Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Article
- Der Mord in Konitz
- Date
- 1900-09-14
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die j£ Weit?* Nr. 37 hafter Anblik dar. In Packpapier sorgfältig eingewickelt, wurde ein noch frischer menschlicher Leichnam gefunden, dem Kopf, Arme und Beine fehlten. Herr Winter erkannte in dem grausigen Fund den Leichnam seines Sohnes. Zwei Tage später wurde auf dem evangelischen Kirchhofe, unmittelbar an der Staketenthür, ein menschlicher Arm gefunden. Da derselbe noch vollständig frisch und weich war, so nahm man an, dass der Arm sich vorher in einem geheizten Raum befunden habe und erst kurz vor der Auffindung auf den Kirchhof gelegt worden war. Dienstag den 20. März, also acht Tage später, wurde der Mönchsee von neuem abgesucht. An derselben Stelle, wo der Rumpf gefunden wurde, fand man nun einen Oberschenkel. Die einzelnen Körpertheile sollen kunstgerecht voneinander abgetrennt und sämmtlich blutleer gewesen sein. Letzteres Vorkommnis soll ganz besonders zu der Annahme Anlass gegeben haben: es sei von Juden ein Mord zu religiösen Zwecken begangen worden. Andererseits tauchte die Meinung auf: Winter sei von einem beleidigten Gatten, Vater, Bruder oder Bräutigam erschlagen oder vielleicht von Dirnen und Zuhältern beraubt oder umgebracht worden. Der Mord soll nach ärztlichem Befund geschehen sein, als Winter sich in vollständig entkleidetem Zustand befand. Die Kleider, die Uhr nebst Kette und die vergoldeten Manschettenknöpfe des Ermordeten sind trotz eigehendster Nachforschungen bisher nicht gefunden worden. Es fehlten femer der K o p f, der linke Arm, das rechte Bein, der linke Unterschenkel und der grösste Theil der Eingeweide. Eine sehr hohe Belohnung wurde für die Entdeckung des oder der Thäter ausgesetzt, und der Minister des Innern erhöhte die Belohnung noch wesentlich. Der Mönchsee wurde abgelassen, um die noch fehlenden Leichentheile zu suchen; es war jedoch alles ohne Erfolg. Am ersten Osterfeiertag, nachmittags gegen 5 Uhr, trieben sich drei junge Leute auf der etwa zwei Kilometer von der Stadt gelegenen Wiese und in dem in der Nähe des Schützenhauses befindlichen Wäldchen spielend umher und bemerkten in einem sogenannten Vorflutgraben ein Stück Papier. Als sie dasselbe mit einem Stock entfernten, sahen sie, dass ungefähr drei Centimeter über dem Wasser ein „Stück Fleisch" hervorragte. Einer dieser jungen Leute wälzte mit dem Stocke den vermuthlichen Fleischklumpen und entdeckte, dass dies ein menschlicher Kopf war. Die Knaben liefen eiligst in die Stadt, um die Polizei von dem unheimlichen Funde zu benachrichtigen. Es erschienen auch sehr bald der Bürgermeister Deditius, der stellvertretende Untersuchungsrichter Landrichter G u r s k i, Polizeicommissär Block, Gendarm Faust und zwei Polizeisergeanten an der Fundstelle. Durch einen Arbeiter wurde nun der Kopf aus dem Wasser herausgenommen und in einen Korb gelegt Man fand hierbei Papierstücke, und zwar ebensolches braunes Packpapier, wie es zur Umhüllung des am 13. März aufgefundenen gliederlosen Rumpfes verwendet worden war, und ausserdem Reste einer in Berlin erscheinenden Zeitung. In unmittelbarer Nähe der Fundstelle wurden im Gebüsch noch die Reste eines Damentaschentuches gefunden, das mit dem Buchstaben „A" gezeichnet war. An der Fundstelle wurden Wachposten aufgestellt Es begannen von neuem Untersuchungen des ganzen um Könitz gelegenen Terrains mit Spürhunden durch eine Anzahl Konitzer Jagdliebhaber nach den noch fehlenden Leichentheilen. Es wurde jedoch nichts weiter gefunden. Inzwischen hatte der Botenmeister Fiedler vom Landgerichte der Behörde mitgetheilt, er habe am Charfreitag vormittags den früheren Abdecker Israelski mit einem Sacke auf dem Rücken beim Landgerichte vorbeigehen gesehen. Israelski, der in dem Sacke einen runden Gegenstand, etwa einen Kohlkopf, trug, sei die Schützenstrasse entlang, in die Gegend des Stadtwaldes gegangen. Nach etwa einer Stunde sei Israelski mit leerem Sacke und schmutzigen Stiefeln zurückgekehrt, während er auf dem Hinwege saubere Stiefel hatte. Eine sofort bei Israelski vorgenommene Hausdurchsuchung hatte keinerlei Ergebnis. Israelski soll sich aber in Widersprüche verwickelt haben, auch soll seine Frau wesentlich andere Aussagen wie er gemacht haben. Israelski wurde deshalb unter dem Verdachte, den Kopf des ermordeten Winter an die erwähnte Fundstelle geschafft, mithin den oder die Thäter nach der That begünstigt zu haben, um sie der Bestrafung zu entziehen, verhaftet. Israelski bestreitet entschieden, mit dem Morde in irgendwelcher Beziehung zu stehen und ebenso am Charfreitag mit einem Sacke auf dem Rücken, die Schützenstrasse entlang nach dem Stadtwalde zu gegangen zu sein. Allein der Botenmeister Fiedler hält seine Wahrnehmung mit vollster Bestimmtheit aufrecht. Da dem Vernehmen nach die Fiedler'sche Aussage von mehreren anderen Zeugen unterstützt wird, so wurde der von dem Vertheidiger Israelskis gestellte Haftentlassungsantrag abgelehnt und die Anklage gegen Israelski auf Grund des § 257 des Strafgesetzbuches erhoben. Israelski ist am 8. März 1848 zu Lichnau bei Könitz geboren, jüdischer Religion und bereits wegen Diebstahls, Unterschlagung und Bedrohung bestraft. Er ist verheiratet und Vater von sechs, zum Theile schon erwachsenen Kindern. Er soll früher auf einem Dorfe bei Könitz eine Schankwirtschaft betrieben haben. In dieser soll Botenmeister Fiedler, als derselbe noch Executor war, viel verkehrt haben, so dass ihm, wie er behauptet, die Person Israelskis genau bekannt sei. Israelski ist ein durch Trunk vollständig heruntergekommener Mann. Er musste deshalb seine Gastwirtschaft aufgeben. Später wurde er Abdecker. Allein der Schnapsgenuss zwang ihn schliesslich, auch diese Thätigkeit einzustellen, so dass er von öffentlicher Unterstützung und von dem geringen Verdienste lebte, den seine sehr fleissige und ordentliche Frau und seine sich ebenfalls des besten Rufes erfreuenden Kinder erwarben. Israelski stand, ehe er verhaftet wurde, in Könitz auf der öffentlichen Säuferliste. Er behauptete, er habe niemals Stiefel, sondern nur immer aus Bändern hergestellte Schuhe getragen. Da er sehr schlecht zu Fuss sei, könne er gar nicht den weiten Weg binnen einer Stunde zurückgelegt haben. Es sind bisher von der Staatsanwaltschaft neunzehn, von der Vertheidigung zehn Zeugen geladen. Den Vorsitz des_ Gerichtshofes führt Landgerichts-Director Böhnke. Die Anklage vertritt der Erste Staatsanwalt Dr. S e 11 egast Die Vertheidigung haben Justizrath Doctor v. G o r d o n (Berlin) und Rechtsanwalt Maschke (Könitz) übernommen. * * Könitz, 8. September. Schon vom frühen Morgen ab umlagerten viele Hunderte, Einlass heischend, das nüchterne, graue Landgerichtsgebäude, in dessen Schwurgerichtssaale der Process gegen Wolf Israelski vor sich gieng. Den Vorsitz im Gerichtshofe führte Landgerichtsdirector B o e h n k e, die Anklage vertrat der erste Staatsanwalt am Landgerichte Könitz, Dr. Settegast. Als Vertheidiger fungierten der bekannte Justizrath Dr. v. G o r d o n aus Berlin und der Rechtsanwalt Maschke von Könitz. Das Verhör des Angeklagten. Die Sitzung nahm pünktlich ihren Anfang. Es wird der Angeklagte Wolf Israelski in den Saal geführt. Er ist ein kleiner, gebückt gehender Mann mit ergrautem Vollbarte. Es sind etwa 20 Zeugen geladen. Präsident Landgerichtsdirector Boehnke: Es sind mir in letzter Stunde noch zwei Zeugen benannt worden, die etwas zur Sache zu bekunden haben sollen. Da ich die Absicht habe, den vorliegende« Fall eingehend und