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Die Welt · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Article
Die politische Gleichberechtigung der Juden
Date
1900-12-14
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 ,Die 5& Welt" Seite 3 jeder Jude, der unter den heutigen Verhältnissen nach einer staatlichen Laufbahn strebt und zu ihr zugelassen wird, ist nothwendig für das Judenthum verloren. Ich habe zu zeigen gesucht, wie die jüdische Volkspolitik nicht beschaffen sein soll. Ich habe nun zu zeigen, welche Volkspolitik an die Stelle der bisher geübten gesetzt werden sollte. Eine Volkspolit k setzt voraus, dass es ein Volk gibt und dass dieses Volk leben will. Denn zum Untergang bedarf es keiner besondern Politik. Der kommt ganz von selbst, wenn man keine Anstrengung macht, um ihm zu entgehen. Zur Vorfrage muss man zunächst Stellung nehmen. Bewusst oder unbewusst, ausdrücklich oder stillschweigend thut dies auch jeder Jude. Man kann, von Halbheiten, Unklarheiten ut d Uebergängen abgesehen, vier Haltungen gegenüber der grössten und wichtigsten Frage des Judenthums unterscheiden, der Frage: „Soll das jüdische Volk erhalten werden oder soll es verschwinden?- Eine Minderheit der emaneipierten Juden will, dass das jüdische Volk untergehe und verschwinde. Sie leugnet sogar, dass es überhaupt noch ein jüdisches Volk gebe, aber bei dieser Leugnung braucht man nicht widersprechend und beweisend zu verweilen. Sie ist eine blosse Thorheit. Die Leugner nehmen einfach ihren Wunsch für eine Thatsache. An diesen Juden ist nichts zu halten. Sie sind für das Judenthum endgiltig verloren, auch wenn sie noch nicht getauft sein sollten. Man mag sie verstehen und ihnen verzeihen, man mag sie verachten und luissen. aber jedenfalls ist es klar, dass man sich von ihnen, die das Ende des Judenthums wollen und die zunächst ihrem eigenen Judenthum ein Ende machen, keine jüdische Volkspolitik vorsehreiben lassen darf. Eine andere Minderheit wünscht, jüdisch zu bleiben, glaubt auch, dass das jüdische Volk eine Zukunft hat, erwartet aber das Heil von einem übernatürlichen Messias und begnügt sich bis zu seiner Erscheinung mit der Beobachtung des Ceremonialgesetzes. Die Volkspolitik dieses Theiles der Judenschaft ist formale Frömmigkeit und äusserste Passivität. Auch diese Volkspolitik ist meines Erachtens keine, denn sie führt ebenso sicher zum Volksuntergang, wie die der jüdischen Antisemiten, nur um eine Generation später. In den Ländern der Emancipation treten nämlich die Kinder in der Regel nicht in die Fussstapfen der frommjüdischen Eltern. Mit ihrem Glauben an das Geremonialgesetz wird die Aufklärung rasch und gründlich fertig und da sie von den gläubigen Eltern nie gelernt haben, im Judenthum etwas anderes zu sehen als ein Ceremonialge-etz, so hören sie in dem Augenblicke,, wo ihr Glaube an dieses schwindet, auch auf, an dem Judenthum das geringste Interesse zu nehmen und sie wenden ihm ohne Zögern und Bedauern den Rücken. Die dritte Kategorie ist die grosse Mehrheit der Gedankenlosen, die in den Tag hineinlebt, ohne sich wegen der Zukunft Sorgen zu machen. Diese Mehrheit will jüdisch bleiben. Aber sie hat sich nie gefragt, ob sie sich unter den ungünstigen Verhältnissen, in denen sie lebt, auch wird erhalten können. Sie fühlt ihre Leiden, aber sie weiss nicht, wie sie sich von ihnen befreien soll. Sie ist unfähig, sich einen Rath zu geben, aber sie ist fähig und bereit, einem fasslichen guten Rath zu folgen. Auf diese Mehrheit wird jede jüdische Volkspolitik die grösste Rücksicht zu nehmen haben. Endlich gibt es eine vierte, ebenfalls in einer vorläufig noch kleinen Minderheit eingeschlagene Richtung. Die Vertreter dieser Richtung wollen, dass das jüdische Volk weiler lebe. Sie glauben felsenfest dar;m, dass dieses W eiterleben durchaus möglich ist, wenn das jüdische Volk nur einige Anstrengung macht, um die ' es bedrohenden inneren Schäden und äusseren Gefallen zu bekämpfen, und sie halten sich durch ihr reges Volksbtywusstsein und durch ihren Glauben an die Zukunft ihres Volkes für berufen, diesem eine allgemeine Politik vorzuschlagen, von der sie allein das Heil erwarten. Ob sie ihre jüdische Volkspolitik werden durchführen können oder nicht, das hängt nicht von äusseren Widerständen ab, denn die sollen durch die jüdische Volkspolitik eben besiegt werden, sondern einzig davon, ob es ihnen gelingt, die gedanken- und planlose, doch dem Judenthum triebhaft anhängende grosse Mehrheit des jüdischen Volkes für sie zu gewinnen. Die äbfallslüsternen Noch-Juden können als quantite negligeable behandelt werden. Ihr Spott, wie ihr Grimm verdient kaum ein Achselzucken. Verneinendes Gt-sehwätz hat auch der kleinsten positiven Thal niemals geschadet. Die positive Volkspolitik der treuen Juden aber ist diese: In den hochgesitteten Ländern, wo die Juden die politischen Rechte besitzen, da sollen sie diese mit weiser und gesclmiackvoller Zurückhaltung üben. Vor allen Dingen sollen sie grundsätzlich darauf verzichten, an der Handhabung der Herrschergewalt des Staates über die Unterthailen, die sich lieber Staatsbürger nennen hören, einen Antheil zu lordern, solange auch nur eine kleine Minderheit ihrer christlichen Landsleute an der Ausübung der Staatsgewalt durch Juden Anstoss nimmt. Will man ein besonders hervorragendes jüdisches Verdienst ehren, eine besonders überlegene jüdische Weisheit dem allgemeinen Interesse dienstbar machen, so lasse der betreffende Jude sich um seine Mitwirkung an der Verwaltung der Staatsangelegenheiten bitten, aber er biete sich nie an; und wenn er einwilligt, dem Staate seine Kräfte zu widmen, so geschehe es unter besonderer Betonung seines Judenthums. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, dass die Juden immer und überall, wo der Staat von seinen Bürgern eine Anstrengung fordert, ihren Mann stellen müssen. Das thun sie selbst dort, wo man sie als Parias behandelt, geschweige denn in Ländern, wo man ihre natürlichen Menschen- und Bürgerrechte voll anerkennt. Mit einem Worte: sie sollen alle vom vaterländischen Gefühl vorgeschriebenen Opfer mit besonderer Freudigkeit bringen, dagegen auf jeden politischen Lohn für ihre Opfer verzichten und sich mit der Freiheit, sich als Juden zu entwickeln, begnügen. Wir müssen es uns abgewöhnen, um Richter-, Officiers- und Beamtenstellen zu jammern. Wer ein Amt will, der suche es in der jüdischen Gemeinde-Organisation. Wir müssen es uns namentlich abgewöhnen, mit Erscheinungen wie Eduard von Simson oder Disraeti zu prahlen. Sie nützen uns. nichts und machen uns keine Ehre. Sie haben nichts auf uns gehalten und wir handeln erbärmlich und feig, wenn wir uns mit hündischer Zudringlichkeit an Leute werfen, die sich brutal von uns losgesagt haben und von uns nichts wissen wollen. Wir müssen uns auch hüten, im Kampfe der Parteien die lautesten Rufer im Streit, die Führer und Vorkämpfer zu sein, wozu unser Temperament uns so leicht verführt. Verhalten wir uns neutral oder suchen wir eher versöhnend und ausgleichend zu wirken. Das entspricht der Ethik unseres Stammes und den Lehren unserer Weisen mehr als Verbitterung und Vergiftung jedes Parteihaders durch ungestümes Eingreifen. Benützen wir unsere politischen Rechte, um unsere alt-

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