Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Article
- Samuel David Luzzatto
- Date
- 1900-11-02
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 »Die x£ Welt" Seite 13 dem Wunsche beseelt, dass das Vorbild des grossen Denkers und Dichters auf die Jugend unseres Stammes anregend einwirken möge, und wahrlich, es gibt kein wirksameres Mittel, das Verständnis für das Judenthum und das jüdische Nationalgefühl in weiteren Kreisen unseres Volkes zu beleben, als indem wir durch populär geschriebene Bücher, die sich wie das vorliegende zu Familienbüchern eignen, die Erinnerung an die grossen Männer, an denen unsere Vergangenheit so reich ist, wachzuerhalten suchen. Der Urheber des Buches hat selbst gefühlt, dass er mit demselben einem Bedürfnisse entgegenkomme und dass es ein actuelles Interesse beanspruchen dürfe. „Ein Jahrhundert ist nun vergangen, seitdem Samuel David Luzzatto in einer ärmlichen Kammer das Licht der Welt erblickt hat. Er selbst ist durch sein Leben und Wirken eine leuchtende Sonne in der Judenheit und in der Welt der Wissenschaft geworden. Und geradejetzt, da sich im jüdischen Stamme, nach einem Jahrhundert der Irrungen und der Selbstverleugnung, neues Leben zu regen beginnt, da er seine Selbstachtung wieder zu gewinnen strebt, strahlt der Name Luzzatto s, der mit allen Fasern seinesLebens am Judenthum und am jüdischen Stamme hieng, im hellen Glänze." Luzzatto entstammte einer Familie, die in der Geschichte der jüdischen Wissenschaft und Literatur durch eine überraschend grosse Zahl von Namen vertreten ist. Ihr entstammte der Dichter Mose C h a j j i m Luzzatto, der in Poesie und Prosa die hebräische Sprache zur vollendetsten Ausbildung brachte und der, von Sehnsucht nach Zion getrieben, im heiligen Lande sich ansiedelte, sowie der Dichter Ephraim Luzzatto, von dessen Dichtungen Franz Delitzsch sagt: „Bilder, Melodien und Geist seiner Dichtungen sind italienisch; aber das Nationalgefühl, das Heimweh nach Zion ist bei ihm nicht erstickt, sondern tönt leise in weichen wehmüthigen Adagios durch die Saiten seiner Guitarre." Noch eine ganze Reihe von Dichtern und Schriftstellern, die aus dieser Familie hervorgiengen, werden angeführt und auch eine Dichterin, die in hebräischer Sprache schrieb, ist ihr entsprossen, nämlich RachelMorpurgo, die Cousine unseres Samuel David, die auf dessen geistige Entwickelung grossen Einfluss übte. So durfte Samuel David Luzzatto „seiner Väter gern gedenken und froh von ihrer Grösse den Hörer unterhalten und, still sich freuend, an's Ende dieser schönen Reihe sich geschlossen sehen." Die Familientradition und die Atmosphäre, in der Samuel David seine Kindheit verlebte, haben gewiss wesentlich dazu mitgewirkt, dass die Liebe zur hebräischen Sprache, sowie die Liebe zum jüdischen Volke und zum Judenthume als welthistorische Erscheinung ihn frühzeitig erfüllte und sein ganzes Leben hindurch beseelte: ja man darf sagen, dieser Liebe opferte Luzzatto geradezu sein ganzes Dasein.. Ohne rabbinisches Amt lebte er, was in früheren Tagen nicht selten war, ganz der jüdischen Wissenschaft, und seine Stellung als Lehrer am Coilegium rabbinicum in Padua brachte ihm ein reiches Arbeitsfeld, aber nur einen kärglichen, unsicheren Lebensunterhalt. Wie schmerzlich berührt es, wenn man die vielseitige, fruchtbare und an Erfolgen und Anerkennungen reiche Lebensarbeit Luzzattos überblickt und dann sich vergegenwärtigt, dass sein Leben in Noth und Entbehrungen, in Kummer. Sorgen und Seelenschmerz dahingeflossen ist. Unwillkürlich drängt sich ein Analogon aus der allgemeinen Cuiturgeschichte auf und man erinnert sich des Epigramms, welches Kästner auf Kepler schrieb : „So hoch ist noch kein Sterblicher gestiegen, als Kepler stieg, allein er starb in Noth; er wusste nur die Geister zu vergnügen, drum liessen ihn die Körper ohne Brot." Und doch war die Nothlage Kepler'« erst in dessen letzten Lebensjahren eine grosse, während sie in Luzzattos Leben den ständigen Gefährten bildete. Luzzatto war in ärmlichen Verhältnissen als Sohn eines Handwerkers aufgewachsen Bloch, Dr. M. Brann, Henriette Hi rschb erg. Rabb. Dr. M. Kayserling. Berlin li)OU. Verlag von Albert Katz. Der Inhalt umfasst folgende Capitel: 1. Dr. S. Bernfei d, Samuel David Luzzatto, ein Lebensbild. II. Doctor M. Brann, die Familie Luzzatto. III. Dr. Philipp Bloch, Luzzatto als Religionsphüosoph. IV. Dr. A, Berliner, Samuel David Luzzattos exegetische Thätigkeit. V. Dr. M. Kay serling, Samuel David Luzzatto als Literaturhistoriker. VI. Prof Dr. W. Bacher, Zur Charakteristik Samuel David Luzzattos. VII. Henriette Hirschberg, Poetische Uebertragungen. und durch die Anstellung, die er am Coilegium rabbinicum gefunden, waren seine Verhältnisse nur vorübergehend gebessert worden, denn die lombardisch-venetianischet. Gemeinden, aus derer. Beiträgen das Coilegium unterhalten wurde, verloren, nachdem die erste Begeisterung verflogen war, die Lust zur Boitragsleistung. konnten auch zum Theile in Folge der schlechten materiellen Lage ihre Verpflichtungen nicht erfüllen, die Lehrer mussten oft monatelang auf die Auszahlung der Bezüge warten und schliesslich in eine wesentliche Reduction derselben willigen. Nur der Menschenfreundlichkeit eines der Curatoren des Collegiums, Gabriet Triest, verdankte Luzzatto oft Rettung aus der bitteisten Noth. „Wäre nicht der wohlthätige Gabriel Triest," schreibt Luzzatto, „der mir aus Eigenem den Unterhalt gewährt, so würden wir schon längst verhungert sein." Die ausgedehnte literarische Thätigkeit warf kein materielles Erträgnis ab : im Gegentheil, sie forderte noch Opfer, indem sie ihn nöthigte, für seine Verhältnisse grosse Summen auf den Ankauf von Büchern und Handschriften zu verwenden. Bezeicnend für die Verhältnisse in der jüdisch-wissenschaftlichen Welt jener Zeit ist es, dass er für sein erstes epochemachendes Werk, die kritischen Untersuchungen über den Targum Onkelos, den „O h eb G er", nur unter der Bedingung einen Verleger finden konnte, dass er selbst zweihundert Exemplare des Werkes kaufte! Aber mit der materiellen Noth war die Tragik seines Lebens nicht erschöpft. Auch in seinem Familienleben hatte er schweres Unglück. Wenige Jahre nach seiner Verheiratung erkrankte seine geliebte Gattin an einer Gemüthskraukheit, von der sie erst nach mehrjährigein Siechthum durch den Tod erlöst wurde. Sein ältester Sohn Filosseno, der durch eine Reihe schöner wissenschaftlicher Arbeiten die Aufmerksamkeit der Gelehrtenwelt auf sich gezogen hatte und zu grossen Hoffnungen berechtigte, starb nach langem, qualvollen Leiden am ^5. Jänner 1*54 im -20. Lebensjahre. Von diesem Schlage erholte sich der Vater nicht mehr. „Seit dem Tode meines Erstgeborenen," schrieb Luzzatto sechs Jahre später an R a p a p o r t, „komme ich mir halb wie gestorben vor: nur mein Gottesvertrauen hält mich noch ein wenig aufrecht." Im Jahre lS(">-2 starb seine Tochter Mirj am im Alter von 18 Jahren, ein äusserst begabtes Mädchen, das die hebräische Sprache erlernt hatte, um ihrem Vater oei seinen gelehrten Arbeiten behilflich sein zu können. Rührend ist es, die Klage des Vaters zu lesen: Für das arme Mädchen sei es doch besser, da er für ihre Zukunft nicht habe sorgen können; die drückende Armut, die sie im väterlichen Hause gesehen, hatte ihr das Herz gebrochen. Zu diesen schweren Schicksalsschlägen kam noch Verdruss mannigfacher Art: er erlebte schnöden Undank von Leuten, die er in wissenschaftlicher Hinsicht auf uneigennützigste Weise gefördert hatte und zog sich durch seine Aufrichtigkeit und "Wahrhaftigkeit Feinde in grosser Zahl zu. „Luzattos Leben kann als eine Kette von Leiden, als ein ununterbrochenes Martyrium bezeichnet werden und bewunderungswürdig war dabei sein unerschütte: liches Gottesvertrauen und seine Liebe zur Wissenschaft, die ihn aufrecht erhielten und nicht unter der Last der schworen Heimsuchungen zusammenbrechen liessen. Wir können die trotz der Ungunst seiner äusseren Verhältnisse so enorme Arbeitsfähigkeit Luzattos nur verstehen, wenn wir uns die Worte gegenwärtig halten, die Abraham Geiger über ihn geschrieben: „Er" lebte nicht bloss in seinen Studien, sie waren auch in ihm lebendig, sie waren ein Stück seines Wesens." Luzatto erscheint uns in seinem Wollen und Handeln, in seinem persönlichen Wirken sowohl wie in seinem, wissenschaftlichen Wirken und in seinem dichterischen Schaffen, als ein von einer einheitlichen Idee beseelter Mann, dessen Innerstes ganz von dieser Idee erfüllt ist, der in ihr seinen Lebensinhalt und sein Lebensglück findet und der uns daher immer als ganze, ungetheilte Persönlichkeit entgegentritt. Diese Idee war die Liebe zum Judenthum und zum jüdischen Volke. Was er von Michael Sachs sagte, das gilt such von ihm: „Das Erbe seiner Väter ihm theuer vor Allem war." Der Pflege des Erbes der Väter, dem Studium der hebräischen Sprache und dem jüdischen Schriftthum in seinem ganzen Umfange galt seine unermüdliche Arbeit. „Das Hebräische ist meine Leidenschaft," schreibt er, „und das Wiedererstehen seiner Literatur der schönste Traum meines Lebens." Er versenkte sich in den Geist der hebräischen Sprache, in alie ihre Feinheiten. „War L u z a 11 o", sagt Geiger, „die Sprache an sich ein sein Innerstes erfüllendes Element, so war er jedoch nicht Linguist, sie bot ihm vielmehr ästhetische Nahrung, sie galt ihm in ihren Denkmalen als die reichste Quelle edler Bildung, echt menschlicher Gesittung. Davon war seine Auffassung der biblischen Schriften geleitet. Er gieng nicht darauf aus, sie theologisch-dogmatisch oder homiletisch-