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Die Welt · 1900-09-07 · 36 (7.9.1900) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
36 (7.9.1900)
Article
Rede Dr. Alexander Marmoreks
Date
1900-09-07
Page
5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 „Die # Welt« Seite 5 die Bilanz der Intervention Europas zu ihren Gunsten. Das kleine Rumänien trotzt dem Willen der Grossmächte, und nach wie vor wird die Fiction im In- und Auslande aufrecht erhalten, dass die Juden Fremde seien, denen man nichts schuldet, die man aber nach Möglichkeit zugunsten des rumänischen Staates ausbeutet Wäre die Judengesetzgebung und deren Anwendung in Rumänien nicht eine so unglaubliche Mischung von Heuchelei, Roheit und Mangel jeglichen moralischen oder logischen Denkens, so müsste man wahrhaft verzweifelt sich fragen, wieso es komme, dass 30.000 Soldaten in Rumänien jener Rasse angehören, mit der man jedes Band der Zusammengehörigkeit zerschnitt, und dass Juden, denen man jegliches Gefühl für den heimatlichen Boden abspricht, berufen sind, wie alle anderen Kinder des Landes, dieses zu vertheidigen und zu schützen. Die Juden müssen ausser der Blutsteuer selbstverständlich alle anderen Steuern leisten, dagegen dürfen sie als Fremde keinen ländlichen Grundbesitz erwerben oder besitzen, als Fremde dürfen sie keinen Handel mit alkoholischen Getränken auf dem Lande treiben; sie haben nicht das Recht, sich frei und unabhängig auf jedem Punkte des Landes niederzulassen. Man überlässt ihnen in den Schulen nur Plätze, wenn solche nach Zulassung aller Rumänen noch frei sind; man verweigert ihnen als Fremden die Unentgeltlichkeit des Volksunterrichtes. Doch dürfen jüdische Schüler nicht ausgezeichnet werden, auch wenn sie bessere Leistungen aufweisen, als die übrigen Schüler. In den öffentlichen Spitälern dürfen jüdische Kranke nur dann aufgenommen werden, wenn sie für das medicinische Studium von Interesse sind. Juden dürfen weder Advocaten, noch Richter sein, sie erhalten kein Apotheker-Gewerbe, und wenn ein Apotheker jüdische Lehrlinge hält, so muss er mindestens die gleiche Anzahl christlicher halten. In den Staatsspitälern dürfen Juden keine Stellung als Aerzte finden. Man zwingt die Fabriksherren, selbst wenn sie Juden sind, nur ein Viertel ihres Personales aus Juden zusammenzusetzen, sie dürfen keine Ehrenstellen in Banken, Börsen und Actiengesellsehaften einnehmen, sie, welche den grössten Theil des Handels in ihrer Hand haben, dürfen weder in die Handelskammer gewählt werden, noch selbst Wähler sein. Man verwehrt ihnen die Wandergewerbe, wie den Handel mit den Staats- Monopolen, und hat sie vom Lieferanten- und Unternehmergewerbe ausgeschlossen. Staat und alle Gesellschaftsclassen sind eifrig daran, immer neue Mittel und Wege zu finden, neue Einschränkungen zu schaffen, um dem Juden jeglichen Beruf abzuschneiden — und wenn einer es wagt, in Wort oder Schrift gegen diesen unerhörten Stand der Dinge zu protestieren, so setzt der Staat ihn einfach auf administrativem Wege an die Grenze, weist ihn aus,, trotzdem er weiss, dass alle anderen Staaten nicht verpflichtet sind, ihn aufzunehmen. Und bei diesem schauerlichen Stande der Dinge wagt ein rumänischer Commentator der Fremdengesetze, Boereseo mit Namen, diese zu vertheidigen, und wir können es uns nicht versagen, seine Schlussworte Ihnen vorzulesen, die am besten den Geisteszustand und die moralische Höhe der Machthaber in Rumänien beweisen. Er schreibt: „Rumänien bewahrt so die alten Traditionen der Gastfreundschaft gegenüber den Fremden, bestätigt sie heute durch eine fortschreitende liberale Gesetzgebung. Würdige Nacheiferin seiner lateinischen Schwestern des Westens, Frankreichs und Italiens, seiner glänzenden Vorbilder, besonders auf dem Gebiete des Rechtes, arbeitet Rumänien unaufhörlich an dem Fortschritte der Ideen der Gleichheit und Gerechtigkeit, den Hauptmerkmalen des grossen und edlen Geistes der lateinischen Rasse, welches Erbe Roms es sich zur Ehre anrechnet, in jenem Lande des Ostens glänzen zu lassen." (Pfui-Rufe.) Aller Rechte entkleidet, von steigendem Hasse umgeben, der Möglichkeit, selbst das trockene Brot zu verdienen, beraubt, kam der rumänische Jude zur natürlichen Schlussfolgerung seines Zustandes: Flucht aus diesem Lande, Flucht vor seinen wahnwitzigen Bewohnern! Sobald sie aber begannen, ihr Elend durch die Strassen Europas und Amerikas zu schleppen, ihre Wundmale öffentlich zu zeigen und die ganze gesittete Welt zu Zeugen ihrer Qualen anzurufen, da schrieen die Rumänen über den schlechten Patriotismus dieser zertretenen armen Menschen. Während man nicht aufhörte, den blinden Judenhass, die Judenverfolgung, die Judenausschliessung im grossen zu betreiben, wünschte man, dass die Behandlung dieser „Fremden" nicht zu den Ohren der civilisierten Menschheit gelange. Daher kommt es, dass in den antisemischen Blättern auf der einen Seite, wie gewöhnlich, der Knüttel geschwungen auf der anderen Seite aber mit heuchlerischem Augenverdrehen, in ekelerregender Falschheit den Juden widerrathen wird, zu schreien, wenn man sie schlägt, und wegzulaufen, wenn sie verhungern. Das antisemitische und offieiöse Organ, die „Epoca", schreibt: „Wenn man bedenkt, dass selbst der Talmud die Auswanderung verbietet und dass die Propaganda für dieselbe den Juden des Landes nur zum Schaden gereicht, so ist es unbegreiflich, wie sich so viele Juden der Auswanderungs-Bewegung anschliessen konnten. Könnten denn die Juden nicht in Harmonie mit den Rumänen leben, da sie doch ihre Sprache erlernt, ihren Sitten sich assimiliert haben und allgemein als gute Patrioten bekannt sind." (Pfui-Rufe.) Die Juden wissen, was sie von den lieblichen Schalmeientönen zu halten haben. Sie sehen und suchen ihr Heil in der Flucht. Selbst wohlhabende Leute verlassen das Land, der beste Beweis, wie tief die Furcht vor den Verfolgungen, wie unerträglich die bürgerlichen Beschränkungen geworden. Ist es nicht ein bedeutsames Symptom, welches die Lage am besten beleuchtet, wenn in Piatra 600 Familienhäupter zur Auswanderung sich entschlossen, wovon jeder einzelne über wenigstens 1500 Francs verfügen muss, dass in Dorohol ein Auswanderer ein Vermögen von 12.000, ein anderer von 6000, ein dritter von 5000 Francs besass? Und wie verlassen sie das Land? Als die Fussgänger aus Berlad zum Wanderstabe griffen, erliessen sie folgendes Manifest, welches Ihnen am besten schildert, was in den Herzen dieser unserer armen Brüder vorgeht, wenn sie zur Auswanderung sich entschliessen. Es lautet: „Heute, Mittwoch den 19. April, 2 Uhr nachmittags, verlassen wir unterzeichneten 60 Fussgänger die Stadt Berlad und somit das rumänische Land für immer. Wir richten unsere Schritte nach einem vollkommen unbekannten Lande und geben uns der Hoffnung hin, dass es uns vergönnt sein wird, irgendwo in der weiten Welt ein Fleckchen zu finden, wo wir durch Arbeit unser tägliches Brot verdienen werden. Wir können es auf Ehre und Gewissen beschwören, dass wir dieses Land mit schwerem Herzen verlassen. Dieses Land, wo wir geboren und erzogen wurden, wo wir in Schulen und Kasernen Schreiben und Lesen gelernt, lieben wir, achten dessen Gesetze und Ideale. Wir waren und sind Juden geblieben, haben aber

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