Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Nr. 1 DIESqKELT Kulturkreis, einen sicheren Anschluß an reichere Lebensmöglichkeiten und anderes dergleichen. Der Einzelne bleibt „er selbst", auch wenn er sich umgestaltet und sozusagen ein anderer, nämlich anders wird. Das „historische Ich" bleibt eben im Grunde genommen dasselbe durch die in ihm liegende Selbstempfindung mitten in allen und durch alle bewußte oder unbewußte Veränderungen. Aber eine Gemeinschaft muß sich erst als Gemeinschaft auflösen, ihren üemeinschaftscharakter und ihre Gemeinschaftsempfindung aufgeben, wenn sie nach einem bereitstehenden Muster sich ändern, anders werden soll. Die Gemeinschaft ist ja nicht die Trägerin eines Ichgefühls, das sich durch alle Veränderungen durchsetzt. Sie kann bloß in ihrer Sonderexistenz bestehen, oder sic muß sich, wenn sich ihre Individuen in verschiedene Assimilationsrichtungen verlaufen, einfach auflösen. Ich habe hier mit Absicht auch nicht ein Wort von der sachlichen Unmöglichkeit der jüdischen Assimilation gesprochen, davon z. B., daß die rassenmäßige Bestimmtheit des Judentums eine tiefere, d. h. mehr als nur oberflächliche und äußerliche Assimilation durchaus ausschließt, daß die jüdische „Konfession" in jedem irgendwie wesentlichen Belange nationale und historischgeprägte Eigenart hat, — und noch vieles andere, was ja genügend bekannt und geläufig ist. Ich wollte in diesem Zusammenhänge bloß auf die rein begriffliche, sozusagen formale Widersinnigkeit der Assimilation aufmerksam machen. Was darauf hinausläuft, daß sie eben ein Weg ohne Ziel ist Ein Weg ohne Ziel, und den nennen sie in der neuesten Auflage, in der neuesten Aufwärmung des liberalen Judentums — „Richtlinien". Richtlinien sollen Wegweiser sein, sollen einen Weg, eine Richtung angeben nach einem bestimmten Ziele hin. Wohin steuern diese Wegweiser? Haben sie ein Ziel vor Augen? Und welches ist es? Wenn sich ernste und wahrscheinlich auch gelehrte Männer in so stattlicher Anzahl zusammentun und dem Volke Leitsätze fürs Leben vorschreiben, müssen sie ihm doch zunächst sagen, wohin sie es führen wollen. Zumindest müssen sie selbst darüber nachgedacht haben. Verraten diese „Richtlinien" auch nur den Willen zu einem Ziel? Auch nur den Gedanken an ein Ziel? Kein Mensch wird in diesen theologischen Tüfteleien etwas Aehnliches zu erblicken vermögen. Und wieder gehe ich der sachlichen Wertung dieses Sammelsuriums von Willkürlichkeiten und Abgestandenheiten mit Absicht aus dem Wege. Man kennt sie zur Genüge aus der vorgeigerschen, geigerschen und nachgeigerschen Manufaktur. Sie sind alle, mit kleinen Nuanceunterschieden, schon dagewesen, geistreicher ausgesprochen, mit wissenschaftlicherem Rüstzeug ausgestattet und klarer formuliert. Und damals waren sie doch bis zu Konferenz des jüdischen Gemeindebundes in Italien (Von unserem Berichterstatter.) Florenz. Uns vor einigen Jahren gebildete Komitee der jüdischen Gemeinden in Italien hielt vor kurzem im Gemeindehaus zu Livorno seine Jahresversammlung ab. Das Komitee ist aus den Vertretern derjenigen Gemeinden gebildet, die der Idee eines Zusammenschlusses der verschiedenen jüdischen Gemeinden in Italien zu einem allgemeinen (icmeindebund beigetreten sind. Es sind dies fast alle Gemeinden mit Ausnahme einiger kleineren, unbedeutenderen; einem gewissen Grade und in gewissem Sinne zeitgemäß, damals nämlich in der Blütezeit des Liberalismus mit allen seinen willkürlichen Losgelöstheiten, unhistorischen Konstruktionen und doktrinären Grundsätzen. Aber heute, wo doch unser historisches Wissen einige Vertiefung und unser historisches Bewußtsein immerhin einige Schärfung erlangt hat, wie kann man sich da hinsetzen, so etwas auszuklügeln und auszutüfteln, wenn einen nicht jemand geradezu mit dem Revolver in der Hand dazu zwingt? Doch ich will gar keine sachlichen Einwände machen. Die Seifenblase wird schon von selbst platzen, ich will bloß auf die formalsoziologische Seite hinweisen, wie man sich bei uns unruhevoll bewegt, ohne irgendwohin gelangen zu wollen, wie man Wege geht, ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Wege ohne Ziele — das ist die nervöse Unruhe, die wurzellose Unsicherheit, die taumelnde Ratlosigkeit, der Verfall, die Auflösung. Und doch gibt es im heutigen Judentum ein Ziel und einen Weg. Das einzige Ziel, das möglich ist. Denn was soll eine Gemeinschaft Anderes und Höheres erstreben, mit aller Kraft der Seele, mit aller Energie des Willens anstreben, als die Erhöhung der eigenen Schaffenskraft, die Sicherung der eigenen Existenz, die Erweiterung und Bereicherung der eigenen Lebensmöglichkeiten! Das ist das Ziel. Der Weg ist der Zionismus. Die Vertiefung und Verschärfung des jüdischen Gemeinschaftsgefühls, daß die jüdische Volkskraft sich nicht zerstreue und zersplittere; die Ansammlung möglichst großer arbeitender, schaffender und strebender Judenmassen an der Stätte, die geweiht ist und geheiligt von alter, unvergänglicher Größe; die Aufrichtung des alten Judenstolzes, damit sich die Juden fürderhin nicht aufdrängen und nicht wegwerfen; die herzhafte Pflege des neuhebräischen Schrifttums, damit uns Dichter und Denker wachsen von ragender Größe; die Gründung und Erhaltung von jüdischen Kulturinstitütionen, damit die jüdische Eigenart stark werde und tief; die Bewahrung und Erhaltung alles dessen aus uralter Ueberliefenmg und Satzung, was sich in den Jahrtausenden als Kraft- und Lichtquelle gezeigt und bewährt hat. Das sind die Richtlinien des zionistischen Judentums. Dort ein unruhevolles, unstetes Schwanken und Taumeln, — hier ein ruhiges und zielsicheres .Vorwärtsschreiten. Dort Wege ohne Ziele, — hier Ziele und Wege. Wege ohne Ziele sind das Merkmal des Verfalls. Ziele mit Wegen sind das Merkmal des Aufstieges. Der Zionismus ist die Bewegung des aufsteigenden Judentums. die aber mit der Zeit gewiß zustimmen werden. Seit einigen Jahren pflegen die Vertreter der Gemeinden sich in einer der größeren Städten zu einer Konferenz zu versammeln, um über die verschiedenen Fragen der Reorganisation der Gemeinden zu beraten und um die Grundlagen einer Gesamtorganisation des jüdischen Gemeindewesens zu entwerfen. Die diesjährige Beratung bedeutet für die Ausführung des Planes einen weiteren Schritt vorwärts. Von den Teilnehmern seien besonders hervorgehoben: Commendatore av. Sereni, Vorsitzender des Komitees und Präsident der jüdischen Gemeinde in Rom, Comm. R o s s e 11 i, Präsident der Livornoer Gemeinde, unser Gesinnungsgenosse Comm. M u s a 11 i, Präsident der Venetianer Gemeinde, Comm. WELTCHRONIK □□□□□□