Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Article
- Jom Kippur im Walde
- Date
- 1900-09-28
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 »Die s£ Welt" Nr. 39 „Ach komm doch! Was geht uns das an?! sagte Willy — anscheinend ganz gleichgilfrg. Aber innerlich empfand er die Bemerkung schmerzlich. Wie einen plötzlichen Stich ... Nach einer guten halben Stunde tüchtigen Marsches waren sie am Wedding-Platze angekommen, dort, wo die Erinnerungskirche sich majestätisch zum Himmel erhebt. Von hier führt eine endlos lange Strasse nach Tegel. Fritz schlug vor, .mit der Pferdebahn hinzufahren. Nach einigem Zögern gieng sein Freund auch darauf ein. Indessen auf das Verdeck wollte er doch nicht steigen. „In dieser Gegend wohnen zwar nur wenig Judgen. — aber ich mag doch nicht." Sie sprangen in den Wagen. Willy setzte sich in eine Ecke und zog sich seinen Hut tief in die Stirne. Er wollte nicht erkannt werden — als Jude. Nicht weil er sich dessen schämte, sondern weil er heute fuhr. Im Wagen sassen roch ein Dutzend andere Personen, die wohl auch einen Ausflug nach Tegel machten. Willy wagte es nicht aufzuschauen. Schliesslich musste er sich aber sagen: wenn es Juden sind — deren religiöse Empfindungen dürfte er wohl nicht verletzen. Er setzte sich also gerade hin, rückte sich den Hut zurecht und blickte auf, freilich hinter Fritzens Rücken her auf die andere Seite. Dort wurde nämlich — wie ihm schien — ostentativ laut gesprochen. Man erzählte sich allerlei niedliche Sachen aus den Confectionsgeschäften. Und wenn irgend einer aus der Gruppe einen recht saftigen Witz losgelassen hatte, wandte er sich um, um die Wirkung seines Geistes auf die übrigen Insassen des Wagens zu controllieren. Willy ahnte schon — jetzt sah er die grinsend-lüsternen Gesichter: jüdische Confectionsbübchen. Und je mehr er hörte, und je mehr er sah, um so unbehaglicher fühlte er sich. Warum eigentlich, weils gerade ... heut war oder sonst, darüber konnte er sich nicht klar werden. Warum sollten sich die Leutchen denn keine Zoten erzählen und sich laut unterhalten! Das konnte ihnen eigentlich keiner verwehren. Und doch ... es war ihm peinlich; ihm war recht unbehaglich. Und dieses Unbehagen wuchs mehr und mehr. Vergeblich suchte er es zu meistern ... Er zwang seinen Blick auf die Strasse hinaus. Die grossen Häuser wurden immer seltener. Hier nahm die Grossstadt ihr Ende. Kleine Villen mit herbstlich verwehten Vorgärten wechselten mit Vorstadtrestaurants ab. Bald giengs an einer Kirche vorbei; bald an einem Friedhof, die da draussen dicht gesät sind. Er suchte seine Gedanken auf alle möglichen Dinge und Fragen hinzudrängen — weil er einer Frage entfliehen wollte. Er sann über die Bedeutung der Familieuhäuser nach, über Grossstadtleben, über den Tod. Aber er entglitt sich immer wieder. Seine Gedanken blieben an den Dingen nicht haften. Es schob sich immer eine andere Frage dazwischen. Es litt geradezu ... Diese jüdischen Confectionsbübchen, die heute nach Tegel fuhren . . . Ihre Gegenwart verletzte ihn heute. Etwa in seinen religiösen Gefühlen? Ei wehrte das natürlich ab. Warum denn gerade in seinen religiösen Gefühlen? Er litt furchtbar. Es that ihm was weh. Aber was? und wo? Er wusste es nicht. Er hörte schon gar nicht mehr, was drüben gesprochen wurde — nur das cynische Lachen stach ihm ins Ohr. Sein Unbehagen wuchs weiter und tiefer. Es schien ihm, als ob es immer körperlicher würde. Er empfand es als einen Druck auf der Brust, der ihn kaum athmen liess . . . Er wandte sich an seinen Freund, der irgend ein Zeitungsblatt vor sich hatte: „Wir wollen nach oben gehen. Hier ists gar zu schwül." ..„Ich sagte dirs ja gleich.'"4 üben war es thatsächlich recht, angenehm. Willy athmete ordentlich auf. So frei und wohlig fühlte er sich, als ob sich irgend was hartes in seiner Brust zertheilte. Fritz gab ihm die Notiz einer neuen Entdeckung in der Medicin. Man sprach davon und dann von den Professoren, Collegen, Studentenverbindungen und vom Duellwesen, von der Friedensfrage und Bertha Suttner, moderner Literatur und was für Dinge der seltsame Gesprächsmechanismus zusammenknüpfte und ineinander schob. So verflog die Zeit und als der Schaffner: „Dorf Tegel" rief, lächelten sie beide: Wie schnell doch die Zeit verrinnt. Aber Willy wurde gleich wieder ernst: Die Confection war auch ausgestiegen und zündete sich Cigarren an!--— * * * Es war so gegen elf Uhr. Zwei Stunden wollten die beiden im Walde umherlaufen, um dann in die ihnen gut bekannte Wirtschaft am See einzukehren. Es war ein schmaler, oft von dichtem Gebüsch umsäumter Fussweg, den sie giengen. Und hinter dem Gebüsch, weite Strecken, auch am Pfadsaum schössen die mächtigen Fichten in die Höhe. In vollen Zügen sog Fritz den kräftigen Waldduft ein. „Im Wald und auf der Haide, da hab ich meine Freude" so sang er lustig in das Gehölz. Sein ganzes Liederrepertoir schöpfte er aus, alles mögliche: vom Vater Rhein und das Filia hospitalis, einzelne Strophen in burschikoser Weise variierend. Und mit seinem Stock fuchtelte er durchs Weltall, das es nur so pfiff. Hie und da beugte er sich nieder, um ein verspäte.es Blümchen zu pflücken, das den Sommer verschlafen hatte und nun verwundert über seine Einsamkeit und neugierig aus dem schwarzen Erdreich hervorlugte. Zuweilen blieb er stehen und horchte mit hochgezogenen Brauen und gespitztem Ohr auf den monotonen Kukukschrei und den schlichten Sang des Pirols .... Er hatte eine urwüchsige Freude an der Natur. Das feine Summen der Insekten, das Rauschen der Wipfel, das sanfte Hin- und Herwiegen zum Himmel strebender Föhren — er empfand es mit der Weihe eines Germanen. Ein Gefühl von Kraft und Stolz und Freiheit reckte ihn empor. Er schob seinen Hut ins Genick, dass ihm der Wind besser durch die Haare kose. Er streckte sich und reckte sich, die Brust gehoben, als wüchse er im Walde .... Willy gieng schweigend hinter ihm her. Dumpfe unklare Empfindungen wallten durch ihn. Er musste immer wieder an den Jom-Kippur denken, an sich — er konnte sich nicht entfliehen .... Mit seinem Spazierstock schlug er gegen die Fichtenstämme, um das morsche Gezweig heräbzuhaaen. Es ärgerte ihn, dass die stolzen Himmelstürmer voll Kraft und Hoheit und Leben die kleinen Aestchen noch mit sich trugen, die längst schon gestorben waren an Sommerhunger. Er liebte den Wald. Er liebte ihn, wie der traumgierige Opiumraucher seine Pfeife liebt. Der Wald machte ihn still und einsam. Das Rauschen der Blätter klang ihm wie eine ferne, ach ferne Musik, die ihn lockte und anzog. Er wuchs nicht im Walde — wie Fritz. Er versank in sich. Wie Dämmer lagerte es sich um seine Seele, das Sinnen umschattend. Er konnte im Walde nie singen, weil er sich die Träume zerrisse. So war's immer. Aber er empfand es nicht — nicht als lästig, nicht als wonnig. Heute aber mischte sich eine scharfe Empfindung in seine dumpfen Stimmungen, ein bohrendes Gefühl des . . . Neides auf die ungebundene, urwüchsige Fröhlichkeit seines Freundes. Warum konnte er nie so fröhlich sein? „Alter Judäer" schalt ihn sein Freund, wenn er ihn transelig sah ... Alter Judäer! ... * * * Sie hatten den Wald kreuz und quer durchstreift. Wohl an die zwei Stunden. Mählich lichtete sich das Gehölz. Sie giengen über eine weite Wiese. Ein dumpfes Schlagen klingt herüber, wie wenn Getreide gedroschen würde. Eine Kuh" muhte ihr langgezogenes Muh durch die einsame Stille. Fritz spielte das"E<Jio und freute sich, auch so muhen zu können wie eine Kuh. „Du, in fünf Minuten sind wir da" sagte Fritz, „ich habe einen Sauhunger. Ueberhaupt mir ist so wohl als wie fünfhundert . . . wie sagte doch Papa Goethe?" Willy versuchte auf den Ton einzugehen: „Warte nur bald, ruhest auch Du." Und er versuchte zu lachen. Er lachte, dass Fritz ihm halb scherzhaft halb im Ernst sagte: „Wie seltsam Du lachst. Ich glaube, Ihr Juden könnt überhaupt nicht lachen . . ." Und mit einem Satze war er die Treppen empor und brüllte nun ins Wartezimmer: Bier her, zwei Glas Bier. Willy stand noch unten und hielt sich mit der Linken am Geländer . . . Ihr könnt nicht lachen, Ihr könnt nicht lachen ... Er hatte das auch schon empfunden. Er hat sich/s selbst gesagt, leise und schüchtern. Warum aber? . .. Jörn Kippur, Jörn Kippur . . . * * * Im Speisezimmer war sonst niemand. Da konnte man sich"s ja gemüthlich machen. Fritz legte sein rechtes Bein auf einen Stuhl und das linke streckte er weit von sich. Willy war zwar auch im Grunde so ein Bequemlichkeitsfanatiker — aber ... es konnte doch ein Gast unvermuthet ins Zimmer treten und was sollte der dann denken?! . . . Scheu und vorsichtig war Willy immer in seinem Benehmen. Und sein Freund nutzte die Gelegenheit mit besonderem Behagen, sich in allgemeiner Form über diese »knechtische Rücksichtnehmerei" zu moquieren. „Weisst sDu — es ist doch zu drollig, wenn man Euch beobachtet. Die einen benehmen sich frei und leger oder wollen es wenigstens — und doch ist es stets auffallend. Und die anderen — der Vertreter sitzt vor mir — fürchten sich, irgendwie anzustossen und aufzufallen — und werden dadurch auffällig. Ich glaube, so'n bischen Natürlichkeit und Ungezwungenheit