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Die Welt · 1913-01-03 · 1 (3.1.1913) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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10 Nr. 1 Dem Abg. Schmeral gebührt Dank und Anerkennung für seinen mannhaften Kampf. Aber selbst nach endgültiger Rezipierung seines Zusatzes in die Dienstpragmatik wäre — so fürchten wir — für die Juden nicht viel gewonnen gewesen. Auch bisher war ja die Ausschließung jüdischer Kompetenten von zahlreichen Beamtenkategorien ungesetzlich und wurde gleichwohl skrupellos geübt. Erst bis sich das jüdische Zweimillionenvolk des österreichischen Staates aus dem heutigen Partikularismus erlöst hat und national geeinigt ist, wird es mit Erfolg für die Durchführung der ihm staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte streiten können. Wer im Glashaus sitzt .... Man ist heutzutage nicht ungestraft als getaufter Jude Förderer und munifizenter Gönner der Antisemiten. Das mußte der Gouverneur der Bodenkreditanstalt, Herrenhausmitglied Dr. Sieghart (ehemals Singer) jüngst erfahren. Auf seine auch an dieser Stelle glossierte Rede im Herrenhause, in welcher er gegen das Koalitionsrecht der Beamten auftrat, mit tiefen Brusttönen ausrief, es gebe für die Treue keinen Markt und sich gegen den „Gefälligkeitskoeffizienten“ wandte, replizierte der Abgeordnete G1 ö c k e 1 im Abgeordnetenhause also: „Dr. Sieghart hat auch vom Gefälligkeitskoeffizienten gesprochen. Wie war es aber, als Dr. Sieghart seinen Taufpaten, den Grafen Stürgkh, zum Unterrichtsminister machte? Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen, und wer im Herrenhaus sitzt, soll nicht vom Gefälligkeitskoeffizienten sprechen .. ..“ V/ie mit einem Scheinwerfer beleuchtet dieser kurze Passus, was sich da oben in den Kreisen der großgewordenen jüdischen Apostaten und derjenigen, die mit ihnen verhandelt sind, abspielt. Zum Glück ist Dr. Sieghart heute einer der mächtigsten Männer in Oesterreich, und so wurde diese Stelle aus der Rede des Abg. Glöckel in fast sämtlichen Tagesblättem — die christlichsoziale „Reichspost“ und die sozialdemokratische „Arbeiterzeitung“ nicht ausgenommen — einfach unterschlagen. Wahl eines Oberrabbiners in Prag (Von unserem Berichterstatter.) Prag. Die Prager Kultusgemeinde-Repräsentanz hat in ihrer Sitzung vom 26. Dezember 1912 beschlossen, auf den seit dem Tode Dr. Nathan Ehrenfelds vakanten Posten des Oberrabbiners von Prag den bisherigen Oberrabbiner-Stellvertreter und Direktor der Talmud-Thora-Schule Dr. Heinrich Brody zu berufen. Diese Wahl stellt der Einsicht unserer Repräsentanz das ehrenvollste Zeugnis aus. Sie hat den weit über die Grenzen Böhmens bekannten ausgezeichneten Gelehrten trotz einer Opposition insbesondere seitens der tschechischen Assimilanten andern Bewerbern vorgezogen. Dr. Heinrich Brody genießt nicht nur als Talmudist und Kanzelredner, sondern auch in der neueren Wissenschaft des Judentums und namentlich in der hebräischen Literatur den besten Ruf. Außer seinen zahlreichen wissenschaftlichen Werken sind für das weitere jüdische Publikum vor allem seine Editionen hebräischer Dichter des Mittelalters von Interesse: der monumentale „Diwan des Jehuda ha-Lewi“, von dem soeben der dritte Band erschienen ist, ferner die Gedichte Samuel ha-Nagids und Salomo ihn Gabirols, dann eine sehr übersichtlich und instruktiv zusammengestellte Anthologie der neuhebräischen Dichterschule. Brody ist seit Beginn der modernen zionistischen Bewegung deren treuer Anhänger, und hat auch, wie der Referent in der Kultusgemeinde-Repräsentanz ausdrücklich hervorhob, aus seiner zionistischen Gesinnung nie ein Hehl gemacht. Er hat auch eine Broschüre verfaßt „Widerspricht der Zionismus unserer Religion?“, in der er die Einwände der Orthodoxen gegen den Zionismus entkräftet. Wir können wohl von Brodys Amtsführung einen neuen Aufschwung des jüdischen Lebens in Prag erwarten. Unlautere Mittel Die Wirkungen des Zionismus sind direkte und indirekte. Die wichtigste indirekte Wirkung ist der Einfluß, den die zionistische Gedankenwelt auf die dem Zionismus feindliche Gruppe der Juden geübt hat. Diese Kreise sehen zu ihrem Schmerze immer von neuem, welche Zugkraft unsere Ideen auf die noch unverdorbenen jüdischen Massen, namentlich auf die Jugend ausüben, und sie zögern nicht, im Konkurrenzkampf ein durchaus unlauteres Mittel anzuwenden: Die Fälschung der Marke. Sie haben der zionistischen Theorie einzelne Gedankengänge, der zionistischen Terminologie einzelne Stichworte entnommen, und suchen nun, ihre eigene Fahne mit diesen fremden Emblemen zu schmücken. Diese Erscheinung, die in Deutschland schon oft beobachtet wurde (Jugendvereine!), ist unlängst auch bei den organisierten tschechisch-jüdischen Assimilanten zutage getreten. Diese Partei, deren einziger jüdischer Programmpunkt der aussichtslose Kampf gegen den Zionismus war, hat stets einer weitestgehenden Selbsterniedrigung der Juden im Dienst der Tschechen das Wort geredet. . Die Konsequenz ihrer Theorie führt notwendig zur Taufe. Nun aber veröffentlicht plötzlich ein Führer dieser Assimilanten einen Brandartikel gegen die „getauften J uden“. In diesem Artikel heißt es: „Der Jude, welcher den Rückhalt im jüdischen Selbstbewußtsein verliert, büßt sein seelisches Gleichgewicht ein, er hat kein Vertrauen zu sich selbst und sucht mächtige Stützen.“ Oder: „Wir müssen aufhören, Israeliten und mosaischer Konfession zu sein und einfach Juden werde n.“ Und dann folgen Bemerkungen über die Kommerzialrätinnen mit dem Kreuz auf der Brust u. ä. — Wie der assimilatorische Theoretiker nur zu solchen Ansichten kommt! Die Assimilanten fühlen eben, daß ihre Zeit vorbei ist und neue Werte Geltung haben. Darum wollen sie den Anschein erwecken, als ob sie an diesen neuen Werten teilhätten. Vor dieser unehrlichen Kampfmethode kann man nicht genug warnen; sie lehrt wieder einmal, wie wenig bloßen Worten zu trauen ist, und daß nur die Tat erweisen muß, welcher Idee das Leben und die Zukunft gehört. Ein Bubenstreich gegen den Zionismus (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Zu gleicher Zeit, da das antizionistische Komitee in Berlin mit der Versendung vertraulicher Zirkulare seine Wühlarbeit gegen den Zionismus begann, wurden auch in Budapest Zirkulär eben versendet, die in ihren Gedankengängen eine auffallende Aehnlichkeit mit den Berlinern aufweisen. Sie lauten folgendermaßen: „Die israelitische Gemeinde unterstützt materiell die jüdisch-nationalen, zionistischen Vereinigungen, sie überläßt ihnen ihren Festsaal zu Agitationszwecken und zur Veranstaltung von Feierlichkeiten, sie gestattete erst vor einigen Tagen die Anbringung einer Ainkündigungstafel der zionistischen Jünglinge in der Vorhalle der Hauptsynagoge in der Dohänyutca! Diese Gemeinde, welche einst mit Ehre und Selbstbewußtsein, besorgt um die Reinheit des ungarischen Patriotismus, den Zionisten die Türe wies, — duldet es heute, daß einer ihrer Rabbiner, der vor nicht langer Zeit Palästina bereiste, von der Kanzel herab zionistische Reden hält . . . Im Kreise der Religionslehrer und anderer Schulmänner können wir zionistische Elemente finden, die Professoren des Landesrabbinerseminars und der Landesiehrerpräparandie und ihre Schüler stehen im Dienste des Zionismus, unter den Beamten, ja sogar unter den Führern der Gemeinde und der

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