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Die Welt · 1900-10-05 · 40 (5.10.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
40 (5.10.1900)
Article
Gegenwart und Zukunft der galizischen Juden
Date
1900-10-05
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9. zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heiter. Oer Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 DolL 40 GL_ Nr. 40. Wien, 5. October 1900. 4. Jahrgang Da Ende September viele Abonnements abgelaufen sind, wird um rechtzeitige Erneuerung gebeten. Geldsendungen aus Russland erfolgen am besten in recommandierten Briefen. Papiergeld aller Staaten wird in Zahlung angenommen, anstatt kleiner Münzen wolle man Briefmarken beischliessen. Gegenwart und Zukunft der galizischen Juden. Von Alexander Hausmann. In Galizien hatte es wie im übrigen Polen lange Zeit keinen autochthonen Bürgerstand gegeben. Die Entwicklung des Stadtewesens hatte spät begonnen und wurde jäh durch die Mongolen- und Tartareneinfälle unterbrochen. Es fehlte der Mittelstand, der social und wirtschaftlich das Mittelglied zwischen Schlachta und Bauer gebildet, den Güter- und breldverkehr besorgt und sich mit der Erzeugung von Gewerbeproducten befasst hätte. Die polnischen Könige und Fürsten suchten dem Uebel, das dadurch entstand, in der Weise abzuhelfen, das sie deutsche Colonisten ins Land beriefen, ihnen Grund und Boden umsonst einräumten und das Privilegium verliehen, nach eigenem Rechte leben zu dürfen. Angelockt durch diese Begünstigungen immigrierten Vieiem tecbe nach Polen» bauten die von den Mongolen und Tartaren zerstörten und eingeäscherten Städte wieder auf und legten dadurch dln Keim für ein späteres Bürgerthum. Diese deutsche Colonisation war viel zu schwach, Um u AufSabe» <üe ihrer waYtete, ganz und ungetheilt ubernehmen zu können. Es blieb eine Lücke und in diese traten die Juden ein. Den Juden brauchte man nicht anzulocken. Er kam selber und bot noch Geld, froh, eine -cAifiuchtstätte vor den Verfolgungen der Zeit der Kreuzzüge und ihrer Nachwehen gefunden zu haben. Die polnischen Könige begünstigten die Duldung der Juden, denn der Kopfzins, den diese dafür zahlen mussten, bildete eine betrachtliche Einnahmsquelle. Der Schlachta, die immer ni®5r -Privilegien und Einfluss gewann, so dass sie sich bald zu dem einzigen vollberechtigten Stand herausbildete, war der einheimische Bürger ein Dorn im Auge. Sie suchte ihn, wie alles, was ihre Macht einengen konnte, zu unterdrucken, ihm seine Rechte zu nehmen oder wenigstens bedeutend einzuschränken. Dafür aber bediente sie sich gern des Juden, denn dieser war rechtlos und ganz in ihren Händen. Mit ihm konnte man machen, was man wollte. Der Jude war der Vermittler zwischen Schlachta und Bauer. Er leitete als Pächter.und Propinator auf dem flachen Lande den Ertrag in die Taschen der Magnaten und der Schlachta herüber. Sie pressten aus ihm so viel Geld, als nur möglich war, und er seinerseits war gezwungen, sich an dem Bauer schadlos zu halten. Dies hat ihm den Hass der Bauern eingetragen. Er musste in den Kosaken- und Bauernaufständen mit Blut und Habe dafür Düssen, und dieser Hass vererbte sich bis auf den heutigen Tag, wo er, geweckt durch eine gewissenlose Hetze, seinen erschreckenden Ausdruck in den Excessen der letzten Jahre fand. Weiters lag der Geldverkehr, fast der ganze Handel und theilweise auch das Gewerbe in den Händen der Juden. Die Polen behaupten, dass wir ihnen zu einer besonderen Dankbarkeit verpflichtet sind, weil sie uns zu einer Zeit, wo wir überall verfolgt und verjagt wurden, Aufnahme und Schutz gewährten. Dies ist nur mit der Einschränkung richtig, dass man uns in Polen ebenso gut hasste und verachtete, wie irgendwo anders, und dass man uns nur deshalb duldete, weil man uns brauchte, weil wir den fehlenden Mittelstand ersetzten und die Lücke im wirtschaftlichen Leben ausfüllten. Nur aus Momenten politischer und socialer Natur erklärt sich die beim sonstigen Schicksale der Juden befremdende Thatsache, dass die Juden in Polen durch eine lange Zeitperiode nicht nur geduldet wurden, sondern sich auch in einer relativ ziemlich günstigen Lage befanden. Dieser Zustand dauerte bis ans Ende des XVIII. Jahrhunderts. Im Laufe unseres Jahrhunderts beginnt eine langsame, durchgreifende Aenderung, deren Endentwicklung in unseren Tagen vor sich geht. Im letzten Jahrhundert des unabhängigen Polen hatte die Türken- und Tartarengefahr. welche das störendste Hindernis in der Entwicklung des Städtewesens in Galizien war, aufgehört. Bei der Theilung Polens fiel Galizien an Oesterreich. Dieses hatte kein Interesse, die Vorrechte der Schlachta zu wahren. Im Gegentheil, es suchte den Bauern und Bürger gegen den Adel, dei ein Herd revolutionären Geistes war, auszuspielen. Das Bürgerthum wurde dadurch zunächst von der drückenden Präpotenz der Schlachta befreit und erlangte dann, als der Constitutionalismus in Oesterreich seinen Einzug hielt, die Gleichberechtigung und Mitwirkung an der Gesetzgebung sowohl des Staates als auch des Landes. Durch diese Umstände begünstigt, hatte sich langsam, stetig an Grösse und Bedeutung zunehmend, ein einheimischer ßürgerstand herangebildet, der nicht nur imstande, sondern geradezu daraufangewiesen ist, die Aufgaben, die der Jude bisjetzt er füllte, selber zu übernehmen. Der Jude hat auf einmal niemand mehr zu ersetzen. Seine sociale und wirtschaftliche Function wird hinfällig, Er ist nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich, denn er hat jene Berufe inne, die die Erwerbsquellen der neuen Bourgeoisie hätten bilden sollen. Er verliert seine Existenzberechtigung im Lande, und um seine Existenzmöglichkeit muss er einen Kampf auf Leben und Tod mit dem autochthonen Mittelstande aufnehmen. In diesem Kampfe steht auf Seite des Letzteren, was im Lande Macht und Bedeutung besitzt, während wir höchstens durch Jahrhunderte lange Uebung und Zucht erworbene persönliche Qualitäten vorhaben, die uns zum wirtschaftlichen Kampfe besonders befähigen. — Dies alles geht nicht in bewusster Parteibildung vor sich. Es gibt in Galizien noch keine grosse antisemitische Partei, die bewusst die wirtschaftliche Vernichtung der Juden als ihr Programm proclamiren würde, aber der Vernichtungskampf existiert thatsächlich und die Ansätze einer

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