Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Article
- Jom Kippur im Walde
- Date
- 1900-09-28
- Page
- 13 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39 „Die & Welt" Seite 13 Nacht zerkrallt sie — aber sie wissen nicht, dass die Furcht in ihnen haust — und treibt sie. Sie wollen nicht sterben. Und nun klammern sie sich mit zitternden Händen an jeden schwankenden Halm, den sie fürs Leben halten. Und sie ersäufen ihre Angst in sinnlosem Sinnentaumel. .. Sie verstehen's nicht anders . . .! Die Angst macht sie toll . . . Aber es ist ein Weg, den sie gehen! Nicht die gerade Chaussee; ein schmutziger, lehmiger Pfad, in den sie versinken . . . Das Leben ist ihr Ziel. Mit fiebernder Hast rasen sie ihm nach. Das Leben! . .. Ich kenne diesen Kampf. Er hat mich oft durchwühlt. Nicht aus Angst vor dem Grabe. Er ist eine keusche, brennende, zehrende Gier nach Licht und Kraft und Grösse und Leben — freies Leben. Und Rosen im Haar — und weit, weit unten — Jahrtausende weit die Gräber . . . Aber, lassen wir das — ich phantasiere ja." Und er versank in sich und sann und träumte. „--Sonderbar. Sonderbar," murmelte Fritz. „So leben wir beieinander und wissen nichts — von uns." Er reckte sich, als ob er aus einem schweren Schlafe erwacht wäre. Willy sass ganz verloren da, den Kopf zu Boden gesenkt und mit seinem Stocke Striche im Kreise in das grau-schwarze Erdreich ziehend. Alles würfelte sich durcheinander in ihm. Und was tief in ihm ruhte, uralte Schichten drängten und schoben und rückten herauf — ein wirres Gefühlsgemenge. Nur hie und da, an verborgenen Ecken, schössen wie Krystalle klare Gedanken und durchsichtige Empfindungen auf. Fritz merkte, dass sich in seines Freundes Seele ein gigantischer Klärungs- und Werdeprocess einleite. Er Hess ihn allein. Mit leisen Schritten gieng er den Abhang hinunter, und drunten, wo sich die Wellen zu zartem Schaum zerschlugen, bückte er sich nieder und sammelte herangeschwemmte Muschelhalbschalen. Tiefer und tiefer sank die Sonne. Man sah sie nicht mehr. Nur glutrothe Strahlenstreifen quollen vom jenseitigen Ufer durch die ßaumlücken herüber. Ein weihevolles Schweigen ruht über dem Gelände, als ob zur Andacht sich die Heide rüste . .. Müde und schläfrig — aber voll bebender Sehnsucht. Nei'iah-Stimmung . .. Die Luft ist glühend heiss und dick. Man kann sie schier sehen. Abendnebel lugen durch die verhängten Fenster. Vorn vor der heiligen Lade flackern unruhig in gelblichtrübem Scheine die letzten Kerzenreste in silbernen Leuchtern. Im weissen Grabgewande steht der Cantor vor der Lade. Ein heiseres, weinendes Lallen hebt sich aus seiner Kehle. Matt und zerschlagen sitzen die Männer auf engen Plätzen, und lautlos murmeln ihre welken Lippen alte Gebete. Andere stehen, in die Gebetmäntel gehüllt, das weisse Käppchen auf dem Haupte, und blicken stumm in dicke Folianten. Manch tiefer Seufzer dringt aus trockenem Muude. Und die Augen sprechen von Inbrunst und Hoffen und Müdigkeit ... Droben auf dem Altane die Frauen in weissen Gewändern, das weisse Häubchen auf schweissperlender Stirn. Bleiche Schatten. Unruhig blättern sie in ihren Gebetbüchern umher, und sie beten Worte, die sie nicht verstehen. Sie kennen die Laute nicht, und doch beten sie warm und innig, denn sie wissen, was sie bewegt. Jüdische Frauen . . . Aber dort — an der Säule. Einsam im Kreise der Frauen, das Haupt an die kalte Säule gelehnt — steht da nicht —? Ist das nicht mein Mütterchen? Mein liebes Mütterchen? Und Du weinst? Ich sehe Deine Thränen, mein süsses Mütterchen, wie sie herabtropfen auf das kalte Papier. Ich sehe Deinen Blick, Deinen warmen, innigen Mutterblick, zum Himmel gerichtet. Dort wird jetzt entschieden am Throne des Ewigen. Besiegelt, wer leben soll, wer sterben; wen das Feuer vernichte, das Wasser verschlinge, und wer sich verbrenne in eigener Lohe . . . Bete für mich! Bete für meine leidende Seele, dass ich nicht verschmachte im Wüstensande. .. Ein Einsamer, ein Dürstender, der zur Oase strebt. Bete für mich! Ich bin ja — ich bin Dein armes Kind. Ich sehe Dein Auge mit dem gründigen, umflorten Blick, in dem Deine Seele wohnt. Du suchst? . .. Dein Blick schweift umher durch die Reihen andächtiger Männer. Suchst Du mich dort unten? Du suchst mich — und weinst. .. Weine nicht! . .. Siehst Du mich nicht, Mutter? ... * * * * An die leicht schwankende Föhre gelehnt, stand Willy, den Rücken nach Westen, wo die Sonne hinter dem Horizont hinabglitt. Willy blickte nach Osten, wo gigantische Schatten sich dehnten. Mit beiden Händen hielt er sein Gebetbuch fest, dass es ihm niemand entrisse. Und mit gesenkten Augen sog er die alten Worte in sich hinein und kostete Silbe um Silbe den Zauber des uralten Stammeins. Er betete. Er hatte noch nie so gebetet, so rein, so tief, so heiss. Er goss seine Seele ins Gebet.. . Ein stilles Weinen, Flehen und Hoffen ... Er las und las. Nur manchmal bebte ein Wort halblaut von seinen Lippen . . . Waanachnu kaurim . . . Und er sank ins Knie und warf sich nieder in den Staub . . . Ein krampfhaftes Schluchzen wühlte in seiner Brust. Alles pochte und zitterte in ihm — jede Muskel, jede Faser. Und sein Gesicht barg er ins Gebetbuch ... Es war, als ob sich alles löste, alles, alles — und dicke, glühende Thränen netzten die Zeilen ... Er weinte .. . Mutter, siehst Du mich? Mein süsses Mütterchen, siehst Du mich nicht?! . . . Die hochragenden Föhren schwankten und wankten. Es rauschten die Wipfel. Grabblumenduft huschte dm-chs Gehölz . . . Die Schwestern. Erzählung von S. Gordon. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Zillah gehorchte, und eine oder zwei Minuten später brachten Salka und der hilfreiche Jeiteles die dampfenden Speisen herauf, und bald verscheuchte das gemüthliche Klirren der Teller alle Befangenheit aus dem Zimmer, und dass sie sich nicht wieder einstellte, dafür sorgten Anschels schlichter Frohsinn und Salkas Geplauder. Dass Enoch etwas einsilbig und Zillah ganz stumm war. war nur natürlich; ebenso natürlich war es, dass diese sich unter dem Vorwande von Kopfschmerzen früher als die anderen zurückzog. Hätte aber jemand gesehen, wie sie sich unter einer Flut von Thränen mit verzweifeltem Händeringen auf ihi Bett warf, er hätte wohl einen tieferen Grund dafür gefunden. VII. ,,Sie fragen, warum ein Gläubiger, dem der Schuldner als Sicherheit ein Stück Feld von verschiedener Beschaffenheit übergeben hat, sich für sein Darlehen nur mit jenem Theile des Feldes bezahlt machen darf, das weniger fruchtbar ist?-' sagte am folgenden Abende, als das Abendessen längst vorüber war, Enoch zu Anschel. „Der Grund ist folgender. Gesetzt den Fall, dass ein reicher Mann nach dem fruchtbaren Felde seines Nachbars Verlangen trägt, der sich zufällig in Geldnoth befindet. Nun könnte der Mann sich sagen: „Ich werde den Nachbar verleiten, dass er sich ein Darlehen von mir nehme, welches er an einem bestimmten Tage zurückzahlen muss: als Pfand muss er mir sein Grundstück übergeben. Dann werde ich durch einen Kniff oder durch eine hinterlistige Handlung ihn an der Rückzahlung zu verhindern trachten, so dass sein Land verfallen ist und ich mir davon aussuchen kann, was mir gefällt." Aber da kommt das Gesetz unserer Rabbiner zur Geltung, welches lautet, dass er sich nur an dem weniger fruchtbaren Theile schadlos halten dürfe. Und so werden der Habsucht der Gottlosen Zügel angelegt." Anschel lauschte entzückt: Dieser Gelehrte, dieser Weise, dieses Orakel, er, der imstande schien, alle Geheimnisse des Himmels und der Erde zu erklären, sollte sein Schwiegersohn werden. Salka sass ebenfalls am Tische, aber sie hörte weniger, was Enoch sagte, sondern betrachtete sein Gesicht mit dem beredten Ausdrucke, mit den wunderbaren, glänzenden Augen, und wunderte sich, warum sie es so unverwandt ansah. Zillah sass in der Nähe des Fensters und las die Fortsetzung des Spielhagen'schen Romans, die am Vormittage gekommen war; sie sah und hörte nicht. Bei der geringsten Aufmerksamkeit hätte sie bemerken müssen, dass Enochs Stimme sehr oft direct zu ihr hinüberdrang, obwohl sie seitwärts sass; doch wäre es ihr auch dann nie eingefallen, diesen Umstand mit der Absicht Enochs in Ver-