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Die Welt · 1900-10-05 · 40 (5.10.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
40 (5.10.1900)
Article
Gegenwart und Zukunft der galizischen Juden
Date
1900-10-05
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite $ ,Die & Welt" Nr. 40 politischen Organisation des Antisemitismus sind zahlreich . vorhanden und werden von einem Factor unterstützt, auf den -wir noch später zurückkommen wollen, nämlich von der Uebervölkerung. Galizien ist das dichtbevölkertste' Ackerbauland der Welt. Bei der wenig intensiven Art, in der die Landwirtschaft in Galizien betrieben wird, weiters bei dem Mangel einer anderen grossen producsiven Erwerbsquelle, ist es begreiflich, dass das Land nicht ^älle seine Bewohner ernähren kann. Ein Theil der Bevölkerung ist überzählig, und was liegt näher, als dass dies die Juden sind, die Fremden, deren Heimatsrecht man jedenfalls mit Erfolg, wenn auch nicht mit Recht negieren leann. Diese sich bildende Ueberzeugung von der Ueberzähligkeit der Juden ist der erste psychologische Schritt zum bewussten Antisemitismus. Das Uebrige macht das sociale Gesetz, dass der Kampf ums Dasein sich auf der Linie des geringsten Widerstandes bewegt. Wenn Mangel an Platz herrscht, so vertreibt man den, der am leichtesten vertrieben werden kann und dies ist der Jude. Es muss also das Bestreben der einheimischen Bevölkerung als ganzes darauf gerichtet sein, die Juden aus den von innen schon besetzten wirtschaftlichen Positionen zu verdrängen und sie daran zu hindern, neue zu gewinnen, um sich und dem Nachwuchs freien Platz zu verschaffen. Dieses Interesse der Nation als Ganzes, verbunden mit den Sonderinteressen der einzelnen Bevölkerungsschichten und noch anderen für die Juden wirtschaftlich ungünstigen Momenten, wie die Tendenzen der modernen Volkswirtschaft, die relativ stärkere Vermehrung und noch vieles andere, bildet für das einheimische Bürgerthum ein mächtiges Hilfsmittel in ihrem unmittelbaren Kampfe mit den Juden, so dass der Ausgang nicht zweifelhaft sein kann. Die Lage der Juden ist schon jetzt infolge dieses Kampfes eine unendlich traurige und hat die Tendenz, sich immer schlechter zu gestalten, und ihr Ende ist der Ruin oder — die Auswanderung. Die Haupterwerbsquellen der Juden sind: der Kleinhandel, das Kleingewerbe, Geldgeschäfte, Vermittlungswesen und die sogenannten freien Berufe. Wir werden sehen, wie der Jude eine dieser Erwerbsquellen nach der anderen immer mehr verliert, wie er darau gehindert wird, sich neue zu suchen, wie er langsam declassiert und pauperisiert wird. Der Jude ist eine Stütze der Schlachzizenherrschaft im Lande. Der Schlachziz benützt ihn zur Besorgung seiner politischen Geschäfte, die nicht immer reinlich, aber immer odios sind. Pariert der Jude nicht, so wird ihm die Peitsche gezeigt. Der Schlachziz zieht zu grossen Eutzen aus ihm, um Antisemit zu sein. Er ist wie alles, was im Lande nicht antisemitisch ist, „Asemit." Auf die Vernichtung der Juden auszugehen, Judenexcesse zu billigen, hält er für unzweckmässig und zu compromittierend. Mau muss doch nach aussen den Schein von Christenthum und (Jultur wahren. Aber der Jude soll überall ferngehalten werden, nirgends Zutritt erhalten, denn er vergiftet moralisch das Leben der Nation und ist wirtschaftlich ein Parasit. Bei diesen Anschauungen nimmt die Schiachta keinen Anstoss, sich seiner zu bedienen, aber nur, um ihn auszunützen. Sie sucht ihre Herrschaft im Lande als eine solche hinzustellen, die das Wohl der Bevölkerung immer im Auge behält. Sie muss insbesondere auf die Wohlfahrt des Bürgerthums bedacht sein, damit sie bei ihm seinen Anhang nicht verliere und es nicht dazu treibe, die Herrschaft selber zu übernehmen. Sie kann also, vor die Wahl zwischen diesem und den Juden gestellt, keinen Augenblick zaudern. Diese Stellungnahme der Schiachta ist von grosser Bedeutung, denn sie hat den grössten Einfluss auf die Legislative und die Behörden, und gerade in den Gesetzen, die beschlossen werden, und in der Handhabung der Gesetze durch die Behörden gelangt das Bestreben, den Juden zu verdrängen und zu vernichten, am meisten zum Ausdrucke, während der Hauptkampf, der in den einzelnen, vielleicht kleinlichen Handlungen und Unterlassungen des ailtäglichens Lebens ausgefochten wird, dem gewöhnlichen Auge nicht so klar erkennbar ist. Eine ganze Reihe von Gesetzen richtet ihre Spitze gegen den jüdischen Kleinhandel und gegen das jüdische Kleingewerbe, so das Gesetz über die Sonntagsruhe, über den Hausierhandel, über den Ratenhandel, über das Salzmonopol u. v. a. Aus den Landesfonds, die ebensogut von den Steuei geldern der Juden wie von denen der Christen herrühren, werden Unterstützungen für die „Kölka rolnicze*, für die „narodne wrhowle", für die christlichen Handwerkervereinigungen votiert, Landesbanken fundiert, die nur Christen Credit gewähren und für die galizische Sparcasse garantiert, bei der ein Drittel der Einlagen von Juden herstammen, nichtsdestoweniger kein Jude angestellt und nur in den seltensten Fällen einem Juden Credit gewährt wird. Das Spiritusmonopol wird in einer Weise . gehandhabt, dass der Erwerb aus dem Schankgewerbe, das sich traditionell in Händen der Juden befindet, auf das Minimalste beschränkt wird. Bei den politischen Behörden wird kein Jude aufgenommen, bei Gericht nur in den seltensten Fällen. Bei der Finanzverwaltung werden die jüdischen Petenten von Herrn Koryto wski gefragt, ob sie noch lange Juden zu bleiben gedenken. Bei der Post und den Staatseisenbahnen kann ein Jude auch bei bester Qualification und beim grössten Eifer es nie zu einer bedeutenderen Stellung bringen. Aber nicht nur durch Einwirkung auf Legislative und Behörden unterstützt die Schiachta den Kampf des Mittelstandes gegen die Juden, sie betheiligt sich auch unmittelbar daran. Sie ist das ökonomisch kräftigste Element im Lande. Die polnischen Magnaten, die ihre Capitalien bisher zu geringer Verzinsung in ausländischen Banken locierten, ziehen ihr Geld wieder ins Land und gründen damit Handelsgesellschaften, die eine wirksame Concurrenz gegen die Juden bilden, und Banken, die wieder nur den Christen borgen und das Geldgeschäft den Juden entreissen. Die Mittel des Bürgerthums im Kampfe mit den Juden sind vor allem die Concurrenz und der Boycott. Die Concurrenz setzt auf allen Gebieten des Handels und des Gewerbes ein und wird wesentlich unterstützt durch das Gesetz über die Sonntagsruhe, welches den Juden zwingt, zwölf Stunden länger Geschäftsruhe zu halten. Es werden Organisationen geschaffen, die den Zweck verfolgen, die Juden aus gewissen Positionen zu verdrängen. So sind die „Kölka rolnicze", deren Anzahl über 1300 beträgt, und die „Narodne wrhowle", die über 400 Stationen zählen, bestrebt, den Juden den Lebensmittelhandel in der Provinz und auf dem flachen Lande, der bisher in ihren Händen lag, zu nehmen. Es bilden sich Vereinigungen christlicher Gewerbetreibender, die den Zweck haben, die Juden in dem betreffenden Gewerbe niederzuconcurrieren. Jene Gewerbe, deren Ausübung eine behördliche Concession voraussetzt, werden den Juden immer weniger zugänglich, denn das Concessionswesen wird von den staatlichen und autonomen Behörden in einer Weise gehandhabt, die darauf gerichtet ist, den Juden nur im Nothfaile, und wenn es anders nicht geht, zuzulassen. Der brutale Boycottruf: „Kauft nicht bei Juden!" wird von der antisemitischen Presse und von der Kanzel gepredigt. Der Gedanke des Boycotts beherrscht aber auch die übrige Presse und die ganze Bevölkerung. Es ist bezeichnend für den Geist, der da herrscht, dass ein jüdischer Handwerker in Krakau seine Aufnahme in die Zunft durch Intervention des Ministeriums erzwingen musste. Es ist bezeichnend, dass uie gahzischen Notare, als sid um den numerus clausus petitionierten, offen erklärten, dies zu thun, um den Zufiuss von Juden zu ihrem bisher ziemlich judenreinen ötanüe zu verhindern. Es ist bezeichnend, dass sich die Benennung „handel chrzescijanski", christliches Geschäft, immer häufiger auf den Schildern und in den Reclamen cnristücner Geschäftsleute wiederholt. Der Bauer bringt seinen altererbten Hass durch gelegentliche Judenexcesse zum Ausdrucke. Dies ist aber unpraktisch, denn schliesslich, nachdem genug Juden geplündert und geprügelt worden sind, schreiten die Behörden doch ein. W'euaus praktisch wirksamer, wenn auch weniger den lnstincten der Bauernschaft entsprechend, ist der wirtschaftliche Boycott. Das Schlagwort: „Kauft nicht bei Juden!" in die breiten Baüernmassen zu tragen, hat die Geistlichkeit übernommen, die auch sonst dem Antisemitismus überall Vorschub leistet. Am eindringlichsten ertönt der Ruf: „Kauft nicht bei Juden!" von der Kanzel hinab. Der Samen ist auf fruchtbaren Boden gestreut und wird seinerzeit Früchte tragen. Die traurige Lage der Juden in Galizien lässt sich im Wesentlichen auf den geschilderten wirtschaftlichen Kampf zurückführen, doch sind für die Beschleunigung und Verallgemeinerung des Pauperisierungs- und Declassierungsprocesses nocn andere Momente mitthätig. Die Juden betreiben Kleinwirtschaft in veralteten, traditioneilen Formen. Speciell das Vermittlungswesen von Mann zu Mann, und das unorganisierte Geldgeschäft von Mann zu Mann, können in einer Zeit der grossen Vermittlungsbureaux, Annoncen und Banken nicht Stand halten. So sind diese zwei der hauptsächlichsten Erwerbszweige der gaiizischen Juden dem sicheren Untergange geweiht, denn es ist die Tendenz der modernen Volkswirtschaft, den Grossbetrieb auf Kosten des Kleinbetriebes, der nicht auf der Höhe der Zeit steht, zu fördern. Das V erbot des Wuchers, vom Standpunkte der Moral auf's freudigste zu begrüssen, ist eine schwere wirtschaftliche Schädigung, denn man hat den Juden eine Erwerbsquelle in einer Zeit genommen, in der sie nieht die Möglichkeit haben, andere, moralischere an ihrer Stelle zu suchen. Es ist von grösster ökonomischer Bedeutung, dass

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