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Die Welt · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
37 (14.9.1900)
Article
Was soll er werden?
Date
1900-09-14
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12 „Die $l Welt" Nr. 37 Feuilleton, um* Was soll er werden? Von H. -York-Steiner. Die junge Mama lag voll froher Erwartung auf ihrem kostbaren Lager. Das Haar wand sich in wohldurchdachter Unordnung um ihr kleines Gesicht mit den klugen Augen. Mademoiselle hatte ihr empfohlen, etwas Rouge aufzulegen, aber sie hatte darauf gerechnet, dass ihr noch ziemlich bleiches Gesicht, umrahmt von der dunklen Fülle des reichen Haares, auf den Batistpolstern gute Wirkung machen würde, und ihre Hoffnung war in Erfüllung gegangen. Sie hatte ein mit rothen Bändern durchsetztes Häubchen im Haar, roth waren die Bändermaschen zwischen den reichen Volants der Prachtpolster, roth die seidene Decke, und all das Roth warf rosige Schimmer über ihr Gesicht und über das Spitzengebilde, das ihre Büste bedeckte. So war Leben genug im bleichen Teint und der Contrast zur dunklen Umrahmung dennoch in voller Wirkung. Frau Isolde Hess die Jalousien hochziehen. Ihrem Bette gegenüber stand ein dreitheiliger Schrank, der im Mittelfelde ein Spiegelglas trug. Sie sah sich sehr deutlich, und sie war zufrieden mit dem Ensemble. Heute sollten die Freundinnen ihren Erstgeborenen zum erstenmale sehen. Die Kindsfrau, eine ältere Person in bescheidenem Grau, meldete, dass der junge Mann bereit sei. Die Amme in bauschigen kurzen Röcken mit einer Haube, von der zwei lange Bänder herabflatterten, trug fürsorglich ein kleines Spitzenbündelchen aus der Kinderstube herein. Die Augen der Mutter leuchteten vor innerem Glück. Die Kindsfrau fieng den glückseligen Blick auf, sie schob die wogenden Spitzen auseinander, damit die Mutter das kleine, rosige Gesichtlein deutlich sehen könne. „Ein süss -s Buberl," sagte sie mit discretem Tone. „Er sieht dem Herrn Director sehr ähnlich." „Glauben Sie?" frug zweifenld die junge Frau. „Ohne jede Uebertreibung, der ganze Herr Papa. Sehen Sie diese vollen Wangen, die hohe Stirn, dann der gewisse intelligente Blick. Ich kann sagen, mit Ausnahme vom jungen Grafen Schabsky habe ich noch nie ein so intelligentes Kind gesehen." Die Zusammenpaarung mit dem jungen Grafen Schabsky sollte der Dame augenscheinlich schmeicheln, und die beabsichtigte Wirkung blieb nicht aus. Die Wärterin war inzwischen mit einem kühlenden Trunk gekommen, den sie auf die Marmorplatte des Kästchens stellte. „Der Herr Hofrath hat es dem Herrn Doctor nochmals sagen lassen, gnädige Frau möchten sich heute sehr inacht nehmen. Jede halbe Stunde einen Trunk von dieser Mischung. Der Herr Doctor hat alles selbst angemacht." ,Wo ist der Herr Doctor?" „Im Vorzimmer. Er wird mit der „Madame" die Besuche empfangen und die Damen vorbereiten. Sie müssen alle im kleinen Salon warten, bis sie sich erwärmt haben. Die kalte Luft, die sie mitbringen, könnte der gnädigen Frau schaden. Sie sollen auch sonst sehr vorsichtig sein. Der Herr Doctor sagt, grösste Ruhe ist nothwendig, und nie zu viel Damen auf einmal." „Er ist zu ängstlich, unser Herr Doctor," meinte die junge Frau. „Die Madame glaubt auch, dass es nothwendig ist," entgegnete die Wärterin. „Sie sagt, die Fürstin Kreuz hat Fieber bekommen, weil die Dame sich beim ersten Empfang zu sehr aufgeregt hat." Die „Madame", von der gespiochen wurde, rauschte selbstbewusst zur Thüre herein. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid, um dessen Taille eine schwere Goldkette geschlungen war. Ihr ganzes Auftreten sollte verrathen, dass sie sonst nur bei hohen Aristokratinnen zu assistieren pflege. Sie ordnete das ohnehin ordentliche Bett, nestelte und rückte am Neglige" der jungen Mama; dann schickte sie die Kindsfrau, die Amme und das Baby ins Kinderzimmer zurück. „Ich bitte zu kommen, wenn einige Damen beisammen sind, damit der kleine Herr nicht zu oft gestört wird," ordnete sie an. „So macht es der Hofrath immer bei der Prinzessin." fügte sie bei, um ihrer Anordnung das nöthige Gewicht zu verleihen, denn die Kindsfrau warf ihr einen bitterbösen Blick zu. Dann öffnete sie die Thüre des Vorzimmers. Drei Damen, jede schlau lächelnd, trippelten herein. Sie sprachen laut ärztlicher Vorschrift sehr gedämpft, und jede Hess die andere ausreden. Dann wurden noch zwei junge Frauen zugelassen. Einige Minuten später trat der Herr Doctor ins Schlafzimmer. Er hatte das Stubenmädchen beauftragt, vorläufig niemanden einzulassen oder auzumelden. Die Damen hatten die heikelsten Fragen erledigt, und sie Sengen an, den Aeusserlichkeiten Aufmerksamkeit zu schenken. Frau von Stastny, eine hohe, dunkle Gestalt in einer fV-inen Tuchrobe mit reicher Applicationsstickerei, besprach das Bett. „Die Einsätze echt Brüssel, der Rand punto tirato, die Arabesken ä. jour — nein, dieser Geschmack! Aus einem Wiener Atelier?" fügte sie fragend hinzu. „Wo denken Sie hin," entgegnete Frau Helene Bachsteg, eine junge Blondine. Sie rückte wie zufällig ihre kleine Fedemcapotte zurecht. „Nur in Paris kann man etwas recht Exquisites bekommen." Die anderen Damen merkten die Absicht und thaten, als ob die Capotte nicht existiere. Frau von Fränkl, die bete noire der Gesellschaft, hielt sich an das Kleid der Bachsteg. „Ist Ihr Moire antique vielleicht aus Paris?" frug die kleine, zarte, leicht bewegliche Frau, deren Hände und Ohren von Brillanten blitzen. „Nein, es ist von Spitzmann. Aber ich hab's auch nicht gern. Es ist so schwer, so — hart in der Farbenzusammenstellung. Freilich, billig ist es. Was will man für dreihundert Gulden verlangen?" Die junge Hausfrau konnte der Frau Bachsteg recht geben, ohne die Anhängerinnen Wiens zu verletzen. Das Paradebett, das Negligö sowie die Layette waren von einer Wiener Firma, die in Paris eine Filiale besitzt. „Wissen Sie, meine Damen, dass es nicht mehr Mode ist, von Toiletten zusprechen," warf Frau Director-Stell Vertreter von Feilchenblau ein. „Was ist denn en vogue?" riefen alle gleichzeitig. Der Arzt runzelte die Stirne: man war offenbar zu laut. Frau von Feilchenblau lächelte malitiös. „Wir stehen im Zeichen der erweiterten Frauenbildung — entweder wir sprechen von den Frauenvereinen, die einander aufs Messer bekriegen, oder von der Damen-Akademie, oder vom neuen Atheneum, vom Mädchen-Gymnasium. Wo man jetzt hinkommt, wird von „Bildung" geredet oder von Bildern. Secession oder Künstlerhaus, das ist die Frage!" Sie streifte dabei mit einem boshaften Seitenblick Frau Dr. Korinther, die bekannt war als „moderne Frau". Die Dame jedoch reagierte nicht auf diese Stiche; sie sprach leise und ernst mit dem Arzte über die Vorbeugungsmassregeln gegen Wochenbettfieber in den öffentlichen Krankenhäusern. > „Wir sind aber hergekommen, um von Lingerie und von Layettes zu reden," warf Frau Fränkl ein, den parodistischen Ton festhaltend. „Also her mit den Layettes und mit dem was drinsteckt. Wo ist der Held des Tages, der junge Herr Conty?"

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