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Die Welt · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Article
Die politische Gleichberechtigung der Juden
Date
1900-12-14
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 ,Die & Welt- Nr. 50 gemeinen Staatsbürger-Interessen als Steuerzahler und Wehrpflichtige, als Veruatti.ngs- und Reihtssubjecte massvoll in Reih und G.ied n.it unseren christlichen llandsleuten zu veitheidigen, lassen wir uns überall finden, wo es j:ilt, für einen Fortschritt, für eine Verbesserung, für höhere Gerechtigkeit, Aufklärung, Nächstenliebe zu wirken. Aber s* ien wir äusserst vorsichtig und zurückhaltend, wenn die Parteien um eine chi istlich confessionel.e Frage streiten. Die Theimahme der Juden am deutschen „Cuiturkampf. % das Mitstiinmen der Juden bei Kirchenbaufiagen in der Berliner Stadtverordnetenversammlung waren unverzeihliche Fehler, die sich nicht wiederholen dürfen, wenn die Juden zieJbevvusste judische Volkspolitik tieiben. In den rückständigen Ländern, wo die Juden noch entrechtet sind, da sollen sie unablässig die bürgerlichen Rechte fordern, dasheisst, das Recht, überall zu wohnen, jeden freien Beruf, jedes Gewerbe, jeden Handel zu betreiben, an allen aus Steuergeldern unterhaltenen Schulen, gemeinnützigen und Wohittjätigkeils-Anstaiten Antheil zu haben, in der Besteuerung und Rechtspflege ihren christlichen Landsleuten gleichgestellt zu sein. Politische Rechte sollen sie nicht fordern. In Russland haben auch die Christen solche nicht; in Rumänien hätten sie für die Juden aus den Gründen, die ich früher auseinandergesetzt habe, keinen Wert. Ihre bürgerlichen Rechte sollen die Juden nicht als eine Gnade ei flehen, sondern als eiuen Beweis fordern, dass »de Melirneit aus uer VerUnerung enulich zur Menschlichkeit aufgestiegen ist Wir dürfen nie auch nur sti.lschweigend zugeben, dass man zu irgendeiner Zeit eine Entscuuldigung oder erneu Grund uafür hatte, uns durch Ausnahmsgesetze zu misshandeln. Dass Titus uns imJaure /2 n. Chr. besiegt hat, ist unsere einzige Schuld, wenn es eine ist. Line andere öcnuld eikenneu wir nicht an. Unsere Verfolgung und Marterung ist nicht unsere, sonuem uiiSeier Jb emue Sd.anue. Sehen sie dies en.uicn ein, so sind wir bereit, die Sünden und Verbrechen iuier Vaiei zu verzeiuen. Wir aber haben uns nichts verzeinen zu lassen. Diese Volkspolitik lässt eine ungeheure Menge jüdi^c er tu« rgie lrei \\eiuen, die heute im \\ esten in den allgemeinn politischen Kämpfen una in persönlichen Ambitionen, im Osten im aussichtslosen Kuinpie um poli.iscne Rechte oder in veizweilelten levoiuiionären Be.-trebui.gen zwecklos vergeudet wird. iNieniand zum Nutzen, uera jüuiscnen Volke zum nöcnsieu Schaden. Y\ ird diese Energie aen Angelegeimeiten des jüdischen V'oikes zugewenuet, somuss sie iür uieses überaus fruchtbar weiuen. Die Gemeiuue-Ürganisauon erfüllt sich dann mit reienem Leben, wänretid sie jetzt sterbend oder todt ist. bie verwandelt s.ch aus einer Cultusin eme Voiksgtmeiuue. Sie wiru zum Rahmen und zur Maschine, worin alle Kräite des jüdischen Volkes sich voll betnätigen. Die Gemeinde nat dann nicht mehr bloss für die Synagoge und deu Friedhof zu sorgen, sondern alle Auigabeii eines gesitteten Gemeinwesens zu erfüllen, Voiks- und Alitteiscnulen, bei wachsendem Reiciitnum und Gemeiugeist später auch Fach- und Hochschulen zu unteihaiten, jüdische Kuustünd Gewerbe-Aussteilungen zu veranstalten, Museen, Theater, Akademien — warum nicht? — zu gründen. Preise für Leistungen auf allen Gebieten zu stiften, jüdischen Giössen öffentliche Denkmäler zu setzen und mit allen diesen Mitteln zunächst aas eine grosse Ziel zu erreichen: den Juden die tiefe Selbstverüchtung abzugewöhnen. Diese schauerliche Selbstveracntuiig ist der Hauptantrieb zur Flucht aus dem Judenthum. £>ie ist der grösste Triumph des AntisemitismUä9 der auf die Dauer die Juden ihnen selbst verekelt hat. Heute legt der Jude auf die kleinste, mitleidigste, herablassendste Anerkennung christlicher Kreise unvergleichlich höheren Wert, als auf die feurigste Bewunderung der Juden, ja er empfindet diese geradezu als beschämend. Und umgekehrt lässt der Jude sich zur Anerkennung eines jüdischen Talentes niemals herbei, wenn dieses nicht vorher durch Erfolge bei dem christlichen Publicum gleichsam entjüdischt worden ist. Die Juden müssen dazu erzogen werden, sich wieder als das natürliche, in erster Reihe zuständige Tribunal für jüdische Leistungen zu empfinden und für ihre Leistungen den entscheidenden Lohn von der jüdischen öffentlichen Meinung zu empfangen. Ich höre den zornigen Aufschrei der Klugköpfe, die das jüdische Volk seit hundert Jahren angeführt haben — man kann diesem Worte einen beliebigen Sinn beilegen : „Die Juden sollen also ins Ghetto zurückkehren?" Man lasse sich von diesem Schlagworte nicht bange machen. Es ist eine blosse Eselei. Soll unter dem'Ghetto ein Gefängnis verstanden werden, in das man uns gewaltsam sperrt und worin wir ersticken müssen, so habe ich vorhin ausdrücklich gesagt, dass wir aus allen Kräften daran arbeiten müssen, die Eisenthür dieses Kerkers autzubrechen. Bedeutet aber Ghetto bloss den Ort, wo Juden brüderlich beisammen hausen, weil sie aneinander Wohlgefallen finden und weil s.e lieber einen warmnerzigen, blutsverwandten in achbar haben, als einen feindlichen, bedeutet es ueu /.usammen^cliluss, durch uen Juden miteinander und füreinander arbeiten, um sich gegenseitig zu fordern und mit gemeinsamer Anstrengung Juusteruienscheii und Musterbürger, gute, starke, schöne, freie, harmonische Typen zu werden, so sage ich: Kehren wir um ahes in uer VV eit in dieses (jhetio zurück, und je eher, je v ohzahliger, umso besser. Gegen dieses ohetto kai>n nur derjemge Einwände erheben, uer sich seines Judenthums schämt, uer nicht ais Jude erkannt sein will, der dem Judentnum den raschen lud wünscht. Wer dagegen sein Judentnum als eine ernlicne ^.usz^knnung enipnndet und es vor alier Weit stoiz hervorkehrt, uer ü<.m Judenthum eme tiefe und würdige /.ukunlt wünscht, uei wiru an diesem Ghetto nichts auszusetzen naben, er wird nur bemüht sein, es räumlich zur reinlichst,, n, gesuudesten, anheimelndsten Uegend uer btadt, geistig zur Aiuopolis der Gesittung zu machen. beien wir besser, sittenreiner, gebildeter als die anderen, wie wir senon lle.ssiger und zaner sind, zueilten und töidern wir unsere Talente, statt sie anzufeinden und abzustossen, und es braucht uns auch um christliche Anerkennung nicht bange zu sein.^ Bringen wir i.ur erst Pasteurs und Kochs, Z i s t e r s und Röntgens hervor. Kein Antisemitismus der Welt wird sich gegen die 'ihatsachen der iViikrobioiogie und der Ph)siK wehren können, kein Antisemit der Vv elt wird es ablehnen, sich von der Wundrose bewahren, vom Wechsellieber beireien zu lassen. In dem (ihetto, das wir ais judische Freistatte neiwillig errichten, werden wir dann nicht abgesondert sein. Man wild allseitig den Weg in dieses Ghetto finden, wenn man darin grosse wissenschaltiiche Entdeckungen, aussergewöhuliche künstlerische und schriftstellerische Leistungen, neue socialpoiitische Und wirtschaftliche Einrichtungen Kennen lernen wird. Und man wird von uiesem Ghetto sich Lehrer erbitten, die ihren Schulern neben positiven Kenntnissen Achtung vor der Höhe judischer Ideale und vor jüdischer Tüchtigkeit beibringen werden.

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