Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 42 (19.10.1900)
- Article
- Eine jüdische Toynbee-Halle in Wien
- Date
- 1900-10-19
- Page
- 2 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 2 ,Die z£ Welt44 Nr. 42 und Sammlung zugleich. Dort wurde in erster Reihe in ungesuchter Weise unsere alte Tugend, das Bewusstsein der Gleichheit, geübt und das Gefühl der Zusammengehörigkeit gestärkt. Doch was soll es nützen, rückschauend Vergangenes und Verlorenes zu beklagen. Die Zeiten sind andere geworden, und wir müssen mit den neuen Verhältnissen rechnen. Wohl, wir haben unsere alte Geselligkeit wie so manches andere kostbare Erbe der Väter in sorgloser Kurzsichtigkeit verschleudert: desto zwingender ist die Pflicht, etwas Neues, vielleicht sogar etwas Besseres, an Stelle des unrettbar Verlorenen zu setzen. Wir denken natürlich vor allem an die Armen? an die Schwachen, an das Volk. Wir wollen nicht behaupten, dass die Reichen unter uns ihre Pflichten gegen die Armen vergessen. Das wäre eine Undankbarkeit, eine Verleumdung des jüdischen Charakters. Nein, wir haben eine Fülle von Wohlthätigkeit unter uns, manche sagen, zuviel Wohlthätigkeit. Aber bezeichnenderweise sorgen alle altruistischen Anstalten für den jüdischen Leib: der jüdische Geist, das jüdische Gemüth, kommt bei den Schenkungen und Vermächtnissen niemals in Betracht. Man glaubt alles gethan zu haben, wenn man einem hungernden Familienvater die Mittel gibt, sich einen Hausierkasten anzuschaffen, um den AVolf von seiner Thüre fernzuhalten: man beglückwünscht sich zu der jüngsten Organisation, die arbeitsuchenden Juden zu ehrlichem Erwerbe verhilft. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wer war es,- der das tiefe Wort sagte : -Sorgt mir für meinen Luxus, für meine Bedürfnisse werde ich schon selber sorgen?* Art und Ausmass des Erwerbes sind sehr wichtige Factoren im Leben eines Menschen, aber sie sind nicht alles. Die Moral, der sociale Wert, die Zukunft einer Familie hängt ebenso sehr von der Art und dem Ausmass ihrer Erholung ab. Ihr, die Reichen, die Wohlthäügen, steuert der leiblichen Noth unserer armen Stammesgenossen, Ihr verschafft ihnen Arbeit und Erwerb, — vortrefflich! Wir wollen Euer Werk ergänzen und ihnen zu einer anständigen, menschenwürdigen Erholung verhelfen. Unsere Mittel sind vorläufig gering: wir müssen mit Kleinem beginnen. Zwei grosse Zimmer, gut gelüftet, durchwärmt und beleuchtet, müssen für den Anfang genügen. Hundert Sessel, einige Tische, ein Podium, ein Piano, ein grosser Theekessel, — das ist vorläufig das ganze Mobiliar. Unsere Gastfreundschaft ist ebenso bescheiden wie unsere Möbel. Wir bieten nur eine Tasse Thee und ein Biscuit — auf Verlangen da capo. Bezahlung ist ausgeschlossen. Von einer bestimmten Zeit an — sagen wir: von 8 Uhr an — ist jeder Gast sicher, eine Anregung in irgend einer Form zu finden. Es gibt eine Vorlesung, eine Erzählung, einen Vortrag, eine Discussion, ein Concert, eine Ausstellung, eine Interpretation. Natürlich stehen jüdische Fragen an der Spitze, natürlich werden Judenthum und jüdisches Schriftthum in erster Reihe gepflegt. Aber wir sind weit von confessioneller Beschränktheit entfernt Alles Menschliche steht uns nah. Wir ziehen Kunst und Wissenschaft im umfassendsten Sinne in unseren Bereich. Und nun hören wir zwei Fragen: 1. Was für Gäste erwartet die jüdische Toynbee- Halle? 2. Wer soll die Gäste bewirten und unterhalten? Die erste Frage wird von jenen Juden, die das jüdische „Volk" vom Hörensagen und aus einzelnen ewig geldbedürftigen Exemplaren kennen, nicht ohne eine gewisse Beklemmung gestellt. Wir Juden haben eine komische Furcht voreinander. Das ist nicht tragisch zu nehmen: im Gegentheil, es beweist, wie sehr wir uns unserer Zusammengehörigkeit bewusst sind. Einem wildfremden Mensehen weicht man nicht aus,. auch wenn man ihm seine Dürftigkeit ansieht: er hat ja kein Recht, einem heischend nahezukommen. Einem Bekannten in schlechter Kleidung geht man aus dem Weg. Wir Juden hüten uns vor unserm „Volke", weil wir mit Recht fühlen, dass es schlecht ist, ihm die schuldige Hilfe zu versagen. Um einen alten Spruch zu variieren: -Wenn wir nicht für uns sind, wer ist für uns?" Nun denn, diese begreifliehe Furcht vor dem -Volke" ist sehr übertrieben. Unser „Volk" ist arm, sehr arm, aber auch stolz, sehr stolz! Gewerbsmässige Bettler gibts überall, und wir haben ihrer eine unverhältnismässig grosse Zahl, — aber die sind nicht das Volk. Diese Leute werden uns nicht lästig fallen, denn sie betreiben ihr Gewerbe nur Einzelnen gegenüber. Und wenn sie kommen sollten, — das Unglück wäre noch zu ertragen. Aber wir erwarten ganz andere Leute. Wer einmal das Publicum gesehen hat, das sich jahraus, jahrein versammelt und stehend lauseht, wenn unser vortrefflicher Lector Friedniann Bibel und Midrasch erklärt, der weiss, wie viele jüdische Handwerker, Hausierer, Krämer, Schreiber, Makler darnach lechzen, wenigstens einmal in der 'Woche die Tragödie der Vereinsamung in der Grossstadtwüste zu vergessen, sich ein paar Stunden als Glieder eines Ganzen zu fühlen und dem altjüdischen Bedürfnisse nach geistiger Nahrung Genüge zu thun. Diese Juden werden unsere willkommenen Gäste sein, — je zahlreicher, je öfter, desto besser. Und wer soll die Gäste unterhalten? Das soll uns die Londoner Toynbee-Halle sagen. Arnold Toynbec, ein Oxforder Universitäts-Aristokrat mit all der Zurückhaltung, Weltferne und Feinfühligkeit, wie ihn nur die ganz eigenartige englische Gelehrtenstadt an der oberen Themse erzeugt, war der erste, dem es aufdämmerte, dass aller Bildungsdrang und alle Selbstvervollkommnung doch eigentlich recht egoistisch seien, solange die grosse Mehrheit des gemeinen Volkes nicht einmal eine Ahnung hat von der unendlichen Geistes weit, in der sich ein Gebildeter bewegt. Toynbee stieg — ein unermessliches Opfer! — von der Höhe des Universitäts-Aristokraten zum Volke herab und suchte ihm die Herrlichkeit der Cultur zu erschliessen. Er starb viel zu früh (1883); aber seine Anregung war auf fruchtbaren Boden gefallen. Zum Andenken dieses Volksfreundes wurde die Toynbee-Halle in Whitechapel gegründet, die geradezu zum Muster für alle ähnlichen Anstalten geworden ist Toynbee-Hall ist jetzt ein Gattungsbegriff geworden und in alle Gultursprachen übergegangen. Eine Toynbee-Halle ist ein Local, in welchem die Reichen und Studierten mit den Armen und Unwissenden Fühlung suchen, der Boden, auf dem die äussersten Schichten der Gesellschaft sich friedlich zusammenfinden, ein Haus, in dem einer künftigen Ausgleichung der socialen Gegensätze die Wege geebnet werden. Wer aber lockt das Volk in die Toynbee Hall? Freiwillige aus allen Kreisen der geistigen Aristokratie. Der Andrang der Gebildeten zu den Toynbee Hall- Abenden ist sehr gross: es würde dem Leiter der Anstalt nicht schwer werden, für einen und denselben Abend drei Vortragende zu finden. Schriftsteller ersten Ranges stellen sich gerne in den Dienst des Erziehungswerkes, und es ist zu einer Auszeichnung geworden, an diesem Werke theilnehmen zu können. -