Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316570--56911-3375379- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRQ. BERLIN, 3. Januar 1913 Wllfci? T'önn 'X rno T'3 IN HAI T* °- TH0N: Wege ohne Ziele. — Weltchronik. - S. BERNSTEIN: Biln. - E.M.: Palästinabilder. — UNI lrVL I . Palästina-Rundschau. — Revue der Presse. — Aus der Bewegung. — Feuilleton: A. CORALNIK: Ein Briefchen. — Büchereinlauf. — Geschäftliche Nachrichten. — Mitteilungen des Hauptbureaus des Jüdischen Nationalfonds. WEGE OHNE ZIELE Von Dr. O. Thon Es liegt im Wesen ungeklärter Kulturepochen, von Zeiten des tastenden Ueberganges, der taumelnden Unbestimmtheit, — daß ihr tiefstes Merkmal die Ruhelosigkeit bildet. Die Menschen sind wohl in unaufhörlicher Bewegung, aber sie halten nicht die Richtung ein. Sie fallen immer wieder nach einigen Schritten aus der Bahn, schlagen immer wieder und wieder neue Wege ein und kommen doch nicht recht vorwärts. Aus aller Unruhe und scheinbaren Beweglichkeit kommen doch nur verzwickte Krümmungen heraus, die sich gar nicht in irgendein geometrisches Gesetz fassen lassen. Wie wenn die Parabel eines Wurfes jeden Augenblick durch den Wind und allerhand andere Widerstände gebeugt und gebogen würde. Ein abstruser Schnörkel, aber keine erkennbare Linie kommt dabei heraus. Der Beobachter, der doch nur Momentaufnahmen macht und nicht das Werden des Ganzen abwartet, glaubt dennoch an eine Bewegung, in des Wortes vernunftgemäßer Bedeutung. Und die in der Bewegung drin sind, glauben natürlich erst recht, daß sie an einer mächtigen ekliptischen Bahn teilhaben und sich gar der Sonne zu bewegen. Nach einigem Trubel und Taumel ist freilich der Zauber verflogen und man sieht sich wieder dort, wo man war und von wo man eben loskommen wollte. Woher aber stammt dieses Wirresein und Irregehen? Natürlich aus der Ungeklärtheit und Unbestimmtheit, aus der Unfähigkeit, Ziele zu setzen, Ziele zu wollen. Wege ohne Ziele sind eben solche mißgestaltete Verschnörkelungen, verbogene Krümmungen, lächerliche Verunzierungen. Selten hat es in der Geschichte, die man kennt, eine Kulturepoche gegeben, die unruhevoller, ungeklärter, unbestimmter gewesen wäre, als es die unsere ist. In keinem Belange des Lebens, wenn man von der reinen Technik absieht, ist es zu einer neuen, durchgreifenden Schöpfung gekommen. Beinahe möchte man sagen, daß es an dem Willen hierzu fehlt. An dem klaren Willen und an der Kraft hierzu fehlt es sicher. Anregungen und noch mehr Aufregungen gibt es in unübersehbarer Menge, aber keine tieferlebten Aufgaben, die das Zeitbewußtsein unter ihren Bann zwingen, um es in eine bestimmte, festumrissene Lebens- und Arbeitsrichtung zu drängen, von der es nicht abbiegen könnte. In unserer Kunst gibt es weder eine herrschende Form noch einen herrschenden Inhalt; die Philosophie durchdringt kein richtunggebender, zielstrebiger Gedanke; die sozialen Verhältnisse werden von keiner durchdringenden, einheitlichen Stimmung beherrscht und geleitet. Ueberall zielloses Umhertasten, zerstreutes Herumexperimentieren, aufpeitschende Gegensätze, aufregende Erschütterungen. Ruhelose Bewegung, aber kein sicheres Ausschreiten. Wirre Wege, aber kein festes Ziel. So ist es im allgemeinen jetzt in der Welt. Sollte es im Judentum gerade anders aussehen? Im Gegenteil. Da muß es naturgemäß noch ruheloser, richtungsloser, zielloser zugehen. Ich meine natürlich: in jenen Kreisen und Schichten des europäischen Judentums, die nahezu vollständig entwurzelt sind und ihrer ganzen Anlage nach richtungslos und unsicher in der Luft herumwirbeln, wie die Spreu von jedem Windstoß fortgerissen und umgetrieben. Diese Kreise nehmen ja an der modernen Kultur nur in der Oberflächenschicht teil, wo es nichts Wurzelfestes, nichts tiefer Verankertes gibt. Natürlich gibt es da nur Bewegung ohne Richtung, Wege ohne Besonders wo es sich um reine Judenfragen handelt. Ist die ganze Assimilation mit allen ihren Ausläufern und Verästelungen nicht ein Weg ohne Ziel? Welches klare, programmfeste Ziel könnte sie denn haben? Die Auflösung des Judentums als Gemeinschaft — sei es auch nur konfessioneller Gemeinschaft — strebt sie nach den feierlichsten und vielleicht auch glaubwürdigen Versicherungen ihrer Bekenner und Führer nicht an. Welches denkbare positive Ziel aber kann eine Gemeinschaft, der man den Gemeinschaftscharakter mindestens in einem sehr wesentlichen Belange aufrechterhalten will, auf diesem durchaus negativen Wege erreichen? Gewiß kann Assimilation für einen Einzelnen eine positive Richtung mit einem positiven Ziel bedeuten. Es kann für ihn bedeuten den Aufstieg in einen höheren