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Die Welt · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
37 (14.9.1900)
Article
Was soll er werden?
Date
1900-09-14
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14 »Die & Welt* Ni. 37 oft geweint vor Wuth. Wie kommen die Kinder dazu, hab' ich immer geschrieen, und wie komm" ich dazu, mir jeden Sommer zu verderben? Dann ist die antisemitische Zeit gekommen, alle meine christlichen Freundinnen sind mir ausgeblieben. Ich hab' mir nicht zu helfen gewusst. Schliesslich, ich kann doch dem Buben nicht das Gesicht herunterreissen \ Einmal vor vier Jahren draussen in Marienthal, da hab' ich wieder eine Sommerwohnung gesucht. Bei den schönsten Wohnungen steht: „Nur für christliche Familien!" Ich fahr' zurück nach Wien, pack" meine vier Kinder zusammen, geh' zum Hei-rn Pfarrer, mein Mann kommt nach, und vier Wochen d'rauf sind wir als christliche Familie in Marienthal eingezogen. Ich hab' mich auf nichts so gefreut, wie auf die Frohnleichnams-Procession, schlohweiss hab* ich sie angezogen, die Kinder, damit ihr dunkler Teint recht absticht. Und wenn das ganze Dorf vor Wuth in die Luft geht — wir sind katholisch, marschieren obenan in der Procession, knieen vor jedem Altare und damit basta!" „Also eine Trotzchristin," meinte Herr Conty, verlegen lächelnd. „Sagen Sie, eine „Justament-Christin". Aber meine Ruh' hab" ich seitdem, und Sommerwohnung such' ich nur mit einem grossen Kreuz auf der Brust." Frau von Feilchenblau, Frau Bachsteg und Frau von Stastny zwangen sich zu einem Lächeln. Frau Dr. Korinther blickte überlegen drein, der Herr Doctor reichte der Frau Director den kühlenden Trank . . . Das Gespräch war zu laut geworden: die arme Frau Director Conty lag sehr erschöpft auf ihren kostbaren Polstern. Ihr Gatte beugte sich besorgt über sie. Der Arzt controlierte die Thermometer und den Puls der Patientin. Die Damen benützten diese Gelegenheit, um sich zu empfehlen. Herr Director Conty geleitete sie hinaus. Das Stubenmädchen half den Damen in ihre Pelze und Umhüllen, der Herr Director verbeugte sich nochmals, und im Vorzimmer ward es ruhig. In dieser Ruhe machte sich ein verlegenes Räuspern hörbai. Diesem folgte ein schüchternes „Sie entschuldigen, Herr Director". Director Conty sah ein kleines Männchen vor sich stehen, dessen schmales, bekümmertes Gesicht ihm den Zweck seines Kommens verrieth. In seiner hervorragenden Stellung kamen ihm täglich viele neue Menschen unter, und an Gesicht und Haltung erkannte er bald, was man von ihm wünsche. Das war ein demüthig Bittender, er wusste es, ohne dass jener ein Wort sprach. Gestalt mager, Kleidung reinlich, peinlich sauber, aber viel getragen, Gesicht wehmüthig — ein zugrunde gegangener Geschäftsmann. Je nun, an solchen Tagen ist man in Geberlaune — der Mann bringt ausserdem eine warme Empfehlung von einer bekannten Philanthropin — er soll nicht vergeblich bitten. Das kleine Männchen greift in eine Ledertasche und zieht ein kleines, wohlgeformtes Packet heraus. Das hält er verschämt vor sich hin. „Nur eine Kleinigkeit, gnädiger Herr," sagt er schüchtern. „Kaufen Sie mir ein bisserl Thee ab." Conty stutzte; ihm waren schon so viele Formen der Bettelei untergekommen, dass er neugierig auf die Pointe wartete. „Ist das alles?" frug er zögernd. „Und wenn er den Herrschaften schmeckt, dann bitt' ich um gütige Recommandation." „Was kostet so ein Paket?" „Einen Gulden und achtzig Kreuzer." Conty blickte verlegen auf den Mann, auf das Paket und auf die Karte der bekannten Philanthropin. Wozu dieser grosse Apparat? Um ein Almosen von einem Gulden und achtzig Kreuzern zu erlangen? — Er überlegte eine Weile, dann zog er sein Portefeuille und entnahm ihm eine Zehnguldennote, die er dem Manne gab. Hierauf wollte er sich abwenden, ohne das Paket weiter zu beachten. Der kleine Mann wehrte ab. „Sie entschuldigen, Herr Director — aber ich nehm' kein Almosen." Das klang zwar noch immer sehr bescheiden, aber auch sehr entschieden. Conty sah sich nun den Mann etwas näher an. Das schmale Gesicht, das kleine Kinn, die eingefallenen Wangen, das alles von einem schütteren, durchsichtigen Barte bedeckt, bestätigte den unbedeutenden Eindruck des ersten Augenblicks; nur die schmale Nase, die hohe, etwas vorstehende Stirn und die klaren, klugen Augen mit ihrem offenen Blick zeigten, dass in diesem kleinen Körper keine Bettlergesinnung zuhause sei. Auch die Sprache war jetzt sicher und ruhig, das Zitternde, Flackernde des Bittenden war verschwunden. „Bitte, nehmen Sie den Thee, Herr Director; es ist sicher der beste, den Sie je getrunken haben. Es ist Karawanenthee. Er kommt direct über Land von China nach Russland, und von dort schickt ihn mein Haus an mich." Conty wurde immer neugieriger. „Sie haben ein Haus in Russland?" „Ja: das heisst, das Haus, wo ich war; ich war dort Disponent, Geschäftsführer." „Warum haben Sie den Posten aufgegeben?" „Aufgegeben?! Weggetrieben hat man mich, ausgewiesen." Conty sah nochmals auf die Karte der Philanthiopin. Diese Frau schrieb so leicht keine Empfehlung, sie war abgehärtet gegen alle Formen der Bettelei; hier gab es ein ungewöhnliches Schicksal. Ausserdem wusste er, es würde jetzt vom Judenthum gesprochen werden, und das Stubenmädchen gieng hin und her. Er öffnete die Thür des kleinen Salons und Hess den Mann eintreten. Vergeblich bot er ihm jedoch einen Sitz an, er nahm auch keine Cigai-re: so wenig er sich zum Almosenempfänger herabdrücken Hess, so wenig wollte er sich auf den Gleichgestellten hinausspielen. Er erzählte kurz und schlicht. Von Jugend auf war er in einem ersten Theehause von Moskau bedienstet gewesen, vom Lehrling hatte er sich im Laufe von zwanzig Jahren zum Geschäftsführer emporgearbeitet. Er bezog einen Gehalt von sechstausend Rubeln jährlich. Bei den grossen Judenverfolgungen hatte man ihn übersehen. Aber später konnte er den Aufenthalt nur mit grossen Opfern erkaufen. Er war in Moskau nicht neimatsberechtigt. Als vor kurzem ein hoher Herr in der alten Hauptstadt des Czarenreiches seine Residenz aufschlug, da gab es,j kein Halten mehr. Er musste auswandern. — Nun lebte er in einer billigen Strasse der Leopoldstadt. Die Frau ist zwar sehr herunter durch diesen Wechsel der Verhältnisse; in Moskau bewohnten sie sechs Zimmer, sie hatte drei Domestiken; hier hausten sie in Zimmer und Cabinet, die sie allein bewirtschaften musste. Aber schliesslich, was wollte man thun? „Wenn sie mir nur gesund bleibt, denn sie kränkelt seither." „Haben Sie Kinder?" frug Conty. Er hatte zwei: einen Jungen und ein Mädchen. Brave, tüchtige Kinder. Der Junge hatte in Moskau das Gymnasium besucht, hier musste er zu einem Schuhmacher in die Lehre; es ist ein Landsmann, auch ein Vertriebener, der rühmte das Handwerk; es geht ihm gut in Wien, die Glaubensgenossen lassen gerne bei ihm arbeiten. s— Die Tochter verdient auch schon, sie näht auf der Maschine Hemden für ein Geschäft am Quai. Dies alles erzählte er etwas zögernd; man musste es ihm Stück um Stück abfragen. Und er stellte alles so dar, als ob ihm eine Guust des Schicksals geworden sei. Er fürchtete wohl, man könnte glauben, dass er Mitleid erwecken wolle. „Meine Herren Chefs unterstützen mich, sie schicken mir den Thee zum Kosten preise."

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