Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Article
- Jom Kippur im Walde
- Date
- 1900-09-28
- Page
- 12 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Die 2$ Welt" Nr. 39 schlag herbei, als . als Strafe für eine Sünde, die ihm keine Sünde war. Drüben wurde eine neue Lage angeschleift. Einer von den Schwarzköpfen — übrigens ein schmucker Junge mit dunklen, lebhaften Augen — stiess mit seinem Gegenüber an. Er setzte schon das Glas an die Lippen. Aber er trank noch nicht. „Wir wollen nochmals anstossen!" — „Aber ■warum denn?" — „Doppelt hält besser!" Er stand unvermuthet auf. strich seinen schwarzen Schnurrbart in die Höhe. Alle dachten, es gibt eine Rede und wurden still. Er hob sein Glas empor und rief mit ruhiger, kräftiger Stimme: „Ich komme der verehrlichen Corona einen kräftigen Schluck — auf jnite? Fasten!" Ein polterndes Gelächter dankte für diesen Witz . . . Das war zuviel. Willy war aufgesprungen. Sein Gesicht war wie entstellt. Zwei dicke, blaue Adern traten auf seiner Stirn hervor. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen hervorzuquellen — flammende, wüthige Augen . .. Mörderaugen. Er hielt sein Seidel krampfhaft am Henkel gepackt. Er hätte auf den Kerl losgehen mögen und ihm den Schädel einschlagen wollen. Aber er war wie eingewurzelt. Er wollte sprechen, schreien; er schluckte; er würgte sich fast an seinen Hassworten . . . Ueber die Lippen bekam er keine Silbe. Mit einer ungeheuren Willensanstrengung zwang er sich auf seinen Stuhl nieder. Der Schweiss perlte ihm in grossen Tropfen auf der Stirne. Er fauchte wie ein Asthmatiker ... Und der Sturm verebbte. Leise flüsterte er vor sich hin: „Pfui! Grabschänder, Grabschänder! . . . Komm,Fritz, wir wollen gehen!" Fritz nahm seinen Freund unter den Arm. Er hatte ihn noch nie in solcher Leidenschaft gesehen. „Sei doch vernünftig! Was hat denn das für einen Sinn, sich so aufzuregen. Lächerlich. Dazu sind wir doch nicht hierher gekommen." * * * Wie im Schlafe liegt das Herbstgelände weit umher. Nur die Wipfel rauschen und wogen — eintönig, fast traurig wie ein abklingendes Grablied. Immer tiefer giengen die beiden Freunde ins Gehölz. Der enge Fussweg, den sie schritten, verlor sich bald. Die hohen Fichten drängten sich aneinander und zwischen durch niedriges Gesträuch und absterbende Farren. Vertrocknetes Geäst lag rings umher, zerstreut oder in Häufchen, wie sie der Wind auseinander- oder zusammengefegt hatte. Es knisterte und raschelte und krachte, wenn sie darüber hinwegschritten. Weit hinten die blutigrothe, grosse Sonnenscheibe — ohne Wärme und Feuer. Man sah oft nur ein Kreisstück. Oft quoll sie ganz hervor in ihrer matten Schöne, wo das Gehölz sich lichtete. Hie und da lugte nur ein breiter Schein durch die Wipfel, und müde Strahlen krochen an den Stämmen empor, dass sie mit gelben und rothen und goldigen Flocken besprengt schienen. Langsam stieg das Gelände an. Dann gieng's wieder hinab und wieder herauf. Auf einer kleinen Anhöhe blieb Fritz stehen: Ein wunderbares Stück Erde. Vor ihnen standen die Bäume zur Seite und durch das hohe . Farrengestrüpp Schimmerte blau und grau der Tegler-See. „Wollen wir uns nicht hier hinsetzen?" sagte Fritz. „Ein herrlicher Ausblick." Er sah seinen Freund fragend an. Sie setzten sich. Willy auf den höchsten Punkt, den Rücken an eine leicht schwankende Föhre gelehnt. Fritz weiter unten, wo das Gelände mählich abstieg. . Sie sogen das stille, kostbare Bild in ihre Seele. Vor ihnen das volle brennende Rund der Sonne, die Spitzen der Bäume und Büsche am anderen Ufer in flammendes Roth tauchend. In zackigen und welligen Linien spiegelte sich ihr Bild in dem leise sich wiegenden See. Eine schläfrige Stille hockte über dem Wasser.. . Blau und grau und eben. Nur wenn der Wind etwas heftiger über die Fläche strich, ein zartes Wellen. Dann und - wann glitzert ein Punkt auf. rasch verschimmernd. Die Föhren rauschen und nicken. Eine Welle bricht sich am Ufer. . . ein leises, zitternd verhallendes Plätschern, wie ein Seufzer im Schlaf. . . „Wenn man dieses Waldidyll um sich fühlt — meinte Willy — versteht man einen schönen Vers von Keller. Ich muss daran denken." „Ich weiss nicht, welchen Du meinst. Und von Keller — ich begreife das nicht. Der Mann mit dem trockenen germanischen Humor." „Es ist ein Vers aus seiner ersten Zeit, als er noch nicht festgefugt stand, von oben die Welt belächelnd. Damals als er voll Unrast und ringend hier oben war, ein Werdender mit der dumpfen Furcht, zu versinken — damals besang er den Tegler-See. Die Strophe geht so; wenigstens so ungefähr: „Fühlst nach der Heimat Du das Weh, Dich, Menschensohn durchschauern . —" Willy sprach die Worte langsam, als ob sie mühsam eines nach dem andern aus der Tiefe seiner Seele herausklömmen. Sein Blick verlor sich im Unendlichen. „Fahr auf dem nordischen Geistersee, Dort ist es schön zu trauern." — „Sehr fein," sagte Fritz. „Aber dass Keller diesen Vers geschrieben hat, seltsam. Ich hätte ihm das nicht zugetraut. Und Du--so was merkst Du Dir: nun. Sehr charakteristisch." — „Vielleicht," erwiderte Willy. Uebrigens habe ich mir die Strophe nicht gemerkt. Ich wundere mich selbst, wie mir das Ding jetzt einfiel. Das hat sich mir ohne mein Wissen in meine Seele ... geschlichen." Sie wurden wieder still. Fritz hatte sich umgewendet. Er lag auf dem Bauche und stüzte seinen Kopf in beide Hände. Unverwandt blickte er seinen Freund an, jede Miene, jede Falte, jeden Schatten auf Willys Gesicht betrachtend, verfolgend . . . bejammernd. Fritz wagte nicht zu sprechen. Er sah, dass Willy sann. Er fühlte, dass er weinte, dicke, bittere Thränen in sich hinein ... Nach einer langen Weile — Willy schien ruhiger; er musste in sich einen Sturm niedergebeugt haben — wagte Fritz eine Frage. Sie brannte ihm auf den Lippen. Er musste sie 'runter haben. „Willy!" — „„Was denn?"" Er hatte unverwandt ins Weite gestarrt; jetzt sah er zu Fritz nieder. „Willy! Ich muss Dich was fragen. Was sollte das vorhin mit den Grabschändern heissen. Ich empfinde ja so dunkel, was Du damit hast sagen wollen. Aber ich verstehe es doch nicht recht. Du weisst docb, als wir aus dem Restaurant giengen. Vorhin." Willy zuckte zusammen. Seine traurigen, düsteren Züge umschatteten sich noch mehr — sie wurden noch trauriger. Nicht jene Trauer an frischen Gräbern, wenn etwas Liebes in die Erde sinki und die Schollen auf die Bretter fallen und dumpf erdröhnen . . . Jene Trauer, die nachklingt nnd nachbebt, wenn man verwunden, wenn die Schaufelstiche und das Schollenkollern ans Ohr dringen, wie aus ferner, ferner Weite ... Er schloss die Augen. Ein Seufzer quälte sich empor; er svfchte ihn zu verbergen. Willy raffte sich zusammen; er wollte es nicht zeigen, dass er sich seinem Leide ganz hingab. Sein müder, vergrämter Blick ruhte auf seinem Freunde: „Weisst Du?! Ich rede nicht gern davon. Ich hab' überhaupt darüber noch nicht gesprochen. Ich hab' ja auch nie darüber nachgedacht, dass ich sprechen könnte. Das Wort schoss mir fast über die Lippen, als ob es sich immer in mir, in einer Schicht, wo die Sonne nie hineinfällt (und mit bitterem Lächeln), wo ich noch nie Haussuchung hielt, zusammengeballt hätte aus allerlei Empfindungen, die mich manchmal peinigen, aus Gefühlen, die ich mir geschaffen, die in mir liegen und schlummern und wachsen. Alte, tausendjährige Keime .. . Ich weiss nicht, wie ich's nennen soll, Dafür kenne ich kein Wort. Es ist so, wie ein betäubender Duft... Grabblumenduft oder so was .. . Leichengeruch. Mir kommt's so vor, als seien wir Juden ein Friedhof — ein wandelnder Friedhof. Und da wollen wir hinaus. Wir hämmern mit Fäusten und Füssen gegen die erdige Hülle. Und hat sie einer gesprengt, dann laufen die Gräber uns nach, und ein flehender Ruf hallt heraus und bittet und weint und — lockt. Wir werden des Lichtes nicht froh. Wir sind nicht mehr im Grabe — aber wir sitzen neben den Grüften. Aber dort warten wir ruhig und einsam. Der Sturm rast vorüber — und die Seele bleibt dunkel — aber ruhig . .. Oft, wenn ich in meiner Bude sitze und arbeite, verloren in den Büchern, kommt's über mich. Ich verstehe keine Zeile. Ich lese 'nochmals und nochmals und immer wieder denselben Satz, dasselbe Wort. Ich verstehe nichts. Als ob ich betäubt wäre . . . Dieser Grabblumen duft. . . Wie ich ihn hasse! Und doch — es macht mich so leicht. Stille Zauber tanzen um mich. Alte Weisen erklingen — ein Träumen und Sehnen umfliegt mich. Und immer bleibt alles umher schwarz und finster ... Gräber." Er wurde still. Nervös bohrte er mit seinem Stocke im Erdreiche umher und ritzte wirre Striche in den Boden. „Siehst Du! Das war es; das hat mich aufgewühlt, wie ich das Treiben jener Leute sah . . . Ich begreife . . . Ich fange wenigstens an zu begreifen . .. Mit den kleinen Kindern ist's auch so. Wenn sie sich ängstigen in der Dämmerstunde — die Lampe brennt noch nicht. Schatten huschen gespenstig durchs Zimmer, und die Gegenstände verlieren ihre Grenzen — dann drängen sich die Kleinen an ihre Mutter und drücken sie und herzen sie und fangen an zu lachen, krampfhaft zu lachen und schlingen sich um ihren Hals und sagen wohl: „Ich hab' Dich ja so lieb . . ." So ist's auch mit jenen. Die Furcht vor der Gruft, vor der