Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Article
- Die politische Gleichberechtigung der Juden
- Date
- 1900-12-14
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315902-3374719--23356-3374832- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 50 „Die 2& Welt" Seite 5 Das ist die Volkspolitik, die wir dem jüdischen Volke in der Zerstreuung empfehlen, und die seine vollständige Wiedergeburt, sein selbständiges Dasein vorbereiten soll. Sie stellt an die Juden mehr als durchschnittliche Aaforderungen? Gewiss. Aber die dürfen wir uns nicht ersparen. Die Geschichte verurtheilt uns dazu, aussergewöhnlich tugendhafte und rühmliche Menschen zu sein. Wir können uns diesem Lose nicht entziehen. Verschlüpfen wir uns nicht vor unseren Feinden, sondern leben wir vor ihren boshaft spöttischen oder hasserfüllten Blicken ein Musterleben der Selbstveredelung und Zukunftsfreudigkeit. So brechen wir sicher den achtzehnhunderljährigen Fluch, der auf uns lastet und uns dem Tode nahe gebracht hat. Juda Makkabis Gebet. Von Theodor Zlocisti. Du hast aus meinem Frieden mich geschreckt Und in die Hand geschmiedet mir das Eisen! Nun soll die Glut, die in mir brennt und leckt, Die flammend auch die Schwachen aufgereckt, Den stolzen Feind aus unser'n Gauen weisen. Du liessest Deinen Ruf an mich ergeh'n: Drauss' rast der Sturm, Du sollst ihm wehren! — Inbrünstig send' ich nun zu Dir mein Fieh'n. Doch nicht um Kraft, um Muth und Siegstrophä'n, Denn Kraft und Muth wird mich der Syrer lehren. Nein! Eines nur erfleh' ich, Juda's Hort: Wenn ich erschau' die eig'nen Stammesbrüder Sich treulos freun am nackten Griechensport, Und alle Heimatliebe ausgedorrt, Den Mund entweiht durch trunk'ne Bacchuslieder, — Wenn schaudernd diese Schmach mein Aug' erblickt, Dann gib mir Kälte, Härte wie dem Steine, Dass mir das Weh nicht alle Hoffnung pflückt, Und ich von Seufzern nicht die Brust zerdrückt, Aufschluchzend sinke in den Staub und weine, weine... Chanuka-Ktobes. Von Dr. J. Ralf (Bonn). Was ist ein „Chanuka-Ktobes"? Es leben — in Deutschland ganz gewiss — nicht sehr viele mehr, die sich noch besinnen, in ihrer Jugend dieses Wort gehört zu haben; denn merkwürdigerweise ist das Wort trotz ehemaliger gar mannigfacher Anwendung aus dem Sprachschatze der Juden verschwunden. Hatte doch auch das Chanuka-Fest selbst mit der Zeit fast alle seine Bedeutung eingebüsst, bis es in der allerjüngsten Zeit durch unseren Zionismus wieder Wert und Wichtigkeit erlangt hat. Ein Chanuka-Ktobes war nur eine Zahlen Spielerei; obwohl mitunter recht geschickt ersonnen und gesponnen, war es doch ohne allen Wert, und darum nannte man im Sprach gebrauche der Juden eine, wenn auch oft geistreiche, aber sonst wertlose Erklärung oder sonstige klug ausgetiftelte Zahlenverbindung ein „Chanuka-Ktobes". Im Zionismus ist auch ein gut Theil altjüdischer Romantik enthalten, und er ist darum bestrebt, das Alte zu bewahren und aufzufrischen. Einige Beispiele von Chanuka- Ktobes sind darum hier wohl am Platze. Alle laufen darauf hinaus, durch den Zahlenwerth irgend eines Schriftwortes, besonders aus den laufenden Wochenabschnitten der Chanukazeit, die Zahl 36 oder 44, Anzahl der gesammten Chanukalichter — 36 ohne, 44 mit dem sogenannten Schamesch — herauszufinden. So sind die Benennungen dieser Sidroth oder Wochenabschnitte: „Mikez wajhi, wajiggasch, wajchi" selbst ein Chanuka-Ktobes. Wieso? Ja, das ist eben das Kunststück. Wenn man sich die Worte zu übersetzen sucht, gelangt man durch einige Künsteleien auf den richtigen Zahlenwert. Nämlich, das Wav des Wortes wajehi zusammen mit dem Worte wajchi ergeben die Zahl 36. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Worten (Genesis 43, 16.) „Utewoach tewach wehochen". Das will sagen das Wort „tewach" geschlachtet, nämlich seinen letzten Buchstabe fortgenommen, ergibt zusammen mit dem Wort „utwoach" die Zahl 36. Noch viel erkünstelter ist das Chanuka-Ktobes des Satzes II. B. M. 12, 4. „Im jim'at habajis mih'jos miseh welokach hu uschcheno". Das wird gedeutet: „Wenn man von dem Wort „habajis" (417) das Wort „miseh" (345) abzieht, dann kann von dem Reste (72) er und der Nachbar seine Lichter anzünden". Das Chanuka-Fest brachte für die jüdischen Scnulen (Chedarim) ein, auch zwei schulfreie Tage, nach welchen diese jüdischen Schüler mit derselben Gier schmachteten, wie die ausgelassensten Pennäler von heute. Die Schüler einer solchen Schule verlangten von ihrem Lehrer (Melaraed) einen oder noch einen schulfreien Tag. Nun denn, liess sich endlich der Lehrer herbei zu sagen: Ich gewähr euch die Bitte, wenn ihr mir ein hübsches Chanuka-Ktobes liefert. Ein findiger, aber auch kundiger Schüler hatte bald ein solches in dem ßibelverse Ps. 124, 7 gefunden. „Hapach nischbar wa'anachnu nimlotnu". Auf deutsch: „Das pach (Zahlenwert 88) wird halbiert und wir sind frei." Die Haupterlustigung am Chanuka-Fest für die Erwachsenen bestand ehemals in dem allabendlichen Kartenspiel, welches in den kleineren Gemeinden, besonders in den Landgemeinden mit grosser Leidenschaft und Ausdauer getrieben wurde. Wenn nun dieses Fest mit dem christlichen Weihnachtsfeste zusammentraf, dauerte dieses Kartenspiel oft mehrere Tage ununterbrochen fort. Kaum dass man sich Zeit zum Essen und Schlafen gönnte. Auch von andern, näher oder ferngelegenen Orten kamen, um ein Spielchen zu machen, Gäste, die gerne aufgenommen und bewirthet wurden. Kommt da einmal ein solcher, seines Witzes, auch seiner Kenntnisse der hebräischen Bibel wegen vielgeschätzter Gast und sehr eifriger Kartenspieler in ein jüdisches Haus. Kaum zur Thüre herein gekommen, heisst es: Möscheh zieh den Rock ab, dann kann's los gehen; aber erst ein hübsches Chanuka- Ktobes! Wie heisst? ein Chanuka-Ktobes? antwortete dieser; hast Du doch eben ein solches ausgesprochen: „Möscheh zieh den Rock ab". Wenn ich von Möscheh (345) den Rock (301) abziehe, habe ich das schönste Chanuka-Ktobes. Die Bedeutung des Wortes „Ktobes" ist einmal in früheren Zeiten in einer jüdischen Zeitschrift — in welcher, ist mir nicht mehr erinnerlich — Gegenstand einer Besprechung gewesen. Mir will es scheinen, als ob es gleichbedeutend mit dem Worte wäre, welches IEL Mos. 1928. vorkommt und eingeätztes Schriftwort bedeutet. Diese nur im Hebräischen, wo die Buchstaben gleichzeitig auch als Zahlen gebraucht werden, möglichen Kunststückchen, möchte ich jenen Witzen vergleichen, welche man mit dem vielsagenden Ausruf: Au! zu begleiten pflegt. Und dennoch haben dieselben ihren guten Grund. In der jüdischen Bibel wird begreiflicher Weise des Chanuka mit keinem Worte Erwähnung gethan und doch sollte in der Bibel das gesammte Judenthum seine Begründung finden. Man suchte darum nach solchen Chanuka-Ktobes, auf den Ausspruch des Talmud sich stützend: „Sind es auch keine Beweise für die Sache, so sind es doch Erinnerungen an die Sache." Wie ein solches Chanuka-Ktobes will es uns anmuthen, wenn die Gemara die Frage stellt: „Mai Chanuka?" „Was ist Chanuka", und darauf die noch eigenthümlichere Antwort gibt: „Am 25 Kislev beginnen jene acht Tage Chanuka. Als nämlich die Griechen (Jewanim) in den Tempel eindrangen, verunreinigten sie alle Orte im Tempel. Als jedoch die Dynastie des Chasmonäischen Hauses mächtig