Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · p. 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
37 (14.9.1900)
Article
Der Mord in Konitz
Date
1900-09-14
Page
7 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315889-3372389--21769-3372465
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 37 „Die jfc Welt*' Seite 7 gründlich zu verhandeln, habe ich die Ladung der beiden Zeugen verfügt; es sind, dies Maurer üurski und Gärtner S ch ü lk e. Der Angeklagte Israelski gibt dann seine Generalien ab. Präs. Bekennen Sie sich der Ihnen zur Last gelegten That für schuldig? — Angekl. Kein. Präs. Sie haben wohl von dem Gymnasiasten Ernst Winter gehört und wissen, dass mari annimmt, er sei ermordet worden. — Angekl. Ja. Ich habe seinerzeit gehört, dass man seinen Körper bei der Spüle am Mönchssee neben der Synagoge gefunden habe. Ich hcibe auch von der Auftindung der verschiedenen Theile der Leiche gehört, weiss aber sonst Weiteres von der Sache nicht. Präs. Nun, Sie haben wohl auch gehört, dass ein Theil der hiesigen Bevölkerung die Behauptung aufstellte, der Mord sei von Israeliten begangen. — Angekl. Nein. Präs. Es soll Ihnen aber von Arbeitern sogar gesagt worden sein : Sie ständen in dem Verdachte, Leichentheile des Ermordeten fortgebracht zu haben. — Angekl Nein. Präs. Besinnen Sie sich! — Angekl. Ich weiss nichts davon. Präs. Sie werden beschuldigt, in einem Sacke den Kopf des ermordeten Winter fortgeschafft zu haben? — Angekl. Das ist nicht wahr, ich habe keinen Sack fortgetragen. Der Vater des Ermordeten. Erster Zeuge ist der Pensionsvater des ermordeten Winter, der Bäckermeister Lang e. Er bekundet: Sonntag den 11. März hat Winter mit uns gemeinschaftlich zu Mittag gegessen. Ich habe dabei nichts Auffälliges wahrgenommen. Nachher sah ich von meinem Laden aus W inter, mit einem Jacjuet bekleidet, fortgehen. Verth ei diger .Justizrath Dr. v. Gordon: Ist Ihnen nachher bei der Auffindung der Leiche odvr irgendwie vorher eine Färbung des Wassers bei der Spüle aufgefallen? Zeuge: Nein. Hierauf wird der Bauunternehmer Winter, der Vater des Ermordeten, als Zeuge aufgerufen. Er ist 64 Jahre alt und sieht sehr vergrämt aus. Er erzählt: Als ich am Montag den 12. März die Depesche d<»s Herrn Bäckermeisters Lange erhielt, die mir von dem unerklärlichen Verschwinden meines Sohnes Ernst Mittheilung machte, sagte ich gleich zu meiner Frau: „Ernst ist gewiss ermordet worden'." Ich bin dann auch sofort nach Könitz gefahren, konnte jedoch am Abend auf der Polizei nichts mehr machen. Am nächsten Morgen erstattete ich dann bei der Polizeibehörde die Anzeige. Herr Lange schlug mir bei meiner Rückkehr vor: .,W a s meinen Sie, wenn wir 'mal herumsuchten, vielleicht auch am See?-' Ich hatte erst keine rechte Lust, Hess mich aber durch meine Frau dazu bereden, mitzugehen. Ich crieng dann mit der Tochter des Herrn Lange direct zum See und bis auf etwa fünfzehn Schritte an diesen heran. Herr Lange stand an der Spüle. Wir giengen nun bis zu der Spüle neben der Synagoge, als ich mit einemmale stehen blieb. Es zwang mich etwas, das Wasser anzusehen. Ich sah nun an der betreffenden Stelle, dass die Eisdecke aufgeschlagen war. und bemerkte eine kleine Schachtel im Wasser liegen. Ich rührte nun mit meinem Stocke im Wasser herum und dann bemerkten wir ein Paket. Lange sagte, wir wollten doch 'mal sehen, was in dem Paket sei. Zuerst war braunes Packpapier, dann Sackleinwand und in diese eingenäht fanden wir bei näherer Untersuchung einen Brustkasten ohne Arme und Beine. Während wir noch weiter nachsuchten, kamen einige Männer mit Haken dazu, und bei dem Herumstehen im Wasser wurde dann noch ein Arm gefunden. Es wird, nochmals Lange vorgerufen, welcher erklärt, dass auf seine Frage, ob man erst im Walde oder erst am See nachsuchen wolle, der alte Winter entgegnet habe: „Erst am See." Ein mysteriöser Brief." Bei seiner weiteren Vernehmung bekundet dann der Vater Winters: Als das Paket aufgeschnitten wurde und ich den Brustkasten sah, erkannte ich sofort, dass es mein Sohn war. der da vor mir lag. Präs. Konnten Sie denn das gleich so erkennen? — Zeuge: Ja, früher, als er noch ein kleines Jungchen war. kam ich einmal dazu, wie er sich zum Weihnachtsfeste wusch. Dabei bemerkte ich, dass er einen ungewöhnlich starken, gewölbten Brustkasten und zarte Haut hatte. — Präs. Haben Sie bemerkt, dass das Wasser des Sees in der Nähe der Leiche blutig gefärbt war? — Zeuge: Beim Oeffnen des Paketes sah ich, dass etwas röthliches Wasser herauslief, sonst habe ich nichts bemerkt. Erster Staatsanwalt Dr. Settegast: Es ist Ihnen ein anonymer Brief zugegangen, in dem Ihnen 50.000 Mark geboten wurden? Wie verhält es sich damit? — Zeuge: Das ist richtig, der Brief war in Hammerstein (Westpreussen) aufgegeben worden, und es hiess darin im Anschlüsse an die Meldung, dass das Verfahren gegen den Schlächtermeister Hoffmann eingestellt sei: „W ir haben nun schon 200.000 Mark w e g g eworfen und. bieten Ihnen jetzt ">u.000 M a r k, wenn Sie in den „Geselligen" (Graudenx) ein Inserat folgend e n Inhaltes einrücken: ..Winter schweigt! Wir J u d e n h a b e n es gethan, wir haben nicht anders gekonnt, das ist unser Tros t." Justizrath Dr. v. Gordon: Wo ist der Brief hingekommen? — Zeuge Winter: Ich habe ihn Herrn Schräder gegeben, der ihn dem Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg übermitteln wollte. Ich sollte den Brief heute zurückbekommen, um ihn hier vorlegen zu können. Leider ist er mir bisher nicht zurückgegeben worden. Zeugin Fräulein Lange, Tochter des Bäckermeisters Lange, bekundet, dass auch sie von einer blutigen Färbung des Wassers nichts bemerkt habe. Der Blutzeuge Fiedler. Es wird nun der Hauptbelastungszeuge, Botenmeister Fiedler, vernommen. Er bekundet: Am Charfreitag kurz nach 10 Uhr kam Israelski die Mühlenstrasse herunter und gieng in der Richtung nach dem Schützenhause zu, hinter dem der Kopf gefunden wurde. Der Angeklagte trug einen Sack auf dem Rücken, und i c h k o n n t e d e u 11 i c h bemerken, dass sich darin ein r u n d e r G e g e n s t a n d befand. Ich dachte mir zunächst nichts Besonderes bei dieser Sache. Nach einoinviertel bis anderthalb Stunden bemerkte ich Israelski ahermals, wie er, vom Schützenhause her zurückkommend, mitten über die Strasse gieng. Die Stiefel waren ihm bis oben hin total beschmutzt, während ich vorher gesehen hatte, dass sie beim Hingehen sauber waren. Der hinkende Mann. Eine weitere Zeugin ist die Frau W e y m e r o w s k i, die am Charfreitag vormittag ebenfalls gegen 10 Uhr einen Mann mit einem Sacke nach dem Schützenhause zu gehen sah. Der Mann habe das rundliche Paket über dem Arme getragen. Der Sack sei theilweise in Packpapier eingeschlagen gewesen. Der Mann hinkte etwas und gieng dennoch sehr schnell. Die Zeugin kennt den Angeklagten, doch weiss sie nicht zu sagen, ob er der Mann war, da sie ihn nur von hinten sah. Der Angeklagte muss hierauf aus dem *A.nklageraum heraustreten und durch den Sitzungssaal gehen. P r ä s. Nun, Frau Zeugin, ist das der Mann gewesen? — Zeugin: Nein, der Gang war doch anders; Förster C e n t n e r begegnet* am Charfreitag, als er zur Kirche gieng, einem jüdischen Manne, dessen Aeusseres den Stromer verrieth. Der Mann habe einen runden Gegenstand, etwa wie einen Kohlkopf, in einen Sack und Packpapier eingewickelt, unter dem Arme getragen. Präs. Können Sie sagen, dsss Israelski es war, oder haben Sie keine Meinung darüber? — Z e u g e. I c h kann es wirklich nicht sagen. Arbeiter Müller hat den Zeugen Centner und Wiehert erzählt, dass Fiedler den Israelski zum Schützenhaus habe gehen gesehen, worauf beide übereinstimmend sagten, sie hätten auch einen Mann gesehen, auf den die Beschreibung Fiedlers passte. „Der tolle ALx. ' Hierauf erscheint der inzwischen herbeigeholte Zeuge Alexander P rinz in dem Saale. Er steht im £>. Lebensjahre und macht den Eindruck eines Idioten. Er erklärt unter Aussetzung der Beeidigung, dass er gar nichts zur Sache wisse. Dem Zeugen Gastwirt Stol tman ist der Angeklagte in letzter Zeit ausserordentlich aufgeregt vorgekommen. Es habe ihm. Zeugen, so geschienen, als ob Israelski etwas auf dem Gewissen liege. Präs. Haben Sie draussen gehört, was der Zeuge Prinz sprach? — Z e u ge : Ja, er sagte, der Synagogenvorsteher Heymann habe ihm einen Anzug geschenkt und ihm zwei weitere versprochen, wenn er schweige : Israelslci habe 40, seine Frau 400 Mark erhalten, damit sie die Leichentheile fortschafften. Cantor Hamburger in Schlochau habe bei Winter den ersten und der hiesige Judencantor den zweiten Schnitt gethan.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.