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Die Welt · 1900-11-02 · 44 (2.11.1900) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
44 (2.11.1900)
Article
Samuel David Luzzatto
Date
1900-11-02
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14 ,Die s£ Welt" Ni. 44 erbaulich zu erklären, aber wohl human-sittlich, nach ihrem ewigen veredelnden Gehalte . . ." Seine Bemühungen galten sowohl der biblischen, wie der nachbiblischen Literatur. Die Werke der spanischjüdischen Dichter Jehuda Haie vi und Moses i b n Esra wurden durch ihn wiedererschlossen und bekannt gemacht. Unermüdlich sammelte er hebräische Handschriften und seltene Werke und mit einer beispiellosen Uneigennützigkeit stellte er nicht nur seine Schätze, sondern auch seine Arbeitskraft allen denen zur Verfügung, die auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judenthums thätig waren. Viele der epochemachenden Werke dieser Wissenschaft sind nur durch seine Beihilfe möglich geworden. Wie durch seine Schriften, so wollte er auch durch sein persönliches Beispiel die Liebe zum Judenthum in die Herzen seiner Schüler pflanzen. Er stand fest auf dem Boden des historischen Judenthums und war gleich weit entfernt von verknöcherter Starrgläubigkeit wie vor seichter Reform. Ihm war das Judenthum reinste, vollkommenste Ethik: Die mitleidsvolle Barmherzigkeit, deren grundlegende Bedeutung in den Gesetzen der heiligen Schrift er erkannte und die durch die zielbewusste Arbeit seiner Lehrer und Führer zur Stammeseigenschaft des jüdischen Volkes sich herausbildete, ist ihm die Quelle aller echten, uneigennützigen Tugenden, die uns zu edlen Handlungen antreibt, ohne dass wir an irgendwelche Belohnung dächten, denn die Barmherzigkeit trägt ihren Lohn in sich selbst, in dem Frieden, den sie bei der Stillung oder Linderung des fremden Schmerzes findet. Das jüdische Volk war ihm der Träger der sittlichen Weltanschauung und der monotheistischen Idee. Er war sich des Gegensatzes zwischen jüdischer und hellenischer Weltanschauung voll bewusst, aber indem er die Verdienste des Hellenismus um Kunst und Wissenschaft rückhaltlos anerkannte, durfte er es auch sagen: „Das Schöne und Grosse ersetzen nicht das Gute". Ein Satz charakterisiert L u z a 11 o s Auffassung der jüdischen Ethik am besten : „Sollte ich auch mein ganzes Leben hindurch als/Thor verschrieen werden, so werde ich doch nie und nimmer zögern, laut zu verkünden, dass die wahre Ethik nicht das eigene Heil und Wohl, sondern das der Anderen zu fördern verlangt und dass diese Lehre nicht das Product einer Philosophie, sondern der Bibel, der Talmude und Midraschim ist." Luzatto wurde dem jüdischen Volke, dem er in unablässiger Arbeit trotz seiner nahezu völligen Erblindung bis an sein Lebensende diente, am 29. September 1865, am Vorabende des Versöhnungstages, entrissen. Ein grosser Theil seiner Werke wurde erst nach seinem Tode veröffentlicht. Die Saat, die er gesäet, wird erst dann ganz aufgehen, wenn ihm echte Jünger, wie es ihm Geiger gewünscht, erwachsen sein werden, die in seinem Sinne mit gleicher Liebe und Hingebung dem Judenthum dienen werden. Fragen wir uns, wie er dem wiedererwachten jüdischen Nationalgefühl und dem Zionismus gegenüber sich verhalten hätte, wenn er unsere Zeit erlebt hätte, dann können uns folgende Verse von ihm die Antwort geben : Dein Volk, das Du erwählt hast, es hoffet immerdar, Denkt des verheissenen Landes und hoffet Jahr um Jahr. O, nach Befreiung schmachtet sehnend mein Herz und Sinn, Wie sich am Abend der Buhle zur Liebsten sehnet hin. Wie sich in der Dämmerung Kühle nach heisser Tageslast Der Knecht sehnt, auszuruhen die Glieder in süsser Rast. Doch, dass ich immer weine, ist nicht meines Herrn Gebot. Er will, dass das Herz seines Vokes sei stark in jeder Noth! Die Schwestern. Erzählung von S. Gordon. (Nachdruck verboten.) (Schluss.) „Weil sie einem Volke angehört, welches der Welt das Gebot verkündet hat: „Du sollst Vater und Mutter ehren!" erwiederte Salka fast mechanisch: sie hatte sich ihre Lection gut eingeprägt. „Wo ist sie?" fragte er plötzlich. „Zuhause." „Dann werde ich sie holen." sagte er und wandte sich zum Gehen. Sailens Herz schlug wie ein Schmiedehammer. „Es ist umsonst. Euer Gnaden," sagte sie. indem sie ihm folgte und die Hand auf seinen Arm legte, es ist umsonst, glauben Sie mir. Sie werden sie an dem Bette ihrer Mutter finden, die seit drei Jahren ihr Lager nicht verlassen hat. Trotzdem wird sie stark sein, wie eine Tigerin, wenn es gilt, um ihr Kind zu kämpfen, und Sie können sich denken, auf wessen Seite der Sieg sein wird." Er war stehen geblieben und blickte sie verstört an. Dann sagte er: „Jawohl, ich kann mirs denken. Hat sie Ihnen aufgetragen, mir das zu sagen?" „Sie bittet Sie, ihr zu verzeihen und zu vergessen, sie wird jeden Tag zu unserm Gotte beten, Sie glücklich und den Höchsten im Lande gleich zu machen, Ihnen gnädig zu sein, um all des Glückes willen, dass Sie ihr versprochen haben." Er schien aus seiner Betäubung zu erwachen. „Das Glück?" rief er mit bitterm Lachen aus, „welches Glück? Ich hab' ihr meine Liebe, meinen Namen versprochen — Selbstsucht. Ich wollte ihr Herz besitzen, obzwar sie es mir aus tausend Wunden blutend entgegenbrachte. Und darum hat Euer Gott mich gestraft und mir gerade in der Stunde, da ich meine Hoffnung erfüllt sah, genommen, wonach ich so heftig verlangte. Ach, wie stark ist Euer alter Gott! Sagen Sie ihr, sie möge für mich beten, dass er mir Trost sende, wie er Strafe gesendet hat! Ach, muss ich es glauben? Sie wird nicht kommen — ist es auch ganz gewiss"? Noch ist es Zeit — —" Salka schüttelte den Kopf: ihr Herz war zu voll, als dass sie hätte sprechen können. Ja, er war stark, der Gott Israels, und er beschützte seine Kinder. Das eherne Ross auf den Schienen stand zitternd da, plötzlich begann es zu schnauben. Wie in einer plötzlichen Eingebung kam der Commissär ganz nahe an Salka heran. „Wann haben Sie sie zuletzt geküsst?" fragte er. „Gerade bevor ich herkam," antwortete sie zitternd. Im nächsten Augenblicke hatte er sie fest an sich gepresst, sein Bart streifte ihr Gesicht, seine Lippen brannten auf den ihrigen. Dann liess er sie los, „Darum bin ich wenigstens nicht betrogen worden," sagte er, „der Kuss war mir versprochen für unser nächstes Wiedersehen, dem keine Trennung mehr folgen sollte. Sagen Sie ihr, dass Sie ihn mir gegeben haben. Meine Madonna! Sie wird wissen, wie sehr ich sie liebe, wenn ich es über mich gewinnen kann, sie zu verlassen!" Er wandte sich um und stieg rasch ins Coupe. Der Schaffner gab das Zeichen — das Dampfross raffte sich auf und setzte sich in Bewegung. Der Commissär stand am Fenster und winkte grüssend mit der Hand zu Salka hinüber. Salka blieb auf dem Perron, als die Lichter des Zuges längst in der Dunkelheit verschwunden waren. Mit einem Seufzer, der mehr ein Schluchzen war, trat sie den Heimweg an. Sie war gerettet — ihre Schwester war gerettet. Nun blieb ihr nur noch übrig, es Zillah zu sagen. Als sie nachhause kam, fand sie Zillah in der Küche damit beschäftigt, den Inhalt einer kleinen eisernen Schatulle zu zählen. „Das ist alles, was ich mitnehme," sagte sie, ohne aufzublicken, „es sind etwa hundert Rubel, die ich mir erspart habe; ich werde sie vielleicht brauchen." „Du wirst sie nicht brauchen — jedenfalls nicht heute," erwiderte Salka. Zillah erhob den Kopf. „Er hat also seine Abreise verschoben?" rief sie, und in ihren Augen blitzte ein Hoffnungsstrahl auf. „Nein, er ist fort." „Fort?« Tleh hab* den Zug gesehen, der ihn entführt hat, ich schwör* es Dir. ich hab" ihn mit eigenen Augen gesehen.

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