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Die Welt · 1900-09-07 · 36 (7.9.1900) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
36 (7.9.1900)
Article
Rede Dr. Alexander Marmoreks
Date
1900-09-07
Page
6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Die s£ Welt*' Nr. 36 trotzdem stets Liebe für unser Land empfunden, uns immer seinen Gesetzen unterworfen und immer Ergebenheit für den Thron gezeigt. Mehr als zwanzig unter uns haben drei Jahre beim Militär gedient, wo wir gelernt, vor den Fahnen der Tricolore zu erzittern; wir haben in den Kasernen das Andenken jener achten gelernt, welche die Unabhängigkeit Rumäniens geschaffen, und haben in den Schulen auch jene Fürsten verehren gelernt, die das rumänische Land begründeten. Heute, wo uns nur mehr das Recht, Hungers zu sterben, übrig geblieben ist, treibt uns das Gefühl der Selbsterhaltung in andere Länder, andere Horizonte; unsere Menschenwürde zwingt uns, Völker aufzusuchen, unter denen wir vielleicht das Glück gemessen werden, durch Arbeit das tägliche ßrod zu verdienen, und wo wir demzufolge auch als Menschen anerkannt werden." So sprechen jene, welche man nicht als Landeskinder betrachen will! Dadurch, dass die Juden Rumäniens sich über die ganze Welt verstreuen, ist die rumänische Judenfrage nicht mehr eine interne des Landes, sondern eine internationale geworden. Sie war es bereits seit dem Berliner Vertrage, sie ist es heute noch mehr, denn die anderen Staaten sind gezwungen, sich auch mit ihr zu beschäftigen und irgend einen Standpunkt den Wanderern gegenüber einzunehmen, welche um Gastfreundschaft bitten. Die meisten verweigern den Armen das Gastrecht. Selbst Canada, auf das sie ihre Hoffnung setzten, beginnt, sie zurückzuweisen. Nur dieses grosse und gastfreundliche Reich, wo wir das Glück haben, uns heute versammeln zu können, das freie England, (Lebhafter Beifall und Händeklatschen) ist seinem alten Rufe, ein Asyl und Hort für vom Glücke verlassene Flüchtlinge zu werden, treu geblieben. Noch nie haben elende und verfolgte Menschen Englands Hilfe vergeblich angerufen, (Erneuerter, stürmischer Beifall und Händeklatschen.) die Hilfe derjenigen Nation, welche die Lehren der christlichen Nächstenliebe nicht bloss im Munde führt. Wir bekennen, dass wir im Herzen die Hoffnung hegen, die Sympathien Englands werden sich auch in unserem Falle thatkräftig erweisen, und schon jetzt sprechen wir unseren tiefgefühlten Dank der englischen Regierung aus, welche unseren armen Brüdern stets ihr wohlwollendes Interesse bekundet hat. (Erneuerter lebhafter Beifall.) Gerne würden wir ihr jene Aufklärungen über die wahre Sachlage zur Verfügung stellen, die ihr zu mangeln scheinen. Keine Macht der Erde jedoch hat sich bisher werkthätig der Juden angenommen. Nirgends hat man sich die Frage vorgelegt, was mit den Juden geschehen soll, wenn sie am Betreten fremder Gebiete verhindert werden, während sie in ihrer bisherigen Heimat, so lange die jetzigen Gesetze bestehen, schon aus dem Grunde nicht bleiben können, weil sie dort dem Hungertode entgegengehen. So lange sie in Rumänien weilten, mussten sie ihre Verzweiflung scheu unterdrücken. Seit sie sich durch die Länder schleppen, und ihre angsterfüllten Gesichter den civilisierten Nationen zeigen, beginnt auch eine leise Ahnung ihrer Pflichten jene zu beschloichen, welche ihnen durch die Bande des Blutes und auch durch die Erinnerung an ähnliche Qualen, die einst ihre Väter erlitten, verwandt sind. Aber viel zu schwach ist die Ueberzeugung, dass für die Juden der übrigen Welt mit der Grösse der Aufgabe auch die Grösse ihrer Pflichten gewachsen ist. Ein neues Spanien ist den Juden bereitet, und nicht ein Riesenschrei der Entrüstung und des Zornes erhebt sich unter ihnen von Ost bis West, um vor aller Oeffentlichkeit die ünthat zu brandmarken! Mit Frohlocken loben die Antisemiten aller Länder den Muth ihrer Gesinnungsgenossen jenseits der Karpathen und beginnen, gleich wilden Thieren, am vergossenen Blute Geschmack zu finden, und doch ist das Gefühl der Selbstbewahrung nicht imstande, alle jüdischen Gemeinden zu kräftigem Handeln und neuer Energie zu erwecken. Seit Jahren betteln in den Vorzimmern von ganz Europa dieselben verfallenen Gestalten, seit Jahren wiederholen sie monoton dieselben Klagen über Verfolgung und Elend, und all dies ist verhallt, verflog wie der Schall der gemurmelten Worte. Die jüdischen Gemeinden haben nichts vorhergesehen, nichts vorbereitet, sie sind von der heutigen Flut überschwemmt worden. Zwar ist noch in den Köpfen mancher Juden des Westens der Geist der Cremieux, Münk und Montefiore (Stürmischer, langanhaltender Beifall und Händeklatschen) nicht ausgestorben — schwächer wohl, wie es bei Epigonen stets der Fall, und nicht von jener Autorität gestärkt, aber er lebt. Die Zahl dieser Männer ist heute zu gering, ihr Beispiel nicht glänzend genug, um alle übrigen mitzureissen. Mehr als alle theoretischen Argumente hat die rumänische Krise wieder bewiesen, dass der Zionismus eine Nothwendigkeit, (Lebhafter Beifall) dass er das einzige Rettungsmittel für Hunderttausende unseres Volkes ist. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wohl hoffen wir, dass die Machthaber Rumäniens selbst einsehen werden, dass man nicht ungestraft der öffentlichen Meinung und dem moralischen Gewissen der gebildeten Welt trotzen kann, wohl hoffen wir, dass für den Augenblick wenigstens an dem namenlosen Unglücke und an den vergossenen Thränen eines unschuldig duldenden Volkes genug sein wird. Aber wir dürfen nie die Lehre vergessen, dio sich aus der furchtbaren Katastrophe dieses Jahres wieder von neuem ergibt: Arbeiten wir kräftiger denn je an der Schaffung unserer Organisation, damit kommende Unglücksfälle die Judenheit nicht wieder so treffen, wie die Auswanderung der rumänischen Juden. Es ist Zeit, dass dass Judenthum reiner sei und grösser und sich selbst achtend. In der Einigkeit liegt unsere Kraft, und am Ende dieses Jahrhunderts ist die Oeffentlichkeit auch Kraft Der Zionismus strebt die eine mit allen Mitteln an und wird sich der anderen voll und ganz bedienen. Wie mein hochverehrter, grosser Freund Nordau Ihnen heute schon gesagt: Wir bieten nochmals in diesem feierlichen Augenblicke die Bruderhand allen jenen, welche noch nicht mit uns gehen, damit es auch für sie nicht zu spät werde, denn das Martyrium unserer rumänischen Brüder hat dem Volke die Augen geöffnet in wessen Händen heute sein Schicksal ruht und wer, dank seiner Schwäche, es nach aussen vertritt und im Innern verwaltet. (Stürmischer, langanhaltender Beifall und Händeklatsehen.) Nachtsitzung des III. Tages. (Schluss.) Redacteur N. Sokolow (Warschau) referiert über die geistige Hebung des jüdischen Volkes. Eine wahre, moderne Volksbildung, führt er aus, kann sich nur aus sich selbst heraus entwickeln. Dank dem Zionismus habe man in vielen Volkskreisen die Passivität aufgegeben, es habe sich ein jüdisches Nation albewusstsein gebildet, das auf gegenseitiger Achtung beruhe, und dieses müsse zu Fortschritt und Bildung führen. Kein Problem könne uns mehr am Herzen liegen, als die Bildung, eines höheren jüdischen Typus. Das müsse die Grundlage unserer Bestrebungen sein. Es sei ganz ungerechtfertigt, wenn die geistige Hebung, die wir Zionisten anstreben, als die Quelle des Unglaubens betrachtet wird, ebenso wie jene Pseudo- Fortschrittler unrecht haben, die da behaupten, die jüdische

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