Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Article
- Gegenwart und Zukunft der galizischen Juden
- Date
- 1900-10-05
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 .Die 2& Welt*' Seite 3 die Juden sich weitaus stärker vermehren, als die Nichtjuden, und dass die Anzahl der Kinder unter 15 Jahren und der Greise über (30 Jahre, also der Erwerbsunfähigen, grösser ist als bei den Christen. Die jüdische Familie ist zahlreicher, und schon dadurch ist der jüdische Familienvater im Kampfe ums Dasein dem nichtjüdischen gegenüber im Nachtheil. Bs vermehrt sich die Anzahl der zu Erhaltenden absolut und relativ, die Anzahl der Erwerbsfähigen ist eine relativ geringere und die Anzahl der Erwerbsmögiichkeiten verringert sich relativ und vielleicht sogar absolut. Die jüdischen Berufe werden von Juden übersättigt und die Folge ist eine Concurrenz zwischen den Juden untereinander. Das Gefressenwerden ist leichter, wenn inau sich untereinander frisst. Der Kampf um's Dasein nach aussen wird erschwert durch die innere Schwächung. Von gewisser Seite wird eine Besserung der Lage der Juden in der Zukunft erwartet. Mau sagt mit Recht, dass das Hauptübel des gegenwärtigen Zustandes darin liege, dass der Jude aus den bürgerlichen Berufen herausgeworfen, überhaupt berufs- und erwerbslos wird, dass es nichi wie anderswo einen Uebergang gibt vom Kieinbürgerthum zum Proletariat, zur Arbeiterschaft, sondern, dass der Jude direct Lumpenproletariat-, .Pauper wird. Dies werde sich ändern, sobald eine Industrie in Gaiizien entsteht. Die Voraussetzungen für das Entstehen der Industrie, Kohle, billiges Arbeitsmaterial und Cousumenteu — die zwar nicht sehr kaufkräftig sind, es aber durch ihre Masse ausmachen — sind vorhanden. Das Arbeitsmaterial der künftigen Industrie werde der Jude sein. Die Proletarisierung werde die Basis für eine weitere wirtschaftliche Existenz bilden. Die Deute, die dies sagen, machen wieder die Rechnung ohne die einheimische Bevölkerung. Wir haben schon früher erwähnt, dass Galizien übervölkert ist. Es bildet sich ein von Jahr zu Jahr steigender Ueberschuss der Landbevölkerung, für die es im Lande weder Boden noch Arbeit gibt. Dieser Ueberschuss wandert jahrjährlich im Frühling und im Herbst zu Zehntausenden naeti Deutschland, Russlanü und Rumänien nach Arbeit aus, und wird sich, wenn durch die Industrie eine Arbeitsgelegenheit im Lande geschaffen wird, mit aller Energie auf sie werfen. Andererseits ist die grosse Masse der declassierten Juden gezwungen, in den Arbeitsniarkt einzutreten. Die durch das ungeheure Angebot schon ohnehin gedrückten Preise werden durch die Juden noch mehr gedrückt werden. Alle massgebenden Factoren, insbesondere die Verwaltungsorgane, das kaufende Publicum werden darauf dringen, das» in den Betrieben vor allem der einheimische Bauer beschäftigt werde. Die Bestimmung der Sonntagsi uhe, derzufolge in Betrieben, in denen überhaupt Christen angestellt sind, wenn auch nur einer, nur die Sonntagsruhe stattfinden kann, wird auch den judischen Industriellen zwingen, hauptsächlich Christen aufzunehmen. Der Jude wird in den seltensten Fallen Arbeit finden und nur, wenn er unter das Lohnmiuimum heruntergeht. Im Kampfe der Arbeiterschaft gegen die Aasbeuter wird er der -eroieren in den Rücken fallen, denn das Lumpenproletariat ist der gefährlichste Feind des Proletariats. Der Kreis dex unmittelbar gegen die Juden Kampfenden, der bisher auf das Bürgerthum beschränkt war, wird sich auf die grosse Masse der Arbeitenden überhaupt erweitern. Die Idee der Solidarität aller .Nothleidendeu und Ausgebeuteten wird vor den Thatsachen zurückweichen, und gerade die Organisationen der Arbeiter, die Gewerkschaften, werden mit aller Energie und Rücksichtslosigkeit gegen den jüdischen Lohndrücker auftreten müssen. Nirgends hat der Antisemitismus so eine Zukunft, wie in Calizien, denn er muss mit eiserner Consequenz die ganze Nation ergreifen. Der Druck auf die gaiizischeu Juden wird sich masslos steigern, die Auswanderung nach den westlichen Provinzen m erschreckender Weise zunehmen und dadurch die precare Lage der dortigen Juden eine unhaltbare werden. Die wirtschaftliche Krisis der Juden des Ostens ist der Ausgangspunkt der k allgemeinen Krise der Juden, die vis movens, dLe zum Zionismus, auch nach Misserfolgen, immer wieder greifen lässt, denn es gibt nur einen Ausweg aus der Zwangslage — den Juuenstaat. Und wenn der Judenstaat niemals Wirklichkeit werden wird, dann gnade uns Gott vor all dem Elend und der Verzweiflung, die unser wartet! Die englischen Wahlen und der Zionismus. Aus London erhalten wir von vertrauenswürdiger Seite folgende Mittheilung: Sechzig englische Parlaments~^anclidaten haben sich für den Zionismus erklärt und sind bereit, ihn im Parlamente zu unterstützen. Dieselben gehören allen Parteilichtungen an. Besonders bemerkt zu werden verdient, dass drei Juden, Mr. ß. S. Strauss, liberaler Candidat für St. Geogesin-the-East (London), Sir Israel Hart, liberaler Candidat für West-Hackney, der bereits viermal Bürgermeister von Leicester war, und Mr. Herbert H. Raphael (Chef des grossen Bankhauses Raphael), liberaler Candidat für Derbyshire, sich ausserordentlich warm für den Zionismus aussprechen. Von nichtjüdischen Namen seien hervorgehoben: Sir E. Ashmead B a r 11 e 11 (ein persönlicher Freund des Sultans), Mr. Abrahams, Führer der wallisischen Bergarbeiter, Mr. Lionel Holland, dessen Vater ein Mmister-Portefeuille innehatte, Sir Joseph S a v o r y, früherer Bürgermeister von London, und Mr. Laudry, ein Socialist, der von den Liberalen candidiert wird. Auch haben sich nahezu sämmtliche Londoner Candidaten für den Zionismus erklärt. Der Tag des Vergessens. Von Dr. A. N. Unser Volk ist das classische Volk der Erinnerung; ein wandelndes Alterthum wurde es genaant, es ist mit mehr Recht eine wandelnde Geschichte. Mit seinem schweren, schleppenden Schritte, den ihm Hass und Bedrückung zur Gewohnheit gemacht haben, wandert es, ein grosses Buch in der Hand, durch die Welt; das Buch ist das Tagebuch seiner Erinnerungen. Es enthält zwei Rubriken; in der einen werden die traurigen, in der andern, welche eine erschreckende Leere aufweist, die heiteren Ereignisse seines Lebens verzeichnet. Mit drückender Schwere lastet diese gewaltige Bürde der Erinnerung auf unseren Schultern. Unsere Seele krankt daran. Die Erinnerung bleicht uns das Haar und beugt uns den Rücken, sie nimmt unserer Haltung die Kraft und die Ruhe, trübt die Lebensfreude der Jugend, stört die behagliche Ruhe des Greises. Bei uns lernt schon das Kind weinen um seines Volkes Los und Geschick. Ich denke zurück. Ich bin sechs Jahre alt, da sitz' ich in einer dunklen Stube auf der Erde, die Seele noch voll von den eintönig düsteren Takten des Echah-Liedes, das ich eben in der Synagoge gehört, und da höre ich wieder aus einem grossen, dicken Buche vorlesen, in dem mit ergreitender Realistik die Greuel- und Marterscenen, die die Geschichte der Belagerung Jerusalems ausfüllten, geschildert werden. Dieser neunte Ab wird mir nie aus uer Erinnerung schwinden; ich erfuhr schon damals, welch' denkwürdiger Tag das sei für die Unglücksgeschichte unseres Volkes, au dem zweimal unsere nationale Selbständigkeit vernichtet, an dem der Aufstand des Helden Bar- Kuchba durch dLe Erstürmung von Bethar unterdrückt, an dein endlich die Juden aus Spanien vertrieben wurden. Oh, gewiss, es war selbstverschuldet, dieses Los des jüdischen Volkes, und es musste büssen diese Schuld, jahrtausendelang; denn jede Schuld rächt sich auf Eiden. Kaum dass ich lallen konnte, da klagte icli schon: „Und infolge unserer Sünden sind wir von unserem Lande verbannt. . ich verstand es noch nicht, als ich es, fünf Jahre alt, sagte; aber als ich es begriff, musste es nicht erschreckend, lähmend aut das zarte Gemüth des Kindes wirken, das so wenig noch von Sünde, Schuld und Vergeltung weiss? Und so bohrt es sich ein in das Gemüth des Kindes, das Schuidbewusstsein. Da hört es nicht lange darauf, einen ganzen Monat hindurch, ganz neue, geheimnisvolle Töne erschallen; es wird ihm zur Pllieht gemacht, in all diesen Tagen das „Schofarblasen'" zu hören, man sagt ihm, dass es an diesen Tagen andächtiger beten müsste; sie sind die Vorbereitung für den Tag der Erinnerung, da Gott zu Gericht sitzt und die Sünden der Menschenkinder zählt.