Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Article
- Was soll er werden?
- Date
- 1900-09-14
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 37 ,Die & Welt" Seite 13 Auf dieses Stichwort hin stand der Arzt auf. Er sprach sehr langsam und sehr leise, wie um die Tonart des Gespräches zu bestimmen, das ihm etwas zu lebhaft geworden war. „Wir erwarten den Herrn Director, dann soll die Vorstellung erfolgen." Er benützte diese Gelegenheit, um der Wöchnerin den kühlenden Trunk zu reichen. Dann controlierte er die Thermometer. „Macht sich wichtig," flüsterte die Madame der Wärterin zu. Nach einer Weile kam der Herr Director. Er begrüsste die Damen und neigte sich über das Haupt seiner kleinen Frau. Wie er sich dann wieder aufrichtete, mit seiner hohen, kräftigen und doch schmiegsamen Gestalt alles überragend, da sah die junge Frau voll inniger Freude in sein volles Gesicht, das von Geist und Energie erzählte. Das volle, dunkelblonde Haar lag in gewellten Massen um den wohlgeformten Schädel und die hohe Stirn. Der woblgepflegte, dichte Schnurrbart gab dem glattrasierten Gesichte einen männlich kräftigen Anstrich, wie man ihn bei Geschäftsleuten selten finden. Denn Herr Director Conty war Geschäftsmann, allerdings, ein sehr hervorragender: er war Director einer grossen Emissionsbank. Der Herr Doctor hatte das Zeichen gegeben. Die Amme, begleitet von der Kindsfrau und von der Madame, brachte das Baby. Der Herr Doctor hatte Mühe, eine allzu intime Annäherung der Damen abzuwehren, denn wenn sie auch, wussten, dass man einem kleinen Kinde oder einem Kinde überhaupt in diesen Kreisen nicht zu nahe kommen soll — ihr Eifer, dem mächtigen und einflussreichen Director zu schmeicheln, trieb sie doch näher an das Spitzenbündel, als dem Herrn Doctor lieb zu sein schien. Am lebhaftesten geberdete sich die kleine Frau Fränkl, und bei ihr war es wirklich Freude an der kleinen Menschenpflanze, die mit den winzigen Fäustchen in die Brüsseler Spitzen hineinstiess. Ihr Mann war reich, sehr reich, einer der grössten Grundspeculanten der Stadt; sie brauchten die Bank nicht. „Wie heisst er, der junge Mann?" frug sie. „Er hat noch gar keinen Namen," entgegnete Frau Isolde. „Ah!" riefen alle Damen erstaunt. „Noch keinen Namen?■' Der Junge war über eine Woche alt. „Nein. Denn wir wissen nicht, was er werden soll. Mama schreibt, Protestant wäre das Beste; in allen besseren Familien von Berlin iässt mau die Knaben jetzt protestantisch werden.'' »Ihre Frau Mama lebt in Berlin, und dort ist das auch am Platze," meinte Frau von Stastny bedächtig. „Ich bin für katholisch. Bei uns in der Familie sind alle Knaben katholisch. Wenn man sich schon nicht absondern will, üann gleich die Keiigion der Majorität." Frau Feilchenblau war anderer Meinung. Sie hielt die helvetische Confession für die bessere, was sie auch ausfünrlich begründete. „Helvetisch, das sind die feinsten Familien in der Stadt; die Brülier von Maischholz, die Herren von Gemma, die Bildhauer Schratter, sie sind alle helvetisch. Man ist da am Sonntag in der Kirche in sehr guter Gesellschaft; auch der Prediger, der Herr Superintendent Forweg, ist •ein sehr vornehmer Herr. Unser Keligionsunterricht war ein Vergnügen. Er sagt immer: es ist alles so wie in der jüdischen Religion, nur fortgeschrittener. Das ist doch riesig bequem." „Das sagt unser Herr Pastor auch," mengte sich Frau Bachsteg ins Gespräch, die seit einiger Zeit sich auch zur Augsburger Confession bekannte. „Uebrigens finden Sie in unserer Kirche auch ein sehr feines Publicum," „Aber schon sehr viel von „unsere Leut", ein bisschen zu viel," meinte Frau von Feilchenblan. Das schien Frau Bachsteg zu ärgern. „So? Und mir hat jemand vorige Woche erzählt, in der helvetischen Kirche sieht es au?, wie in der Seitenstettengasse." „Ich muss sagen, mir ist das ziemlich gleichgiltig, was der Junge wird, wenn er nur Christ ist, damit ihm die Kämpfe erspart bleibem, die wir alle durchzufechten hatten," beschwichtigte der Herr Papa. „Eigentlich sollte man sich zu jenen bekennen, die uns Israeliten am geneigtesten sind." „Und das wären?" riefen die Damen neugierig. „Die Engländer." „Was fängt er aber hier mit anglikanisch an?" lehnte die kleine Frau Fränkl ab. „Lassen Sie ihn confessionslos erziehen," rieth Frau Dr. Korinther. „Wir müssen mit allem alten Kram aufräumen, mit allen alten Vorurtheilen. Dazu gehört auch die Religion. Nur das Positive hat Bestand in der modernen Zeit." Der Arzt hielt es an der Zeit, sich einzumengen, denn alle Damen wollten über Frau Dr. Korinther herfallen. Sie hielten die Confessionslosigkeit für eine grosse Sünde; die Kinder müssten doch in irgend einer Religion erzogen werden, damit sie vom lieben Himmelvater wüssten. Der Herr Doctor weiss noch einen gewichtigeren Grund. „Nein, meine Gnädige, da bin ich ganz anderer Ansicht. Die Confessionslosigkeit ist erst recht eine Absonderung, ich möchte beinahe sagen, eine Auflehnung. Das fällt noch mehr auf, als wenn man Israelit ist. Niemand will mit einem Confessionslosen zu thun haben, er gehört nirgends hin, er kann auch gar keine Carriere machen, noch weniger als ein Israelit." „Und was die Hauptsache ist," warf die schnippische Frau Fränkl ein, „wenn einer sagt, „confessionslos", dann weiss m-in gleich, das ist ein Jud." Frau Dr. Korinther gab sich nicht gefangen. „Es hängt allerdings davon ab, aus welchen Gründen man seinen alten Glauben ablegt, ob aus ethischen oder materiellen. Wir haben die Aufgabe, die alten Uebel zu beseitigen ohne Rücksicht auf persönliche Leiden. Nur so kann man die Massen vorwärts bringen, das Proletariat erziehen." Zum erstenmale sprach die Wöchnerin ein Wörtlein drein. „Ich bin gar nicht gegen das Judenthum. Wir thun es aus Liebe zu unserem Kinde. Wie kommt so ein herziges Baby dazu, einen alten Fluch, ein altes Vorurtheil mitzuschleppen? Was hat das Kind gethan, dass jeder es für schlecht halten darf, für minderwertig? Wir, mein Mann und ich, wir bleiben in Gottesnamen, was wir sind, aber unser Bubi soll sich frei entwickeln können." „Wir haben es ja alle der Kinder wegen gethan!~ riefen die Damen Feilchenblau, von Stastny und Bachsteg. „Ach was, ich«hub's auch meinetwegen gethan!" rief die kleine Frau Fränkl, indem sie temperamentvoll vom Couche aufsprang. „Sie wissen doch, dass meine Kinder sehr jüdisch aussehen?" Die Damen blickten betreten zur Erde. Keine wollte diese stadtbekannte Thatsache jetzt zugeben. „Ach was, Faxen!" rief Frau Fränkl. „Sie sehen sehr jüdisch aus. Bei meinem Mann verdeckt der Bart sehr viel, aber meine Jungens mit der grossen, gebogenen Nase, den dichten, schwarzen Augenbrauen und mit den starken Lippen, alle drei noch dazu krauses Haar! Jüdischer man schon nicht mehr aussehen kaun. Auch meine Helene sieht mehr ihrem Vater ähnlich als mir." „Dabei sieht sie aus wie drei Jüdinnen," flüsterten die Damen dem Doctor zu. „Hier in Wien is die G'schicht' noch gegangen — aber aufm Land — ojel Jedes Jahr haben wir eine andere Sommerfrische gesucht, überall sind uns die Gassenbuben nachgelaufen, und überall hat's Verdruss gegeben. Ich hab'