinung" wohl oder übel abfinden mußte. Der Kampf gegen das Judentum wurde zur Parole modern sein sollender „gesellschaftlich-völkischer" Forderungen erhoben. Der unmenschliche Judenhaß empfahl sich als notgedrungenes Postulat nicht nur des geistigen und wirtschaftlichen Kulturkampfes, sondern auch der Gedankenwelt des „sozialen Christentums". War es den Schöpfern der antisemitischen Doktrine gelungen, in deutschen Landen weite Kreise des Staats und der Gesellschaft für ihre Tendenzen, wenn auch nur in der Theorie, zu gewinnen und sogar im Lande der großen Revolution den Boden für die „Libre Parole" zu bearbeiten, so fanden diese neuen Verkünder christlicher Ethik in den slawischen Ländern begeisterte und tatenfrohe Schüler. Konnten sich die Deutschen nur akademisch für die neuen „völkischen" Bestrebungen erwärmen, so gingen ihre Anhänger in Rumänien und Rußland gleich zur Propaganda der Tat über und setzten die Gedanken des sozialen Christentums in konkrete Handlungen um. War die judenfeindliche Bewegung für das westeuropäische Judentum mit seinen Emanzipationshoffnungen eine tragische Enttäuschung, so war sie für das russische Judentum weit mehr, eine furchtbare Katastrophe. Mit Leib und Seele hatte die jüdisch-russische Intelligenz ihre besten Kräfte der „großen Sache des Slawentums" selbstlos geopfert. Alles fürs Volk, alles für die Volksfreiheit, jene sittlich-revolutionäre „narodnaja Wolja" der 60er Jahre — um bei der ersten Kundgebung dieses großen Volkswillens die Früchte ihrer Aufopferung mit Todesschrecken wahrzunehmen. Das war die größte Schreckenstat jener Pogrome: sie haben in der Seele der jüdischen Intelligenz des Ostens jeden Glauben an die Menschheit vernichtet und eine wahnsinnige seelische Verzweiflung hervorgerufen. „Wie sollte ich daran glauben" — fragt im Jahre 1882 schmerzerfüllt L. O. Le wand a, dieser Vorkämpfer der russischen Aufklärungsepoche und spätere feurige Anhänger des Zionsgedankens — „wie sollte ich ernstlich daran glauben, daß meine besten Freunde von gestern, nicht nur der Pöbel, heute hohnlachend auf mich blicken und spöttisch frohlocken werden ob meiner Vernichtung." Was Wunder, daß dieser Emanzipationskämpfer und romantische „Volkserwecker" sein Leben in geistiger Umnachtung beschließen mußte. „Was nun?" rief in seiner Verzweiflung der nunmehr vergessene, seinerzeit aber überaus populäre hebräische Volksdichter M. M. Dolitzki. „Wohin nun meine Schritte lenken? Auf der Straße wütet die Mordwaffe — und daheim ist es SO grausig!" „Wir sind verzweifelt" — schreibt der Odessaer „Rasswjet" in der ersten Nummer des Jahrganges 1882 — als Begrüßung für das neue Jahr — „wir hören und sehen und fühlen hinter uns und vor uns nichts als Pogrome und Pogrome." Die gesamte damalige russisch-jüdische Literatur, in ihren verschiedenen Sprachen, gleicht einem einzigen gellenden Verzweiflungsschrei. Nicht nur die Gegenwart, auch die Zukunft war in schweres Dunkel gehüllt. Hatte doch der damalige Minister des Innern, Graf Ignatiew, einer vom verewigten Baron Horaz Günzburg geführten hilfesuchenden jüdischen Deputation offen erklärt: „Ja, ich kann Euch nicht helfen; aber die westlichen Grenzen bleiben für Euch weit geöffnet." Fassungslos und starr stand die gesamte russische Judenheit den furchtbaren Ereignissen gegenüber. Hier mußte ein Wunder geschehen. Und das Wunder geschah. Auf den Trümmern seiner verwüsteten Heimstätten, angesichts der Leichen seiner Brüder und Schwestern entstand im Volke ein neuer Wille zum Leben, ein mächtiges Streben nach Volksehre und Menschenwürde. Der feurige Mahnruf zur Selbstemanzipation, den Dr. Pinsk e r bereits vor Jahren an sein Volk hatte ergehen lassen, jener früher als aussichtslos angesehene Appell fand nun den geeigneten Zeitpunkt — und ein großes Geschlecht dazu. Die Jugend kehrte heim zu ihren „Vätern“ und mit ihr neues Leben und neue Hoffnung. Es muß indessen hervorgehoben werden, daß die in den 80er Jahren „heimkehrende" Jugend für ihre nationalen Bestrebungen einen gut vorbereiteten Boden fand. Stand doch seit den 70er Jahren bereits die damals stark verbreitete und verhältnismäßig reichhaltige hebräische Literatur vollständig im Zeichen des jüdischnationalen Palästinagedankens. Bereits im Jahre 1871 begründet Perez Smolenskin seine bekannte Monatsschrift „Haschachar", um für den Zionsgedanken im Osten eine eigene Tribüne zu schaffen. Zu gleicher Zeit stellt David Gordon seinen in Lyck (Ostpreußen) erscheinenden „H a m a g i d" ganz in den Dienst der jüdischnationalen Palästinaarbeit, die damals bereits von den Besten des jüdischen Volkes in Ost und West als „die große Aufgabe unserer großen Zukunft" anerkannt wurde. Auch hatten bereits in den 70er Jahren Zederbaum und K a m i n e r die Rückkehr der jüdischen akademischen Jugend vorausgesagt und ebenso hatte Lilienb lum die Wiedergeburt des Volkes als einen natürlichen, historischnotwendigen Prozeß, der bald in die Erscheinung treten müsse, verkündet. Die ersten Pioniere selbst, die damals nach Palästina gingen, lehnten es auf das lebhafteste ab, lediglich durch die „räuberischen Barfüßler" (die damalige Bezeichnung für die Hooligans) zu ihren nationalen Bestrebungen angetrieben worden zu sein. „Gewiß" — schreibt einer der hervorragendsten Palästinapioniere — „ist dieses furchtbare Mene-Tekel an uns nicht spurlos vorübergegangen, es steht indes in keinem wesentlichen Zusammenhänge mit jenen erhabenen historischen Momenten, die mit instinktiver Macht unsere Herzen zu unsern Vätern zurückgeführt haben." Aus dem „Tagebuche eines palästinensischen Emigranten" (Chissin, Woskhod 1889) geht klar hervor, wie unrecht es ist, diese sittlich große innereUm wälzung der damaligen jüdischen Jugend ganz auf die äußeren Ereignisse zurückzuführen. Als Zufluchtsort vor den „Barfüßlern" hätten sie ja auch Amerika wählen können, wohin auch der Strom der Massenemigration tatsächlich ging. „Es ist aber unsere Ueberzeugung, daß auch Amerika für unser Volk ein Irrlicht, eine trügerische Hoffnung ist. Ein neues Goius wird entstehen, Ghettos von geduldeten Fremdlingen. Wir aber müssen dem Volke das wahre Licht und den Massen den Weg zur Erlösung zeigen."

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