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Die Welt · 1900-10-19 · 42 (19.10.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
42 (19.10.1900)
Article
Eine jüdische Toynbee-Halle in Wien
Date
1900-10-19
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 42 ,Die & Welt" Seite 3 Wie aber, wenn die freiwillige Theilnahme denn doch eines Tages versagt? Für diesen unwahrscheinlichen Fall ist gesorgt. Das zierliiche Gebäude in Commercialstreet, das sich wie ein Puppenheim ausnimmt in der schmutzigen, hässlichen Umgebung, hat etwa zwei Dutzend Wohnzimmer, und die sind immer von jungen, der Sache mit Leib und Seele ergebenen Leuten besetzt. Sie bekommen nicht etwa die Wohnung umsonst; nur sind Logis und Kost billiger und besser als in der gewöhnlichen Pension. Diese „Residents" sind die Reservetruppe von Toynbee-Hall. Wenn die Freiwilligen von Aussen einmal ausbleiben sollten, kann man nicht in Verlegenheit gerathen: diese jungen Leute sind immer zu einem Vortrag, zu einer Discussion, zu einer Unterhaltung bereit. Welch' eine Aussicht eröffnet sich da für unsere studierende Jugend! Wer weiss, — vielleicht findet sich ein jüdischer Wohlthäter, der in Verbindung mit unserer Toynbee-Halle ein jüdisches Studentenheim eröffnet. Die Ausgestaltung der jüdischen Toynbee-Halle nach jeder Richtung hin kann nur langsam, nach Massgabe der Mittel und in gleichem Schritte mit der Erfahrung vor sich gehen. Wir aber freuen uns, einen vielversprechenden Anfang zu machen. In der Heimat. Zwei Briefe aus Rumänien. L Sie wünschen eine genaue Darstellung der Lage der rumänischen Juden und bestimmte Vorschläge zur Verbesserung. Bester! Sie forden so viel, dass ich kaum in der Lage sein werde,Sie zu befriedigen. Die überstürzte und planlose Emigration hat die hiesige Judenschaft zugrunde gerichtet. Es müssen vielleicht Jahrzehnte besserer Zeiten vergehen, bis die traurigen Folgen verwischt sind. Wie von wahnsinniger Verzweiflung ergriffen, veräusserten sie ihr Besitzthum um lächerliche Spottpreise, ja manche, die Häuser hatten und trotz des niedrigen Kaufpreises keinen Käufer fanden, demolierten sie mit eigener Hand, um einige Francs für das Material zu erhalten. Sie werden dieses Factum märchenhaft und unglaublich finden, dennoch ist es leider buchstäblich wahr. Die Dämme der Geduld waren gerissen, und wie ein wildflutender, zerstörender Strom durehtoste das Auswanderungsfieber die jüdischen Massen. Als rnun der Moment kam, wo die Grenzsperre Rumänien wie ein eiserner Ring abschloss, wurde die Verzweiflung womöglich noch grösser, denn sie hatten ja nicht einmal das Wenige, das sie früher besassen. Was sollten nun die Handwerker ohne Werkstatt und Werkzeug, die Fuhrleute ohne Fuhrwerk, die kleinen Händler ohne das bescheidenste Capital anfangen? Zwar eilte die „Alliance" und die „Jewish- Colonisation-Association" zur Hilfe herbei, aber erlauben Sie es mir, Ihnen im Vertrauen zu sagen : Diese Hilfsactionen waren so unvergleichlich kopflos, dass sie mehr Schaden als Nutzen anrichteten. S^att den zurückgestauten, zurückgewiesenen und zurückgekehrten Emigranten die Wiederaufnahme ihrer früheren Beschäftigung zu ermöglichen, zersplitterten sie ihre Gaben almosenförmig und das Endresultat ihres Wirkens wird nur die Schaffang eines neuen Berufsbettelstandes sein. Optimisten täuschten sich eine Zeit lang mit der Hoffnung, dass die Ernte dieses Jahres und die neue Regierung den Unglücklichen Hilfe bringen werde. Heute ist jedermann im Lande von diesem Optimismus geheilt. Von dieser Seite wird nichts mehr erwartet und erhofft. Das Elend wächst mit jedem Tage. Eine Muth- und Hoffnungslosigkeit bemächtigte sich dieser Unglücklichen, und allgemein wird der Ausbruch einer neuen, noch schrecklicheren Katastrophe befürchtet. Sie werden aus dem Bisherigen meine Vorschläge leicht ersehen, und diese fasse ich in zwei Punkten zusammen : 1. Die Beförderung der Emigration junger arbeitsfähiger Leute, um einerseits diesen die Möglichkeit des Erwerbes in anderen Landern zu bieten und andererseits durch Verringerung des Arbeiterproletariats die Concurrenz in Rumänien zu mindern und so den Zurückgebliebenen Erleichterung zu verschaffen und 2. plan massige Unterstützung der Angehörigen des Handwerker-, Gewerbe- und kleinen Handelsstandes im Land e, um ihnen die Fortführung ihrer Geschäfte zu ermöglichen. Dies wäre meiner Ansicht nach das einzige Erspriessliche und wirklich Nutzbringende, was zu thun wäre. IL Als vor einigen Monaten in meiner äussersten Noth, in meiner schrecklichen Furcht, dem Hungertode mit meinen Angehörigen erliegen zu müssen, in mir noch ein Funken von Lebenshoffnung aufglimmen wollte, der durch falsche Hoffnungen genährt wurde, dass das Mitleid der barmherzigen Menschen, welches anderen Nothleidenden meinesgleichen gespendet wird, auch mir zutheil werden wird, als ich glaubte, dass ich mit deren Stütze und Hilfe jenseits des Oceans noch leben und meine drei kleinen Waislein würde ernähren können — raffte ich alle meine Habseligkeiten zusammen, um sie zu Geld zu machen und mir die Reisespesen zu schaffen, mit denen ich bis zur Hilfsquelle, zur „Israelitischen Allianz", kommen konnte. Aber ich bedauernswerte Witwe sah erst dort ein, dass man auch im Unglück Glück haben muss, und dass ich die Unglücklichste der Unglücklichen bin. Anderen meinesgleichen wurde zur Beförderung nach Amerika verholfen, mir aber wurde dieses Glück nicht zutheil. Ich wurde nämlich nach Rumänien, nach dem alten Ghetto voll neuer, unerhörter Leiden, zurücktransportiert mit den trostvollen Worten, „dass sich dort die Lage verbessert habe, da wir den Herrn Carp zum Minister bekommen hätten". Wohl war die „Allianz" so gnädig, mir zwanzig Kronen zu schenken, und die wären mir vielleicht beim ersten Eintritte in meine Heimat zustatten gekommen, um drei offenen Schnäblein die nöthige Nahrung zu geben, — wenn nicht die „bessere Lage" wirklich eingetreten wäre. Ja, diese „bessere Lage" zu schildern, gebricht es mir an Raum, aber eine Erwähnung muss ich doch thun. Wir Zurückgekehrten wurden in Guagni von einem Trupp rumänischen Militärs, das uns entgegengeschickt worden war, empfangen. Wir wurden von den Soldaten aus dem Schiffe gehoben und wie Kriegsgefangene im untersten Räume eines finsteren Schleppschiffes — die Hitze war damals furchtbar — zusammengepfercht. Drei Tage verblieben wir dort, ohne dass man eine lebende Seele zu uns zugelassen hätte; dann wurden wir unter militärischer Begleitung in einem finsteren Arrestantenwagen, welcher „Duba" genannt wird, nach Bukarest geschickt, wo wir wiederum zwei Tage im Gefängnisse verblieben, dann vorgerufen und jeder nach seinem Geburtsorte in dem obenerwähnten schmutzigen Arrestantenwagen hingeschickt wurden. Da ich nach Dorohoi gehöre, •wurde ich dorthin abgeschoben. Dort musste ich mit meinen Kindern noch zwei Tage im Arrest verbleiben, bis man sich meinetwegen verwendete und ich auf freien Fuss gesetzt wurde. Das alles musste ich dafür dulden, weil ich daran gedacht habe, dass ich in der weiten Welt Brot für mich und die Meinigen finden werde, um nicht hierzulande verkümmern zu müssen. Was fange ich unglückliches Weib aber jetzt an? Die 20 Kronen sind mir noch auf der Reise aufgegangen, aber nicht etwa für Brot, mit dem ich den Hunger meiner Kinder gestillt hätte, nein, unseren Wächtern mussten wir dieses arme, erbettelte Almosen schenken. So ist es um diese „bessere Lage* bestellt. Meine Habseligkeiten

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