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Die Welt · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
39 (28.9.1900)
Article
Jom Kippur im Walde
Date
1900-09-28
Page
11 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39 „Die j$ Welt" Seite 11 — so überhaupt! — die könnt ihr brauchen. Na, aber Schwamm drüber. Prost!" Willy stiess mit ihm an und gab ein mürrisches „Prost" zurück ... „Wie wärs denn nun, wenn wir was ässen? Sie Mann, sagen Sie mal, was gibt's denn heut*?* „Suppe, Kalbsbraten und Schweinefleisch." „Na, da bringen Sie mal her." „Mir können Sie auch so ein Kleines bringen. Aber Schweinefleisch .. . Dies mag ich nicht." Der Kellner zog ab. Fritz sah seinen Freund von der Seite an, ein elend-boshaftes Schmunzeln um die Lippen. Er sagte aber nichts. Willy merkte wohl, wie jener sich freute und — wie entschuldigend! — meinte er: „Ich hab' heut' keinen Appetit auf Schweinernes. Sonst ess" ich's ganz gern . . Der ganze Tag war ihm verpfuscht. Sein Sinnen und Fühlen bewegte sich heute in einer Richtung. Dass aber heute gerade so alles über ihn herfallen musste! Es war geradezu ein Complott. Die Confection und Fritz, der immerfort verglich und fand und predigte. Sollte der sich heute gerade darauf versteift haben, ihn zu quälen und ihn an zartester Stelle zu verletzen! Das that er doch nie und warum sollte er denn das auch thun? Und heute? Oder war er selbst heute ein anderer? Empfanglicher für manches, das ihn sonst nicht traf! Er sah heute feiner und hörte auch vieles, was eigentlich nicht gesprochen wurde. Oder suchte er heute was besonderes? Darüber dachte er nach. Er spielte mit den Zündhölzern. Er zündete das und jenes an, um es gleich zu verlöschen. Aber er starrte in die kleine Flamme, bis sie verlosch . . . Wie die Flamme aus der schwarzen Kuppe mattgelb herauszischt. So, nun flackre nur! Der Holzdraht biegt sich und windet sich. Und vorne wie ein Auge das noch glühende Köpfchen. Die Flamme kriecht weiter. Wie armselig ist doch Dein Schein. Die Sonne ist herbstlich und doch so leuchtend .. . Du! willst mir die Finger verbrennen? . . . Fe! Jetzt ist's aus . . . Wie schnell. Und damit kann man Städte zerstören ... Du stirbst so schnell .. . Seine Züge waren schmerzlich verzogen. Die Gedanken hetzten einander. Er litt. Er konnte kaum die Augen ge— öffuet halten. Seine Lider waren ihm so schwer . . . Papa wird sich grämen ... Er rieb sich die Stirn und die Augen. Die Stuhllehne krachte, so reckte er sich ... Er dachte nach ... er überlegte, worüber er eigentlich eben nachdachte. Aber er dachte doch nach und grübelte. Er eigentlich nicht. Etwas oder jemand in ihm," das grübelte nach und forschte. Und er suchte einzudringen und den Schleier zu lüften. Aber vergeblich. Ein leiser Wind strich über das Gelände, dass ein heiliges Raunen und Rauschen durch die Wipfel zog. Willy bückte durchs Fenster. Die stolzen Fichten 1 Er wollte sich aolenken. Wie munter die Zweige sich regten und die Blätter. Er lauschte auf das kosende Gespräch des Waldes. Er lauschte — aber es riss ihn fort. Ins alte, schwarze Grübeln. Er hätte aufschreien mögen, wie ein Ertrinkender. Ja, er ertrank. Er ertrank und sank in die Tiefe .. . ---»Ach, Gott! Fritz, ich bin müde." * * Der Kellner richtete das Mahl. Fritz war ihm behilflich, und auch Willy that so, als lückte er die Tischdecke zurecht. Aber, wo er anfasste, wurde alles faltig. Da liess er es bleiben. „Bringen Sie mir eine Seiter." Das eiskalte, prickelnde Nass machte ihn frischer und munter. Er rieb sich die Augen, als ob er geschlafen hätte. Die Sonne lachte durchs Fenster. Auf dem Linnenzeug tanzten die Strahlen und kletterten die Suppenschüssel empor und guckten neugierig hinein — ein neckisches Spiel. Willy verfolgte es und freute sich wie ein Kind. „Du, die Suppe schmeckt famos. Was? So ein Teller Bouillon mit Nudeln ist doch ein flüssiges Gebet" — „Potz Wetter, bist Du feierlich," sagte Fritz, „na, ja, heute habt ihr ja Feiertag." Willy verzog das Gesicht, als hätte ihm jemand auf die Füsse getreten. Er ass weiter. Ohne Appetit. Er sagte nichts. Vor der Thür ein wirres Durcheinander von Stimmen. Auch Frauen schienen im Schwarme zu sein. Dieses schrille Lachen in den hohen Tönen mit frechen, fast verletzenden Accenten . . . Es war eine Gesellschaft von zehn Personen. Fünf Pärchen. Sie schienen sich schon vorher angemeldet zu haben. Auf der anderen Seite des Restaurantzimmers war bereits serviert. Mit lautem Geplauder kamen sie herein. Als sie noch andere Gäste sahen, wurden sie plötzlich ganz ruhig- Nur für wenig Minuten. Dann gieng das Gespräch von neuem an. Die Damen freilich thaten auch jetzt noch manierlich. Willy erkannte einige der Herren wieder. Es waren die jungen Leute aus dem Pferdebahnwagen. Er empfand es wie einen Schmerz! Aber schliesslich — warum sollten die denn ihren freien Tag nicht auch im Grünen zubringen. Was dem einen recht ist . . . Sie sprachen von einem Bekannten, der den Ausflug hatte mitmachen wollen. _ „Ja, denkt Euch mal, ich komme also heute so zu ihm, so gegen 8 Uhr. Er lag noch im Bette. (Die Damen fingen an furchtbar zu lachen.) Ich sage zu ihm: Na, mal zu. Die anderen fahren mit der Pferdebahn. Wir wollten ja mit der Ringbahn fahren. Es ist höchste Zeit. Er aber regt sich kaum; ich warte und warte. Wird's bald?! rufe ich. — Ja gleich. Er hebt sich wirklich auf und setzt sich auf die Bettlehne. Und da bleibt er wieder sitzen. Mir ward die Sache zu bunt und ich frage ihn ganz entschieden: Willst Du nun mitkommen oder nicht? — „Wenn ich offen sein soll — sagte er — ich habe wenig Lust." Ich denke, ich falle auf den Rücken. „Aber was hast Du denn?" — „Ich bin heute nicht bei Stimmung." „Mit einemmale!" Na, was soll ich sagen, ich rede auf ihn ein, was ich nur kann. Er zuckt mit den Schultern und sagt ganz kühl: „Ich gehe nicht mit." — „Aber was willst Du denn heute thun?" — Er macht ein ganz ernstes Gesicht. So habe ich's bei ihm noch niemals gesehen. „Ich kann wirklich nicht mitgehen. Mir ist's heute so schwer auf der Brust. Ich habe an alles mögliche denken müssen. Heute ist ja Jom-Kippur." — „Mache doch keine Faxen!" sage ich. „Du wirst ja melancholisch wie ein alter Köter." — „Wenn Du das nicht begreifst oder verstehst, dann — . Ich gehe heute" . . . Na, rathet mal Kinder, wohin? Alle setzten die schlauesten Mienen auf, die sie zur Verfügung hatten. Und sie riethen hin, und sie riethen her. „Ach! Unsinn . . . Keine Spur . . . Hast Du 'ne Ahnung!" . . . Willy hat mit Aufmerksamkeit zugehört Aber die Aufmerksamkeit verflog. Er lauschte mit wachsender Wuth. Die Bande wusste ja, wohin ihr Freund hatte gehen wollen. Aber die Christenmädel . . . das genierte sie. Und darum all die gemeinen und höhnischen Umschweife. Und da nun alle ihren Witz verbraucht hatten, sagte der Erzähler mit Feierlichkeit: „Er wollte in die Synagoge gehen." Die Leutchen waren erst wie starr. Die Damen kicherten — aber die jüdischen Confectionsbübchen brachen in ein lautes, hartes, convulsivisches Lachen aus. Willy sprang auf. Vor Wuth. Er hätte die Leute . .. Aber er zwang sich nieder und sagte mit schwer erkämpfter Ruhe: „Fritz, gib mir doch eines von den illustrierten Blättern her..." Er versuchte zu lesen. Aber er sah nur schwarze und weisse Flocken, und die Flocken tanzten durch die Linnen. Ueberhaupt was giengen ihn denn die illustrierten Blätter an? . . . Es zog ihn nach drüben. Er sass unter ihnen. — Wuth und Aerger drückten ihm die Kehle zu. Er hätte sich freimachen können. Er hatte auch so vie\ Kraft, draussen im Walde alles niederzubeugen, was in ihm tobte. Allein, er wollte sich an sich selbst rächen. Er wollte jene frivole Roheit ganiessen, jenes gedankenlose Behagen erleiden, mit der die Confection verletzte mit jedem Wrorte, mit jeder Geberde, mit jedem Blicke, das, was ihm ... ja, was ihm . . . konnte er es denn so nennen? .. . was ihm he i 1 i g war. Jedes Wort empfand er wie einen Dolchstich mittenins Herz hinein. Er duldete, er litt — mit Genugtuung. Wie er sie hasste! Jeden Schluck Bier, den sie nahmen, vergiftete er mit seinen Blicken. Aber sie blieben lustig und munter. Als sie den Schweinebraten assen, brannte ihm der heisse Wunsch auf der Lippe, dass ihnen die Bissen in der Gurgel stecken bleiben sollten, dass sie verrecken, dass sie — o, Gott, er kannte sich nicht wieder. Aber warum das? Thaten sie anderes als er . . . dieser Gedanke ... er litt ja schon so unendlich . . . Fritz drängte zum Aufbruch. Er hatte glücklich die ganze Wochenblattliteratur durchgeschmökert. „Bleibe doch noch ein wenig!" saste Willy tonlos. Und Fritz blieb und fixierte die Gesellschaft da drüben. Die Stimmung war da recht animiert. Das Bier that seine Schuldigkeit. In einemfort wurde geredet. Ein Thema nach dem andern wurde angeschnitten, zu Ende geulkt und dann fortgeworfen, wie eine ausgepresste Citrone. Willy sass — und wartete. Er ärgerte sich noch, dass nicht vom heutigen Feiertage gesprochen wurde. Direct mit hämischen Worten! Er sehnte noch einen derben Keulen-

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