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Die Welt · 1900-12-28 · 52 (28.12.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
52 (28.12.1900)
Article
Die Feigheit der Juden
Date
1900-12-28
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 „Die & Welt" Nr. 52 lasse der Menschheit all ihr gegenwärtiges Unglück und befreie sie nur von dem Alpdruck des hohlen Phantoms der Sorge für den nächsten Tag, von den grausamen Vorspiegelungen einer verzagten Phantasie, und sie wird befreit aufathmen. und eine Summe von. Glüeksempündung käme in die AVeit, von welcher wir jetzt keine Ahnung haben. Der Selbsterhaltungstrieb ist der stärkste, den die Natur in den Menschen gelegt. Wenn das richtig ist, dann muss auch die Furcht, insbesondere die Todesfurcht, die allerqualvollste Empfindung sein, deren die menschliche Seele überhaupt fähig ist. Es liegt also im allgemeinen kein zureichender Grund vor, eine solche Furcht zu belächeln, man müsste vielmehr von rechtswegen Mitleid mit ihr haben. Das hat man nun gemeiniglich nicht, weil von Haus aus wenig Wohlwollen in der menschlichen Natur steckt. Die Freude über die bessere eigene Widerstandskraft der Nerven verleitet zur Grausamkeit gegen die schwächere der anderen. Und auf die Widerstandskralt der Nerven läuft schliesslich doch die ganze Sache hinaus. Nun gibt es aber auf Gottes weiter AVeit kein nervöseres Volk als die Juden. Die Nerven sind nicht etwas, was man sich selbst gegeben hat oder geben kann; man bringt sie mit auf die AVeit als einen Segen oder einen Fluch. Man mache sich die Geschichte nur einmal klar. Seit fast zweitausend Jahren werden die Juden getreten, verfolgt, beschimpft, bedroht, gefoltert an Leib und Seele, nicht individuell und ausnahmsweise, sondern in ihrer Gesammtheit. Im Jahre 1250 trifft in einer deutschen Stadt ein auf der Gasse spielender kleiner Judenknabe einen katholischen Priester, der gerade auf einem \7ersehgange begriffen ist, mit einem Steinchen. Am nächsten Tage decken die Leichen von tausend erschlagenen Juden das Pflaster der Stadt, und ihre ausgeplünderten Häuser rauchen zum Himmel. Ein hysterisches Frauenzimmer hat eine Vision, eine Hostie erscheint in der Farbe verdächtig, das Wasser in einem Brunnen wird trüb oder eine Kuh hört auf, Milch zu geben, oder auch gar nichts, — nur weil ein Hallunke zu plündern wünscht, werden hunderte von jüdischen Männern, Frauen, Kindern beraubt, gemartert, erschlagen. Sie waren von einem Tage auf den anderen ihres Lebens und ihrer Habe nicht sicher. Das war im finstern Mittelalter. In unserer hellen Neuzeit bedarf es nicht einmal erst eines Steines des Anstosses, wie ihn der kleine Gassenjunge geliefert hat. Die Judenverfolgung ist einfach ein politisches Programm geworden, dem die Massen mit Begeisterung huldigen, und man kann auch heute noch die schönsten Plünderungen erleben, und man erlebt sie. Und das ist nicht einmal das Ausschlaggebende, das Entscheidende. Weitaus beunruhigender und beängstigender ist das, was sich alltäglich unter der Oberfläche abspielt, die tausendfältigen Beschimpfungen. Bedrohungen, Beeinträchtigungen, die auf Schritt und Tritt sich begeben, ohne dass sie zur Kenntnis der Oeffentlichkeit gelangten und ohne dass sie eine Sühne fanden. Man kann auch heute noch jüdischen Eltern ihre Kinder entführen und sie ihnen vorenthalten — aber wozu noch solche Details? Schliesslich ist es ja doch bekannt, dass wir Staatsgrundgesetze haben und in einem Rechtsstaate leben. Man könnte sagen, dass die Juden ausgenommen seien, aber dann riskiert man, mit dem wirksamen Argument widerlegt zu werden, dass das gerade die Ausnahme sei, welche die Regel bestätigt. Und so sind die Juden auch heute rechtlos und schutzlos, und es begreift sich: wenn man rechtlos und schutzlos ist, dann kann man leicht auch etwas ängstlich werden. Seit zweitausend Jahren kommen die Juden aus der Angst nicht heraus. Die Erinnerung haftet an dem Furchtbaren, was die Judensehaft schon erlebt, und noch keine Epoche hat die Sicherheit vor Wiederholung des Erlebten geboten. Immer war die Furcht das Element, in dem sie lebten, und da hätten sie ebenso die derben Nerven und den Raufmuth züchten sollen, wie die robusten Stämme, die sich in Ackerbau und Viehzucht, auf Jagd und Kriegszügen betliätigen konnten? Die Beschaffenheit der Nerven erbt sich fort. Man stelle sich doch die physische und psychische Veranlagung einer Nachkommenschaft von Leuten vor, die in der Hand von Folterknechten waren, die in ihrem ganzen Leben aus der Angst um sich, um Weib und Kind, nicht herausgekommen sind. Die Tapferkeit mag eine Tugend sein, aber ziemlich sicher ist, dass mau sie sich nicht erwerben, sondern nur ererben kann. AVenn nun die Feigheit so tief verachtet wird, so müsste consequenterweise der Muth in demselben Masse hoch gepriesen werden. Das ist nun so eine Sache! Ich wüsste kaum ein Beispiel höherer persönlicher Tapferkeit zu nennen, als das des kürzlich hingerichteten schwedischen Massenmörders Nordlund. Der Mensch begibt sich auf einen Dampfer, und auf hoher See unternimmt er es, er allein, die ganze Schiffsmannschaft und die gesammten Passagiere dazu zu terrorisieren und zu unterwerfen, um sich in den Besitz des Schiffes zu setzen. Das A\rerk gelingt auch beinahe; da kommt ein zweiter Dampfer zu Hille, aber so gross ist noch immer der panische Schreck, den der einzelne Mann verbreitet, dass man ihn ein Boot freimachen und in diesem ungefährdet entkommen lässt. E:n Mordgeselle von der brutalsten Sorte, aber ich weiss keine kriegerische Heldenthat zu nennen, und sei sie von. patriotischen Dichtern noch so schwungvoll besungen worden, die mehr Muth zur Voraussetzung gehabt hätte, als seine Schandthat. Ich denke, dass wir uns nun verstehen. Der Muth ist eine Sache der Nerven, und je roher eine Natur von Haus ist, desto leichter wird es ihr fallen, sich die Gloriole der Tapferkeit zu erringen, aber an sich beweist diese noch gar nichts. Allerdings — es gibt Umstände und Verhältnisse, wo Menschenwürde und Menschenliebe mit gebieterischem Zwange es zur Ehrenpflicht machen, die revoltierenden Nerven zur Ruhe zu weisen und eine Gefahr auf sich zu nehmen trotz des Protestes des in seiner Feigheit stürmisch gehenden Herzens. AArer kann nun sagen, dass die Juden solchen ernsten Ehrenpflichten nicht immer mit voller Hingebung und Rückhaltlosigkeit genügt hätten und tagtäglich genügten? Das erkennen selbst ihre grausamsten Feinde an, die bei allem Hass noch immer ihr Solidaritätsgefühl und ihren tiefen Familiensinn preisen. AVas aber ist für eine verfolgte, getretene Rasse eine solche Tugend sonst, als die Tugend des aufopferungsvollen Muthes? Das Schicksal dieser Rasse ist ganz beispiellos und einzig dastehend in der Culturentvvicklung der Menschheit. So durch die Jahrtausende hinzuleben und dabei den x\luth, nicht den ordinären Raufmuth, der brutal auf den Schwächeren losschlägt, sondern den hohen ethischen Muth nicht zu verlieren, den sie braucht, um so fortzuleben, sich zu behaupten gegen die von allen Seiten dräuende Sturmflut ungezählter Widersacher, das ist immerhin eine Leistung, die auf alles andere eher schliessen lässt, denn auf mattherzige Feigheit. Mein Gott, zum Raufen sind die Juden freilich nicht aufgelegt. Denn die Juden sind arm und gedrückt, und sie erschöpfen ihre moralischen Kräfte in der

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