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Die Welt · 1900-12-28 · 52 (28.12.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
52 (28.12.1900)
Article
Die Feigheit der Juden
Date
1900-12-28
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 52 „Die j$ Welt' Seite 3 ganze Welt interessierende Frage so lange die allereinfachste und vernünftigste Lösung nicht finden konnte. In jeder Erkenntnis steckt ein Element der Freude, und daraus erklärt sich dann die Begeisterung, mit welcher neue Bewegungen ihre Anhänger erfüllen. Ich meine, dass jeder, in welchem Lager er auch stehe, wenn er den Zionismus einmal erkannt hat. auch Zionist werden müsste. Das einzige Bedenken dabei ist. wie erwähnt, nur, dass die Sache zu vernünftig, zu selbstverständlich ist. Das ist immer gefährlich und sichert immer eine ausgebreitete Gegnerschaft. Ich begann, die „Weltzu lesen, ich kann sagen zu studieren und ihre zwiefache Agitation zu verfolgen, die nach der praktischen Seite hin und die nach der moralischen. Als unverbesserlicher Utopist vermochte ich in der Idee der Landnahme absolut nichts Utopistisches zu finden, wohl aber stiegen mir Zweifel auf hinsichtlich der idealen Bemühungen, das nationale Selbstgefühl der Judenschaft zu heben. Es gibt gewisse unzerstörbare Legenden, so von dem Reichthum der Juden — auf einen Reichen kommen tausend und abertausend solcher, die im tiefsten Elend darben — und von dem Uebermuth und der präpotenten Vordringlichkeit — hier dasselbe Verhältnis. Auf einen Fall von Hyhris zehntausend Fälle der Gedrücktheit, der Verzagtheit, der Denrath. Die Armuth macht demüthig. Die Welt sieht nur die Wenigen, und die Vielen lässt sie für sie büssen. Freilich thäte eine moralische Aufrichtung den gedrückt durchs Leben Schleichenden wohl, aber durch Zureden wird ihnen kaum zu helfen sein. Denn jene Gedrücktheit entspringt nicht einer Meinung, die berechtigt, nicht einer Stimmung, die von einer andern abgelöst werden könnte, sondern sie ist ein Leidenszustand, und ebenso könnte man einer Krankheit oder einer Entzündung zureden, sie möchten doch gefälligst verschwinden. Es besteht auch die Legende, dass die Juden feig sind. Und diese Legende ist ausnahmsweise richtig: Die Juden sind feig. Ich halte es für ein unfruchtbares Beginnen, sich damit aufzuhalten, auch diese Meinung widerlegen zu wollen, wo es so viele der falschen Legenden giebt, die entkräftet werden müssen. Die bekannten Einwendungen haben von jeher wenig Eindruck auf mich gemacht. Dass zahlreiche jüdische Soldaten in zahlreichen Kriegen ihre Pflicht und mehr als das gethan haben, dass viele jüdische Männer und Lebejünglinge sich zum Zweikampf gestellt und in diesem ihr Leben gelassen haben, das ist auch mir bekannt, aber es sch< int mir dennoch wenig beweiskräftig zu sein. Der jüdische Stamm hat bisher nicht weniger Pflichtgefühl bekundet, als irgend ein anderer, und wenn ein jüdischer Soldat im Felde redlich mitthut und sich sogar auszeichnet oder wenn ernste jüdische Männer oder thörichte Lebejünglinge der mächtig aufquellenden Entrüstung oder dem Phantom des socialen Vorurlheils nachgeben und die Albernheit des Duells mitmachen, so thun sie eben nur, was auch die Andern thun. Man hat kein Recht, bei ihnen weniger Pflichtgefühl oder unter Umständen ein geringeres Ausmass von Thorheit vorauszusetzen. Wenn sie aber dasselbe thun. und es ist ein Verdienst dabei, so ist dieses Verdienst ein unvergleichlich höheres. Denn für dieselbe Leistung bedurfte es bei ihnen eines ungleich heroischeren Zusammenraffens aller Kräfte, als bei den Andern, gieng es ihnen doch wider die Natur. Auch hier die schon oft wahrgenommene Erscheinung: Der Jude muss doppelt so viel leisten, um zu derselben Wertschätzung zu gelangen, wie ein Anderer. Die „Welt" hat, wie ich beobachten konnte, in manchen Kreisen das jüdische Nationalbewusstsein aufgerüttelt, wo vordem auch nicht die Ahnung davon dämmerte. Die jüdisch-nationalen Studenten schlagen in gesteigertem Raufmuth so gut oder so schlecht, und nicht minder häufig, als die arischen Couleurs, aber das stösst für mich das Axiom doch nicht um, dass die Juden feig sind, und ich bitte, erst gehört zu werden, bevor man die Meinung verurtheilt. Es ist schliesslich doch besser, eine Thalsache ehrlich einzubf kennen, als in nutzlosem Streit eine Position behaupten zu wollen, die, ohne Voreingenommenheit betrachtet, unhaltbar ist, und vor allen Dingen kann es nicht vom Uebel sein, die Meinungen zu klären. Zunächst bin ich nicht der Ansicht, dass der Vorwurf der Feigheit ein gar so furchtbarer sei, und dass man darob sofort ausser Rand und Band gerathen müsste. Der in den Witzblättern häufig wiederkehrende Herr, der einem ihn anrempelnden akademischen Rowdy die Antwort ertheilt: ,.Geben Sie sich keine Mühe, ich bin ein Feigling1', ist mir sogar immer sehr ernsthaft und sehr vernünftig erschienen. Unsere Gesellschaft, die sich auf den Geist der neuen Zeit soviel zugute thut, ist doch in vielen Stücken noch recht rückständig und sie wird sich wohl oder übel zu mancher Umwertung moralischer Werte entschliessen müssen. Noch immer ächtet sie die Feigheit, die nichts anderes ist. als ein Mangel an Raufmuth. und dabei ist ihr ganzes Erziehungssystem vernünftigerweise darauf" eingerichtet, den etwa vorhandenen Raufmuth abzudämpfen, keineswegs ihn zu steigern. Fehlt er aber gelegentlich in einem Falle, dann ist sie gleich mit dem grossen Bann zur Hand. Gut: die Feigheit ist eine Untugend, ein Laster, eine Schande. Sehen wir uns die Gerechtigkeit der gesellschaftlichen Auflassungen etwas näher an. Ein Mann der Gesellschaft darf ein armes Mädchen unglücklich machen und in den Tod treiben: er darf Schulden machen nach Belieben und Handwerker und kleine Geschäftsleute scharenweise zugrunde richten; er darf als Verschwender sein Vermögen verprassen oder ein Geizhals sein, er darf ein Trinker, ein Spieler, ein vollendeter Tagedieb sein, ohne dass ihn die Gesellschaft disqualificierte. Dagegen erfolgt aber die Aechtung sofort, wenn einer seinen Nerven die Todesverachtung nicht abzuringen vermag, welche die Gesellschaft unter Umständen von ihm fordert. Und meist ist es nicht einmal der Tod, der den Feigen schreckt, sondern das nervenerregende Vorbereitungsstadium, das ja immerhin noch einen günstigen Ausgang erwarten lässt. Nicht der Tod ist das Schreckliche, sondern die anfallende Furcht vor dem Tode. Die Beispiele sind nicht selten, dass nervöse, sagen wir immerhin feige Naturen mit voller Entschiedenheit des Willens zum Selbstmord geschritten sind, um nicht länger die Qual der Erwartung eines Duells oder einer Schlacht tragen zu müssen. Das wäre ein widersinniges Beginnen und psychologisch ganz unerklärlich, wenn man nur die Todesfurcht als Motiv annehmen wollte. Die Wahrheit ist, dass, wie schon bemerkt, das psychische Phänomen der Furcht weit entsetzlichere Qualen bereitet, als welche reale Katastrophe immer, deren schliesslicher Eintritt sogar noch als Erlösung begrüsst werden kann. Das ist immer und überall so. Nicht das wirkliche Unglück bildet das eigentliche Leid der Menschheit, sondern die peinigende Angst, die Furcht vor dem Unglück. Die überwiegende Mehrheit der Menschen geht sorgenbeschwert und bedrückt durchs Leben, und dabei ist es nicht das reale Unglück, das sie drückt, sondern die Sorge um das Kommende, das Zukünftige, um das „Morgen und Uebermorgen*. Man

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