Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 42 (19.10.1900)
- Article
- Eine jüdische Toynbee-Halle in Wien
- Date
- 1900-10-19
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 ,Die j£ Welt" Nr. 42 bestanden noch aus Bettzeug, und es blieb mir nur noch übrig, die paar Kopfkissen, die ich für mich und meine Kinder nöthig hatte, zu verkaufen, was ich auch gethan habe. Leider konnte ich für diesen Erlös weder Hauszins zahlen noch Essgeschirr kaufen. Nun will ich eine hochgeehrte „Allianz" fragen, besonders aber Herrn Dr. K atz au: Wenn Sie schon gegen mich nicht so wohlthätig wie gegen andere seinwollten, mir zum Ziele meiner sehnlichsten Wünsche zu verhelfen, mir Reisespesen nach Amerika zu geben, warum waren Sie so herzlos, so unmenschlich, ein unwissendes Weib, eine arme Witfrau mit drei kleinen Waislein mit den Worten irre zu führen, dass die Lage hier für die Juden sich gebessert hat und dass man uns rückkehrende Auswanderer drei Monate lang unterstützen werde? Wo ist das Alles? Warum drohte mir Herr Dr. K a t z a u mit den Worten : „Wenn Sie heute nicht gütlich fahren, so werden wir Sie morgen durch die Polizei abschieben lassen?".... Ich wäre in Wien geblieben und in Dienst getreten, entweder in eine Zuckerbäckerei — das istmeine Profession — oder als einfache Köchin, um dem Hunger zu entgehen. Ich wäre in einer anderen Station in Oesterreich verblieben, wenn nur die Soldaten oder Polizeileute uns nicht begleitet hätten, unter dem Vorwande, sie müssten darauf achten, dass wir uns nicht ins Wasser werfen. Nun aber, da ich in Rumänien bin, bitte ich aus dem Innersten meiner Seele, mich erbarmuhgsvoll diesem meinem Elende zu entziehen und mir zu meinem Berufe behilflich sein zu wollen, indem Sie mir wenigstens 30 ü. für die Einrichtung einer Zuckerbäckerei zur Verfügung stellen . . . Schöndel Catz, Dorohoi (Rumänien.) Epilog zum Pariser Socialisten-Congresse. Von Egon Lederer, Wien. . . . Da sassen sie neben ihren arischen „Genossen", die Jüdischen" Socialisten. Aengstlich spähten sie mit dem Fernglase übers Weltmeer, um unterdrückte, entrechtete Volksindividualitäten zu entdecken und in flammenden Resolutionen gegen die brutale Vergewaltigung dieser Völker zu protestieren. Welcher Völker? Die Chinesen, die Boeren, sie erhielten ihren Antheil von dem Mitgefühle, das die in Paris versammelte Internationalität zu verschenken hatte. „Die brüderlichen Gefühle, die alle Völker umschliessen sollen, nochmals ausdrücklich betonend, gibt der internationale Socialisten-Congress seiner Empörung und tiefsten Verachtung Ausdruck bezüglich der in Armenien verübten Grausamkeiten . .— nur die — Juden giengen leer aus. Die arischen „Genossen" hatten an die Juden vergessen. Aber die jüdischen Socialisten? Büssen denn die Juden etwas von ihrer Sehkraft ein. wenn sie Socialisten geworden sind, oder besitzt der Socialismus der Juden die Wirkung einer Cocain -Injection, welche unempfindlich macht gegen Schmerzen? Vor den Augen der europäischen Menschheit wird ein Culturvolk ausgehungert, fallen täglich neue Opfer moderner Barbarei. Aus allen Erwerbszweigen werden die Geächteten unter dem Gejohle des capitalistischen und proletarischen Mob hinausgetrieben; immer kleiner werden die concentrischen Kreise ihrer Existenzmöglichkeiten: Katastrophen, gleich der rumänischen, bringen Europa — sogar das christliche — in Bewegung, und in Paris sitzen Juden in einem internationalen Rath, dessen Lebenszweck das Glück aller Nebenmenschen sein soll, begeistern sich die Juden für die idealen Forderungen aller möglichen Volksdiminutiva und schweigen den unendlichen Jammer des eigenen Volkes todt? Es läge Heroismus in dieser Selbstentäusserung, wenn sie ehrlich wäre. Nicht, weil Ihr das eigene Leid mit Willenskralt unterdrückt, schweigt Ihr vom Judenelend, — nein, weil Ihr vor Eurem e i g e n en S c h a tt en, vor Eurem Judenthum flieht! Stolze Aristokraten seid Ihr, jüdische „Genossen", welche das Gesicht abwenden vor ausgestreckten Händen und hungerverzerrten Gesichtern. Ihr seht die Elendsten unter der Sonne nicht, weil Dir sie nicht sehen wollt! Ihr, die Ihr den Arbeitsertrag fordert, vergesst an jene, die noch weniger haben, denen sogar das Recht auf Arbeit verweigert wird. Der aufsteigende vierte Stand sondert sich ab von einem fünften, dessen Elend wohl zu gross ist, als dass sich ein regierungsfähig gewordener Socialismus noch mit ihm abgeben sollte. „Bettler aller Länder, vereinigt Euch!" Die internationalen Arbeiter denken Eurer nicht mehr, jüdische Proletarier, seit sie über der chinesischen Cultur die Uncultur der Heimat vergessen gelernt haben. Sie sind zu vornehm geworden für Euch, jüdische Hungerleider, ihr Internationalismus u mfasst Chinesen, Boers, orgauisierbare, gelernte, europäische Arbeiter, nicht aber Juden, nicht Schnorrer gleich Euch! Urtheilt selbst, jüdische Proletarier, was Ihr von der internationalen Socialdemokratiezuer warten habt, die ein grosses Volk, Euer eigenes Volk, widerspruchslos deeimieren, buchstäblich verkommen lässt urtheilt selbst, ob solch ein Zukunftsidea das Eure sein kann. Jüdische Dienstboten.*) Zur Frage der jüdischen Dienstboten ist uns eine grosse Zahl von Zuschriften zugekommen. Alle stimmen darin überein, dass die Initiative, welche die Zionisten in dieser Frage ergriffen haben, auf das Freudigste zu begrüssen sei. Bezüglich der Art der Durchführung dieser jüdischsocialen Hilfsaction werden verschiedene Vorschläge gemacht, die sich im grossen und ganzen auf die Errichtung von Vorbereitungssehulen, Haushaltungs-Cursen, Dienstbotenhäusern (Mägdeheim, Heimatshaus) und Vermittlungsinstituten beziehen. Alle diese Vorschläge sollen nächstens in einem dieser Frage gewidmeten Artikel zusammenfassend behandelt werden. Angesichts des ungemein grossen Interesses, das die Zionisten, insbesondere aber die Zionistinnen, an den Tag legen, lässt sich mit Bestimmtheit erwarten, dass die Angelegenheit bald den Boden theoretischer Auseinandersetzungen verlassen und in ein praktisches Stadium treten wird. Die jüdischen Frauen und Mädchen werden damit vor eine grosse, dankbare Aufgabe gestellt sein. Frau Clara Schiff (Leipzig), die sich mit der Dienstbotenfrage eingehend beschäftigt und selbst eine darauf bezügliche Broschüre verfasst hat, stellt ihre Mitarbeiterschaft für Deutschland zur Verfügung. Herr Dr. Rüben Bierer (Lemberg) übergibt unter anderem folgenden Vorschlag der Discussion: Es sei an die Baron Hirse h'sche Stiftung das Ersuchen zu richten : Sie möge „Oekonomieschulen" einrichten, welche allen jüdischen Mädchen offenstehen sollten, die die nöthige Volksschulbildung besitzen, das Alter von 14—15 Jahren erreicht haben und physisch tauglich sind. In diesen Lehranstalten sollen dann Abtheilungen für die verschiedenen Fertigkeiten im Haushalte, wie zum Beispiel Küchenwesen, Waschen, Weissnähen, Plätten u. s. w., errichtet werden. Dabei soll jedoch auch für die geistige Ausbildung der Mädchen gesorgt werden. Herr Otto Adler (Innsbruck) macht uns darauf aufmerksam, dass gerade jetzt, wo in der „Welt" die Frage der jüdischen Dienstboten discutiert wird, eine Broschüre: „Der Jude in Oesterreich-Ungarn" von J. S e i d 1 auf dem Büchermarkte erschienen ist, in der unter anderem wörtlich zu lesen ist: „Die Jüdin hat nur christliche Dienstmädchen (römisch-katholische) und zahlt sie anscheinend sehr gut. Sie verspricht ihnen 30 Kronen für den Monat und verdirbt sie dafür an Leib und Seele. Bei der Jüdin bekommt das Mädchen (im Gegensatze zu den christlichen Haushaltungen) alles in Geld. Aber, kauft sich ein Mädchen eine Jause, ein Nachtmahl oder ein Brot? Nein, sie wird zum Stehlen *) Vergl. hierzu die Nummern 32, 38. 40, 41.